Friedrichshafen - Ottmar Hörl zeigt ab morgen seine Zeppelin-Jungs auf dem Buchhornplatz

Die Installation mit 300 Figuren ist bis 1. Mai vor dem Zeppelin-Museum zu sehen. Zum Stückpreis von 60 Euro sind die Figuren zu haben.

Von morgen an an stehen sie bis zum 1. Mai auf dem Buchhornplatz vor dem Zeppelin-Museum: 300 Kunststoff-Figuren von Ottmar Hörl. Ausgehend von der Figur auf dem Häfler Zeppelinbrunnen hat Hörl die Plastik eines Jungen geschaffen, der mit einigem Stolz einen Zeppelin trägt. „Aller Anfang ist schwer“, nennt Hörl seine Installation, und das meint nicht nur die Vision des Grafen, die anfangs in den Kinderschuhen steckte. Ottmar Hörl meint damit auch die hohen Zäune, mit denen der Kunstbetrieb im obersten Preissegment sich umstellt – mit der Folge, dass die wenigsten Menschen das Gefühl haben, mitreden zu sollen. Anstatt sich mit Kunst zu beschäftigen und einen Anfang zu machen, steht für sie fest: Kunst ist etwas für die anderen.

„Ich mache das nun ja schon lang genug“, sagt Hörl, „und ich weiß, dass im Kunsthandel alles nur über Ausgrenzung funktioniert und indem man die Dinge rar macht.“ Ein Kunstwerk muss selten sein, damit es im Preis steigt, und der hohe Preis attestiert dem Kunstwerk wiederum ein hohes Maß an ideellen Werten und Originalität. Wer es sich leisten kann, dieses Spiel mitzuspielen, der kauft sich solche Kunst, die anderen schauen in die Röhre. „Wenn man sich vorstellt, dass eine Krankenschwester ein halbes Jahr arbeiten muss, um sich ein Kunstwerk leisten zu können, kann man sich vorstellen, was sie darüber denkt“, sagt Hörl. Höchstwahrscheinlich denkt sie sich nichts mehr, weil die Kunst über den Preis einer Gesellschaftsschicht zugeschlagen wird, zu der sie nicht gehört und die sie nichts angeht. Der Kunst-Zug fährt ohne sie ab – und er ist schlecht besetzt: „Nur drei oder vier Prozent der Gesellschaft verfolgen überhaupt die Entwicklungen der zeitgenössischen Kunst“, sagt Hörl, der das mit seinen Skulpturen ändern will.

60 Euro kostet in Friedrichshafen das (unsignierte) Stück, und das sorgt für eine Verteilungsgerechtigkeit bei den Normalverdienern.

Seit Jahrzehnten stellt Ottmar Hörl seine Skulpturen in großer Zahl her, und er kann von sich behaupten, das „Spiel“ des Kunstmarkts auf den Kopf gestellt zu haben: „Inzwischen haben alle Millionäre in Mitteleuropa mindestens einen ‚Dürer-Hasen’ von mir. Sie haben kapiert, dass es nicht um den Preis geht, sondern um was anderes: Menschen einfach mitzunehmen.“ Millionäre und Normalverdiener spielen bei Hörl in derselben Klasse – der eine wie der andere bekommt den Dürer-Hasen für 50 Euro über Hörls Online-Shop.

„Meine Sprachform ist eine serielle Konzeption. Reihungsprinzipien und all diese Geschichten, die was mit einer modernen Welt zu tun haben“, sagt Hörl. „Ich bin nach dem Zweiten Weltkrieg geboren und froh, dass alle Menschen sich in der Zwischenzeit ein Buch leisten können. Dass es kein Luxus mehr ist, an Kultur insgesamt teilnehmen zu können. Nur in der bildenden Kunst ist das noch nicht angekommen. Da sind wir eigentlich noch im 19. Jahrhundert.“ Die Kunst war da schon mal weiter, in den 1960er und 70er-Jahren, mit der Pop Art eines Andy Warhol oder mit Joseph Beuys. Warhol hat mit Campbell-Dosen bedruckte Tüten signiert und verschenkt, Beuys hat mit Bleistift seine „endlose Linie“ in Holzkisten gezeichnet und sie quasi zum Herstellungspreis unter die Leute gebracht. Was damals die Vorhut des Kunstbetriebs war, ist ins zweite Glied getreten. Tonangebend ist wieder eine Kunst, die sich rar macht, wie noch vor dem Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit.

Dass sich nur wenige Menschen mit Kunst beschäftigen, liegt natürlich auch an ihrer Verwissenschaftlichung und an ihrer Ausdifferenzierung. Allein schon an der grundsätzlichen Frage, was Kunst von Nichtkunst unterscheidet, kann man sich heute die Zähne ausbeißen. Und natürlich stimmt es nicht, dass nur Leute mit gut gepolsterter Börse Zugang zur Kunst haben. Die Mona Lisa kann man sich im Internet gratis ansehen, der Eintritt in Kunstmuseen, die Millionenwerte zeigen, kostet nicht die Welt und die Schwellen von Galerien lassen sich für lau überschreiten. „Aber jeder Galerist sagt Ihnen, dass die Sperre, eine Galerie zu betreten, bei den Menschen nach wie vor da ist“, sagt Hörl. Die Grenze steckt also in den Köpfen und es wäre schon viel gewonnen, wenn die Mehrzahl der Menschen nicht mehr wie zur Gefahrenabwehr vorsorglich auf ihre völlige Ahnungslosigkeit in Kunstfragen hinweisen würden, sobald das Wort „Kunst“ auf sie zumarschiert.

Ein Künstler wie Ottmar Hörl kann dazu beitragen, und das hat vielleicht mit der Frage der Bezahlbarkeit gar nicht so viel zu tun – auch einen Jaguar können sich die wenigsten leisten, aber gerade deswegen erträumen ihn sich viele – sondern weil er über seine Kunst sehr geerdet spricht. Hörl ist Präsident der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg und hätte kein Problem, im Experten-Jargon über seine Kunst zu parlieren. Stattdessen erklärt er seine Geschäftsgrundlagen: „Ich bekomme keine Honorare. Das was ich bekomme, ist die Erstattung der Kosten. Geld verdiene ich aber erst, wenn das Projekt erfolgreich ist“, sagt Hörl. Er bezeichnet sich nicht nur als Künstler, sondern auch als Unternehmer, der wie ein Handwerker kalkuliert. „Du musst schauen, dass du etwas erwirtschaftest mit dem, was du machst“, sagt er. Also mal sehen, wie vor dem Zeppelin-Museum die Geschäfte laufen.

Die Installation wird am morgigen Freitag um 19 Uhr auf dem Buchhornplatz vor dem Zeppelin-Museum eröffnet, in Anwesenheit von OB Brand und Museumsdirektorin Claudia Emmert. Kuratorin Carolin Gennermann führt mit Ottmar Hörl ein Künstlergespräch.

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