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Friedrichshafen Rhythmische Bubenstreiche

Sechs Schlagzeuger bringen die Bergwelt zum Klingen – Toni Bartls Show „Alpin Drums“ auf dem Kulturufer

Braucht der Bauer nachts 'nen Topf, liegt drin danach kein Frühstückszopf – diese Hüte hier sind zum Glück leer…
Braucht der Bauer nachts 'nen Topf, liegt drin danach kein Frühstückszopf – diese Hüte hier sind zum Glück leer… | Bild: Rüdiger Schall

Ein Kind schlägt auf einen x-beliebigen Gegenstand – ein Ton entsteht. Das ist die erste aktive musikalische Erfahrung, die es im Leben macht; erst staunt es und dann freut es sich.

Dass dieses Staunen und die Freude ein Leben lang anhalten können, zeigt sich beim Kulturufer in der Show „Alpin Drums“ von Toni Bartl, der damit innerhalb kurzer Zeit schon seine zweite Produktion in Friedrichshafen zeigt. Wie in „Yellow Hands“, seinem ersten Streich, wird im großen Zelt auf allem Musik gemacht, was eigentlich kein Instrument ist, und es wird ausschließlich getrommelt.

Sechs Mann setzen Bartls kindlich unbefangenen Einfallsreichtum auf der Bühne um, und kindlich ist die Begeisterung, die sie damit beim Publikum im ausverkauften Zelt auslösen. Es bleibt also dabei: Die Freude an Schlaginstrumenten und allem, was dazu werden kann, ist tief verwurzelt. Wenn zu diesem inneren archaischen Erleben dann noch ein uriges äußeres Umfeld kommt, ist der Spaß doppelt groß. Genau das gelingt „Alpin Drums“, wo die Bühne das Publikum in die Bergwelt versetzt, mit Musikern in Lederhosen, einem Holzstadel und einem Lokus mit herzförmigem Guckloch in der Tür. Zünftig? Zünftig!

Die sechs Mannsbilder spielen mit dem Hammer auf einem Dachlatten-Xylophon, sie nageln sich Schemel an die Schuhe und tanzen damit Flamenco-Rhythmen. Dann wieder stehen sie mit Nachttöpfen bewaffnet in Reih und Glied – und die Klöppel schlagen so weich und abstrakt darauf, dass man fast glaubt, Meditationsmusik aus Asien zu lauschen. Geschickt unterläuft „Alpin Drums“ so immer wieder das krachlederne Image, mit dem die Show sich schmückt und erzielt aus dem Kontrast zusätzliche Effekte. Das gilt auch, wenn die Bohrmaschine zum Einsatz kommt – denn eigentlich geht es dabei nicht um den Lärm der Maschine, sondern um deren blecherne Fräsaufsätze. Angeschlagen, klingen sie wie eine Triangel. Kommen verschiedene Größen zusammen, ergibt sich ein feines Glockenspiel.

Anders als in „Yellow Hands“ verzichtet „Alpin Drums“ auf zusammengebaute Höllenmaschinen. Die Show verwendet als Instrumente tradierte Alltagsgegenstände, von der Milchkanne über die Kuhglocke bis zur Axt. Freilich ist das Ganze nicht frei von Wiederholungen: Ob nun ein Wanderstock auf den (abgedeckten) Bühnenboden stampft oder der Stiel einer Sense, ist für den Klang völlig wurscht – und auch wenn Blech auf Blech schlägt ist egal, ob da nun die Milchkannen scheppern oder die Deckel eines Werkzeugkastens. Aber „Alpin Drums“ lebt nicht nur vom Klang, sondern auch von den choreographischen Einfällen und die fangen manches wieder auf, zumal es an szenischen Gags nicht mangelt. Vor allem Daniel Neuner, dem der Mutterwitz ins Gesicht geschrieben steht, wird mit seinen Bubenstreichen rasch zum Publikumsliebling.

Die Show genießt es, Klischees gleichermaßen zu bedienen wie zu unterlaufen. Da werden scheinbar unbedarfte Burschen auf die Bühne gestellt, deren Horizont schon an der nächsten Felswand endet – und ausgerechnet sie produzieren Rhythmen, die mit allen Wassern der Weltmusik gewaschen sind: Auf Schneeschippen entsteht Polyrhythmisches aus Lateinamerika; Eimer mit Stutzen, an denen Kälber gesäugt werden, verwandeln sich in hitzig gespielte Bongos; selbst die Fasnetsbräuche in den Alpen atmen plötzlich den Duft der großen weiten Welt, wenn ein Musiker in Blätzlerkluft durch eine Klangkulisse hüpft, in der offenbar die Rhythmen ganzer Kontinente zusammenfließen. Geographisch zurechenbar ist das nicht mehr, und wenn man es doch versucht, stellt sich die Frage, wo denn nun die Simpel sitzen: auf der Bühne oder eher vor ihr? Wenn „Alpin Drums“ mit Schuhplattlerrhythmen beginnen und sich bis zu diesem Punkt vorarbeiten, verfahren sie im Prinzip wie Hubert von Goisern, der seine Jodler auch nicht bis zum nächsten Gipfel, sondern um die ganze Welt schickt.

Ein krachledernes Vergnügen bleibt das Ganze trotzdem – mit Bier, das aus den Krügen spritzt und lustigen Bauernregeln: „Kommt die Milch in Würfeln raus, war im Stall die Heizung aus.“ Ganz am Ende läuft die Show noch einmal zu Hochform auf: Toni Bartl besinnt sich offenbar auf die alpenländischen Wolpertinger – das sind ausgestopfte Tierkörper, die sich aus verschiedenen Tieren zusammensetzen; etwa ein Murmeltier mit Hörnern und Flügeln –, denn er hat in vierfacher Ausführung einen Schlagzeug-Wolpertinger zusammengeschraubt: aus Leitern und Skistiefeln, Skiern und Stöcken. Vielleicht gibt es nur ein potenzielles alpenländisches Percussion-Instrument, das Toni Bartl noch nicht realisiert hat: das Schnee-„Brett“. An den Klöppeln dafür tüftelt er womöglich gerade.

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