Friedrichshafen - Verjazzte Filmmusik aus Italien

Das Biondini & Giuliani Quartett spielt im Casino Stücke von zwei Legenden: Nino Rota und Ennio Morricone, aus Filmen wie "La Strada", "Cinema Paradiso" oder "Spiel mir das Lied vom Tod"

Nino Rota und Ennio Morricone sind die großen italienischen Tonkünstler des Kinos, und doch haben sie Melodien geschrieben, die jeder mitpfeifen kann. Das Projekt „Cinema Italiano“ im Casino Kulturraum versieht sie mit Widerhaken. Luciano Biondini (Akkordeon), Rosario Giuliani (Saxofon), Enzo Pietropaoli (Kontrabass) und Michele Rabbia (Schlagzeug) erarbeiten sich diese Musik neu. Zum Beispiel „Deborah’s Theme“ von Morricone, für den Film „Es war einmal in Amerika“, Sergio Leones Epos über zwei Gangster, von denen der eine steil aufsteigt, der andere (Robert De Niro) steil abstürzt. Man kann es für eine arg ausgiebige Klingklang-Spielerei halten, wenn der Schlagzeuger minutenlang Percussion-Klänge sampelt und sie mit digitalen Einsprengseln vermengt, die nach rückwärts abgespielten Soundfetzen klingen. Aber er schafft eine unwirkliche, traumartige Atmosphäre, die zum Film passt. Denn darin versinkt am Ende De Niro im Opiumrausch, und ob die vorangegangene Geschichte nun Realität war oder Drogentraum, bleibt offen.

Auch in Morricones „Cinema Paradiso“ muss man sich den Schönklang erst erarbeiten, muss durch einen rauschenden Soundschlauch, bevor insbesondere Saxofon und Akkordeon in einer schwerelosen Nostalgie schwelgen. Auch Bassist Charlie Haden und Gitarrist Pat Metheny haben dieses Stück schon aufgenommen – aber ohne sich um den südländisch-italienischen Klangcharakter zu kümmern, der Biondini und Giuliani wichtig ist. Das Quartett ist und bleibt Erzähler der Geschichten aus der Traumfabrik und agiert dabei doppelbödig, wie Regisseur Federico Fellini: der hat mit dem Massenmedium Film in „La Dolce Vita“ die Medienwirklichkeit der 50er Jahre aufs Korn genommen.

Und das Quartett amüsiert sich mit Nino Rotas charmant-verschmitzten Musik zum Film nun von höherer Warte über all die Schickeria-Filmstars, Popsänger und Skandalreporter, die in Fellinis Geschichte ihren Jahrmarkt der Eitelkeiten betreiben.

Zirkusmusik trifft im Casino auf Swing und Tango, die von Akordeon und Saxofon ungeheuer mühelos miteinander verbunden werden. Phrasen, die man aus dem Kino kennt, tauchen in Soli auf und wieder unter, werden zur Weitererzählung von Szenen, die lose durch den Hinterkopf spuken. Auch wird orchestrale Filmmusik aufs Intime runtergebrochen, wie in der Titelmelodie von „Spiel mir das Lied vom Tod“, und dabei das Temperament gewechselt: An die Stelle der pathethisch weit geschwungenen Sopranstimme treten introspektive und tröstliche Improvisationen von Akkordeon und Saxofon.

Das aufregendste Stück, „Bianco e nero“, stammt weder von Morricone noch von Rota, sondern von Rosario Giuliani selbst, und sein Spiel entspricht seiner körperlichen Erscheinung: drahtig, angespannt und leichtfüßig, gelingen ihm sprunghafte Phrasengirlanden. Mit dem großen Richard Galliano am Akkordeon hat Giuliani das Stück im Studio eingespielt, und mit deutlicher Tango Nuevo-Färbung steht ihm Luciano Biondini wieselflink in nichts nach. Spätestens als die Soli von Biondini und Giuliani ineinandergreifen und sie fast im Sekundentakt die Führungsrollen wechseln, stehen dem Publikum vor Staunen die Münder offen.

Und doch schlüpt das Quartett zuletzt in die Rolle der zünftigen Zampanos, mit einem Zirkusmarsch aus Fellinis Film „Achteinhalb“ von Nino Rota. Musik, die auch gut in Fellinis Film „La Strada“ gepasst hätte, in der Anthony Quinn jenen sprichwörtlich gewordenen Gaukler namens Zampano spielt. Auch dafür schrieb Rota die Musik.

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