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Friedrichshafen Provisions-Affäre an der Zeppelin-Universität: Schweigen und Unverständnis

Die Provisions-Praxis an der Zeppelin-Universität steht in der Kritik. Gemeinderats-Vertreter fordern eine vollständige Aufklärung. Die Einschaltung externer Prüfer wird begrüßt. Die Verantwortlichen der ZU-Stiftung wollen sich nicht äußern.

Die Begrüßung zum Semesterstart an der Zeppelin-Universität (ZU) am Montag markierte gleichzeitig den Abschied ihres Gründungspräsidenten. In einer Pressemitteilung zollten da alle Verantwortlichen von Stiftungsrat und Stiftungsvorstand der ZU dem in der Vergangenheit dem fast schon liebevoll „Querkopf“ genannten Stephan A. Jansen ihren Respekt. An der Stelle wird Stefan Sommer, Chef der ZF Friedrichshafen AG, aber auch so zitiert: „Mit Blick auf die aktuellen Diskussionen ist es mir ein Anliegen, als Vorsitzender des Aufsichtsgremiums der ZU-Stiftung zu sagen, dass es zu keinem Zeitpunkt in dieser Aufbauphase Zweifel an der Arbeit des Stiftungsvorstandes sowie der ordnungsgemäßen Geschäftsführung von Herrn Jansen und seinem Team gegeben hat.“

An diesem Urteil hält der Vorsitzende des ZU-Stiftungsrates auch nach Veröffentlichung der Provisions-Praxis an der privaten Hochschule offensichtlich fest. Wie wir berichteten, werden fünf bis zehn Prozent der privaten Fördergelder als Prämien ausschüttet – ohne Wissen der Geldgeber und hauptsächlich an ihren nun ehemaligen Präsidenten Stephan Jansen. Ein ZF-Sprecher erklärte gestern, Stefan Sommer werde „über das bereits Gesagte hinaus keine weitere Stellungnahme“ abgeben.

Auch der Vorsitzende des ZU-Stiftungsvorstands, Werner Allgöwer, hatte sich am Montag noch weit aus dem Fenster gelehnt: „Die Geschäftsführungs- und Vergütungsentscheidungen wurden immer gemäß der Regularien und Zustimmungserfordernisse der ZU-Stiftung und ZU getroffen“, wurde der Sparkassen-Chef da noch zitiert. Einen Tag später teilte der Stiftungsvorstand allerdings mit, dass neutrale Wirtschaftsprüfer beauftragt werden, das Vergütungssystem der ZU erneut unter die Lupe zu nehmen. Ergebnisse sollen im Oktober vorliegen und veröffentlicht werden. Bis dahin werde man zu „angeblichen Unregelmäßigkeiten“ keine Stellung mehr beziehen, hieß es wortkarg. Oberbürgermeister Andreas Brand befindet sich im Ausland.

Doch die Frage der Verantwortlichkeit stellt sich. „Es ist eine vollständige Aufklärung dieser Provisionspraxis nötig. Die Einschaltung externer Prüfer ist die richtige Maßnahme“, sagt Norbert Fröhlich, bisher stellvertretender Fraktionschef der CDU im Friedrichshafener Gemeinderat, der sich sehr überrascht zeigte und es „frappierend“ findet, dass die Förderer darüber nicht informiert wurden. Für Dieter Stauber, seit Juli SPD-Fraktionschef im Rat, sind Anreize für das Einwerben von Drittmitteln nicht zu beanstanden. „Ich bin jedoch der Meinung, dass die monetäre Provisions-Praxis überprüfungswürdig ist.“

Eine Information an die Geldgeber, dass Anteile der Fördergelder für Provisionszahlungen verwendet werden und eine Erläuterung dazu, was sich hinter dem Begriff „institutionelle Overheadkosten“ verbirgt, „wäre sicherlich ein Gebot der Transparenz gewesen“. Auf die Frage, wer die Verantwortung zu tragen hat, sieht Dieter Stauber diese bei der alleinigen Gesellschafterin, der ZU-Stiftung, die einen Stiftungsvorstand und einen Stiftungsrat hat.Gaby Lamparsky (FDP) betont zunächst, dass sie momentan nicht selbst prüfen könne, ob die Behauptungen stimmen. Provisionen in einem kleineren Umfang würde sie nicht generell verteufeln, aber nur bei vollständiger Transparenz und mit Zustimmung der Förderer. Wenn die Vorwürfe allerdings stimmen, dann „haben die Kontrollorgane der ZU und die einzelnen Förderer zu sehr vertraut und zu wenig hingeschaut, nachgefragt und kontrolliert“.

Auch Eberhard Ortlieb, Fraktionschef der Freien Wähler, war nicht über die Provisionierung an der ZU informiert. Wenn dies gängige Praxis an Universitäten sein sollte, „würde ich zumindest erwarten, dass diese Vorgehensweise den Geldgebern oder Sponsoren bekannt gemacht oder sogar vertraglich fixiert wird“. Was auf jeden Fall korrigiert werden müsse, sei die vollumfängliche Transparenz und Offenheit gegenüber den Geldgebern sowie gegenüber dem ZU-Stiftungsrat als Kontrollgremium. „Ich gehe davon aus, dass die vorhandenen und auch die neu zu erstellenden Verträge der Führungsmannschaft der ZU künftig detaillierter verfasst werden und die Kontrollorgane der ZU ihr Augenmerk darauf richten werden.“

Wie kann es sein, dass sich diese zweifelhafte Praxis über zehn Jahre etablieren konnte? Insider weisen darauf hin, dass das mit der Person des Ex-Präsidenten in Zusammenhang zu bringen sei. Er habe maßgeblich und gewissermaßen freihändig entschieden, wer wie viel vom „Prämienkuchen“ abbekommt. Bei der Mehrzahl aller Einwerbungen erhielt Jansen die volle Provision. Sie floss in seine Tasche. Das wäre laut seinem Nebenvertrag dann gerechtfertigt, wenn er von der Erstansprache des potenziellen Förderers über die Konzeptentwicklung und Vertragsverhandlung bis zur Kontaktpflege alles selbst leistet. Andernfalls stünde beispielsweise einem Professor, der das Förderkonzept erstellt, 40 Prozent der Einwerber-Provision zu.

Das System war also einseitig, kann man sagen. In vielen Fällen, so berichtet es ein Lehrstuhl-Inhaber, der nicht genannt werden möchte, seien die Professoren in Friedrichshafen leer ausgegangen oder hätten nur „Brosamen“ erhalten. Wem das nicht gepasst hat, der habe sich mit Jansen persönlich anlegen müssen, meist erfolglos. Eine „Om budsstelle“, wie Geschäftsführerin Katja Völcker im Gespräch zu vermitteln suchte, „hat es nie gegeben“.

Aufgrund der Berichte in den vergangenen Wochen beschäftigt sich nun auch die Staatsanwaltschaft Ravensburg mit den Provisionszahlungen.

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Aktuelles zur Zeppelin-Universität (ZU) in Friedrichshafen: Die Zeppelin Universität (ZU), früher Zeppelin University, ist eine private, staatlich anerkannte Universität in Friedrichshafen. Die ZU erhielt im September 2011 als erste Privat-Uni in Baden-Württemberg das Promotionsrecht.
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