Mein

Friedrichshafen Mutmaßlicher Zuhälter vor Gericht

Ein Schöffengericht am Amtsgericht Tettnang verhandelt ab Montag einen Fall, in dem es um Menschenhandel und Prostitution geht. Einem damals 29-Jährigen wird vorgeworfen, im Herbst 2015 eine 18-jährige Rumänin nach Deutschland gebracht haben, um sie zur Prostitution zu zwingen. In Friedrichshafen gelang der Frau die Flucht aus dem Zimmer einer Gaststätte, in dem sie festgehalten wurde. Der Angeklagte behauptet, die 18-Jährige sei freiwillig mitgekommen.

Hat ein damals 29 Jahre alter Rumäne eine 18 Jahre alte Landsmännin nach Deutschland entführt, um sie in Friedrichshafen zur Prostitution zu zwingen? Diese Frage versuchen die Richter eines Schöffengerichts am Tettnanger Amtsgericht ab Montag zu klären. Der Angeklagte, dem schwerer Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung vorgeworfen wird, bestreitet bisher nach Angaben der Staatsanwaltschaft die Tat. „Er bringt bislang vor, die Geschädigte sei freiwillig mit ihm von Rumänien nach Deutschland gekommen und hätte jederzeit wieder zurückgehen können“, so Karl-Josef Diehl, Pressesprecher der Ravensburger Staatsanwaltschaft, auf SÜDKURIER-Nachfrage.

Auf unsere Frage, ob der 18-Jährigen Zeugenschutz gewährt wurde, teilt Diehl mit, dass die junge Frau für einige Wochen nach der Tat in einer Art „Schutzwohnung“ an einem geheimen Ort untergebracht worden sei. Nachdem sie im Ermittlungsverfahren richterlich vernommen wurde, sei sie wieder an ihren Wohnort nach Rumänien zurückgereist. „Ich gehe davon aus, dass sie kommt“, so Richter Martin Hussels-Eichhorn, der die Verhandlung leitet. Im Prozess wird die Rumänin auch als Nebenklägerin auftreten. Für den Prozess sind neben dem Termin am Montag zwei weitere Verhandlungstage, am 2. und am 16. März, vorgesehen.

Auch wenn der Angeklagte die bisher gegen ihn erhobenen Vorwürfe bestreitet, so ist nach den Ermittlungen der Polizei klar, dass die junge Frau in einem Zimmer einer Häfler Gaststätte festgehalten worden war. Im Gebäude, in dem sich die Gaststätte befindet, gibt es auch ein Bordell. Aus ihrem Zimmer war der jungen Frau im Herbst vergangenen Jahres die Flucht gelungen.

Im Verlauf langwieriger Ermittlungen hatte die Kriminalpolizei in Erfahrung bringen können, dass das Opfer bereits als Jugendliche in Rumänien von dem Angeklagten gewaltsam zu sexuellen Handlungen gezwungen und hierbei mit dem Mobiltelefon gefilmt worden war. Mit der Drohung, die Bilder in den sozialen Netzwerken zu veröffentlichen, habe sich der Mann in weiteren Fällen an der 16-Jährigen vergangen. Im September 2015 fasste der Angeklagte nach den Erkenntnissen der Polizei zusammen mit seiner 27-jährigen Schwester, die in Deutschland als Prostituierte arbeitet, den Entschluss, die zwischenzeitlich erwachsene Frau zur Prostitution zu zwingen. Unter einem Vorwand lockte er die junge Frau schließlich Anfang Oktober in sein Auto, nahm ihr die Ausweispapiere ab und fuhr mit ihr nach Friedrichshafen. Hier wurde die 18-Jährige im Zimmer der Gaststätte untergebracht, das vom 32-jährigen Ehemann der 27-Jährigen gemietet worden war. In einem unbeobachteten Moment gelang es dem Opfer, aus dem Zimmer zu fliehen und die Polizei zu verständigen.
 

Großes Dunkelfeld im Rotlicht-Milieu

Die Strafverfolger gehen in Fällen von Menschenhandel und Prostitution von einem großen Dunkelfeld aus:


Das sagt der Staatsanwalt: Ermittlungsverfahren mit dem Tatvorwurf des Menschenhandels gehörten sicher nicht zum "Tagesgeschäft" bei der Staatsanwaltschaft Ravensburg, aber sie kämen gelegentlich vor. Zu beachten sei, dass es hier möglicherweise ein nicht zu unterschätzendes Dunkelfeld gibt, denn die Taten können in aller Regel nur aufgeklärt werden, wenn die Opfer die Tat anzeigen und Aussagen dazu machen. Zu möglichen mafiösen Strukturen gebe es in dem Fall, der ab Montag in Tettnang verhandelt wird, keine Anhaltspunkte, wie Karl-Josef Diehl auf Nachfrage des SÜDKURIER mitteilt. In diesem Fall gingen die Ermittler von einem Einzeltäter aus. Zwar seien gegen zwei weitere Personen ebenfalls Ermittlungen wegen Verdachts der Beihilfe geführt worden. „Das Verfahren gegen sie wurde jedoch mangels hinreichenden Tatverdachts eingestellt“, so Diehl. Nach einer Erhebung des Bundeskriminalamtes wurden im Jahr 2014 bundesweit 392 Ermittlungsverfahren im Bereich des Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung abgeschlossen.

 

Der Strafrahmen für den Tatvorwurf des Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung, wie er gegen den Angeklagten erhoben wird, sieht Freiheitsstrafe von einem bis zu zehn Jahren vor. Für minder schwere Fälle ist ein Strafrahmen von 6 Monaten bis zu fünf Jahren vorgesehen.

Ihre Meinung ist uns wichtig
Besonderes vom Bodensee
Korrekturhinweis
Neu aus diesem Ressort
Friedrichshafen
Friedrichshafen
Bodenseekreis
Friedrichshafen
Friedrichshafen
Friedrichshafen
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren
    Jetzt Newsletter anfordern:
    © SÜDKURIER GmbH 2017