Mein

Friedrichshafen Rockstar mit Geige begeistert in Friedrichshafen

Mit ihrer musikalischen Unmittelbarkeit überraschen und begeistern Nemanja Radulovic und die "Trilles du Diable" im Graf-Zeppelin-Haus am Bodensee.

Bereits der erste Ton trifft mit voller Wucht. Als ginge es bei jeder Note um alles, braust Fritz Kreislers Präludio in den Saal, kraftvoll, unbedingt und direkt. Plötzlich nimmt sich die Geige zurück – gläsern zerbrechlich klingt es zwischen Verzagen und Zärtlichkeit, ehe das Allegro rasende Sechzehntelkaskaden um sich schleudert, Doppelgriffe und Flageoletts einstreut und einem furiosen Ende entgegentobt.

Wer bei Kreisler an Eleganz und Wiener Schmelz denkt, muss sich Augen und Ohren reiben. Auf der Bühne steht ein Rockstar: die schwarzen Locken zu einem Dutt getürmt, in schwarzer Lederhose und Schnürstiefeln, mit Ohrringen, Lidschatten und T-Shirt unterm Jackett. Er spielt mit vollem Körpereinsatz, das Streicherensemble "Les Trilles du Diable", nennt er "my friends" und für den engeren Kontakt zu ihnen dreht er dem Publikum auch mal den Rücken zu. Wie eine Band lachen die Musiker einander an und wippen im Takt.

Der 31-jährige Nemanja Radulovic stammt aus Serbien, erhielt mit sieben Jahren den ersten Geigenunterricht und studierte mit 14 Jahren am Pariser Konservatorium. Seit er 2006 in Paris für den Stargeiger Maxim Vengerov mit dem Beethoven-Violinkonzert einsprang, konzertiert er mit führenden Orchestern und in großen Hallen rund um die Welt. Auf Festivals gibt er mit den "Trilles du Diable" auch mal ABBA-Lieder oder Filmmusik, zu seinen CDs produziert er Videoclips. Vor allem aber spielt er Geige mit einer Unmittelbarkeit, die die Zuhörer mitreißt. Bei ihm klingt durch, dass eine Geige aus altem Hartholz besteht, der Bogen mit Schwanzhaaren von Pferden bespannt ist – raues, gewachsenes Material. Er spielt ohne Rücksicht auf Verluste – allein an diesem Abend reißen mindestens zehn Bogenhaare.

Dass er auch transparent zart spielen kann, zeigt Radulovic in Mozarts eigentlich für Glasharfe geschriebenen Adagio. Das flott genommene Rondo dazu changiert zwischen leichtfüßigem Tanz und leidenschaftlichem Rock.

Die berühmte Chaconne von Johann Sebastian Bach stammt aus seiner zweiten Partita für Violine Solo. Die "Giaccona" kam als Volkstanz aus Spanien nach Mitteleuropa. Bei Bach wird sie zum Höhepunkt seines mehrgriffigen Werks für Geige, technisch hochkomplex und von bewegender musikalischer Tiefe. Ungestüm setzt Radulovic an und verleiht den ersten Akkorden schmerzliche Dringlichkeit. Abrupt wechselt er die Stimmung – vorsichtig, in ihrer Durchsichtigkeit an historische Aufführungsweisen erinnernd, entfaltet sich die Melodie. Sie prägt sich aus im Dialog – mal unterhält sich der Solist mit dem zweiten Geiger, mal mit der Cellistin, mal treiben die anderen ihn in wildem Tremolo vor sich her.

Nach der Pause übertrifft ein Virtuosenstück das nächste, dargeboten mit Spielfreude und Charme. Sarasates "Carmen"-Suite gerät lasziv und verführerisch, Paganinis "Cantabile" tupft luftige Verzierungen in süß schwelgenden Ton, das Tempo von Montis "Csardas" nimmt den Hörern fast den Atem. De Bériots Ballettszenen werden zu einem Fest der Tonfarben, von schroffen Untiefen über lyrische Melodien und ironische Wendungen zu spielerischen Springbögen.

Umso mehr erschüttert John Williams Filmmelodie zu "Schindlers Liste". Als klammere sie sich an das Leben selbst hängt, die Violine an der trostlosen Schönheit dieser Melodie, mal verzweifelnd, mal aufbegehrend, mal voll Resignation. Immer zarter klagen die Töne, bis sie fast unhörbar werden und schließlich verstummen. Als Stimmungsaufheller folgt "It's a man's world" aus dem Film "Das Leben ist ein Wunder" des serbischen Filmregisseurs und Musikers Emir Kusturica. Voll Witz und Temperament vergnügen die Musiker sich mit Trillern oder Pizzicati und stampfen mit den Füßen. Wie in einem Rockkonzert klatscht das Publikum im Anschluss nicht nur, es jubelt vor Begeisterung – und wird mit serbischen und rumänischen Volkstänzen als Zugabe belohnt.

Sichern Sie sich jetzt SÜDKURIER Digital und erhalten Sie dazu das iPad Air 2. Sie erhalten damit die Digitale Zeitung und Zugang zu allen Inhalten bei SÜDKURIER Online. Nur bis zum 30.4.2017.
Frühling bei SÜDKURIER Inspirationen!
Korrekturhinweis
Neu aus diesem Ressort
Friedrichshafen
Friedrichshafen
Friedrichshafen
Friedrichshafen
Friedrichshafen
Friedrichshafen
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren
    Jetzt Newsletter anfordern:
    © SÜDKURIER GmbH 2017