Als 1982 der Film „Fitzcarraldo“ in die Kinos kam, dachte man: Ein solcher Irrsinn kann nur Regisseur Werner Herzog einfallen – ein Streifen über einen Verrückten, der mitten im Urwald ein riesiges Schiff über einen Berg ziehen lässt, um die Stromschnellen eines Flusses zu umgehen.
Einen ähnlich „Verrückten“ gab es aber auch in Wirklichkeit: den deutschen Offizier und Abenteurer Paul Graetz, der in den Jahren 1911 und 1912 Afrika mit dem Motorboot durchquerte – von Mosambik über den Bangweulu-See in Sambia und den Kongo zum Atlantik. Das Boot „Sarotti“, benannt nach dem Schokoladenhersteller und Sponsor der Fahrt, war zwar nur acht Meter lang, aber auf einer Strecke von 240 Meilen musste es über Land gezogen werden; von 60 „Boys“, die Graetz vor Ort anheuerte, und zusätzlich 30 Frauen, die für die Mahlzeiten sorgten. Dass das Boot in der Mitte über eine Achse verfügte, an die Räder geschraubt werden konnten, war zwar hilfreich, aber wie die historischen Filmaufnahmen der Expedition zeigen, war das Unternehmen dennoch eine elende Plackerei.
Aus heutiger Sicht war Graetz der Vorläufer jener Weltenbummler, die von ihren Reisen an die Ränder der Welt mit einer vollen Fototasche zurückkehren und mit Diavorträgen durch die Lande ziehen – seine Filmaufnahmen und Dias, die zu den ersten zählen, die vom Schwarzen Kontinent gemacht wurden, führte Graetz nach seiner Rückkehr einem Publikum vor, das kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs noch im Kolonialismus schwelgte. Graetz konnte dabei auch tüchtig für die Sponsoren seiner Reise werben – nachdem er Afrika von 1907 bis 1908 schon einmal erfolgreich mit der Benzinkutsche durchquert hatte, fehlte es ihm für sein Motorboot-Abenteuer nicht an Unterstützung.
Ein Abenteurer ist auch Carsten Möhle, der sich auf die Spuren von Paul Graetz begab. In den 1980er-Jahren kam Möhle als Blauhelmsoldat ins an der Schwelle zur Unabhängigkeit stehende Namibia, heute lebt er als Veranstalter von Individualreisen im namibischen Windhoek. Wann immer es ihm möglich ist, zieht er eine eigenen Projekte durch – und der Nachvollzug der Hälfte von Graetz' Reise mit dem Motorboot war eines davon.
Auf Einladung des Vereins „Namibia Kids“ schilderte der leutselige Schleswig-Holsteiner im Theater Atrium seine Erlebnisse. Und weil er zuletzt auf seine Gage verzichtete, kamen die gesamten Eintrittsgelder dem neuen Projekt von „Namibia Kids“ zugute: dem Bau eines Kinderhauses.
Abenteuer sind eine paradoxe Angelegenheit. Im Grunde unternimmt man sie wegen der Pannen und Missgeschicke, von denen man eigentlich hofft, dass sie ausbleiben mögen. Aber schließlich ergeben sich aus den bösen Überraschungen die schönsten Anekdoten. Für Paul Graetz bestand seinerzeit das größte Unglück im Angriff eines Büffels. Sein Kameramann wurde dabei getötet, er selbst schwer verletzt. „Mit 14 Stichen flickte er sich selbst den Unterkiefer wieder einigermaßen zusammen, dann zurrte er sich den Gürtel um den Kopf, und so ging's auf die Suche nach einem Arzt“, erzähle Möhle, der auch gleich noch einen Brief an die Wand projiziert, den Graetz aus seinem dreiwöchigen Krankenlager an einen seiner Sponsoren geschrieben hat. Graetz' Schilderung des Unglücks hat einen ganz eigenen Ton: Das Soldaten-Zackzack des harten Kerls verbindet sich mit der Fabulierlust des Draufgängers und mit einem lakonischen Humor, gerade als probte der Verwundete schon hier die Präsentation, in der sein Erlebnis später in seine Lichtbildvorträge eingehen wird.
Auch Carsten Möhle und seine Mitstreiter blieben von Zwischenfällen nicht verschont. Der beträchtlichste: Eine Fehlkalkulation bei der Fließgeschwindigkeit des Kongo. Der fließt nämlich nur halb so schnell, wie Möhle vermutet hatte, und das brachte den Zeitplan gehörig durcheinander. Der Rückflugtermin am Ankunftsort drei Wochen später war nämlich schon fix gebucht. „Das hieß für uns“, so Möhle, „dass wir auch nachts paddeln mussten, um das zeitlich zu schaffen“. Paddeln, weil das Team anders als Paul Graetz auf einen Motor an Bord verzichtet hatte. „Wir wollten das eben aus eigener Kraft schaffen.“
Gewöhnungsbedürftig ist die Verpflegung, auf die man im Busch angewiesen ist: „Wir haben sechs oder acht Affen gegessen. Ich habe keine Ahnung, wie so ein Affe eigentlich schmeckt, denn weil sie voller Parasiten sind, muss man sie braten, bis sie die Vorstufe zur Holzkohle erreicht haben.“ Ebenfalls unangenehm: das fliegende Ungeziefer. „Nachts wurden wir pro Stunde zehn- bis zwölfmal von Elefantenmoskitos besucht. Die haben einen sechs Zentimeter langen Stachel, mit denen sie sogar Elefantenhaut durchstoßen können.“ Da hilft nur eines: sich bei 30 Grad heißen Nächten in den Schlafsack als „Stechschutz“ einzugraben. Sechs Liter Wasser schwitzt man auf diese Weise pro Nacht aus, und morgens muss erstmal im Fluss gebadet werden – wobei man nicht vergessen sollte, ein Teammitglied an Bord zu installieren, das vor anrückenden Krokodilen warnt.
Freilich, anstrengend ist eine solche Tour schon, aber das muss nicht heißen, dass man allzu sehr vom Fleisch fällt: „Wir haben uns vor dem Start extra fünf Kilo angefressen“, sagt Möhle mit einem Grinsen.
Neben seinen Abenteuerfahrten treibt Carsten Möhle Forschungsarbeiten zum Leben von Paul Graetz. Über jeden Schnipsel von dessen Hinterlassenschaft weiß Möhle Bescheid, und so zeigt er im Atrium zum Abschluss seines Vortrags die wiederentdeckten Filmaufnahmen von Graetz' Afrikareisen. Aufgespürt hat er sie bei Graetz' Tochter und dessen dritter Ehefrau. Weil die Familie ihm vertraute, übergab sie ihm das Filmmaterial: „Die Art wie ich rede und wie ich gehe, muss der von Paul Graetz sehr ähnlich sein. Man hatte wohl den Eindruck, ich sei eine Inkarnation von ihm“, erinnert sich Möhle.
Als der Afrika-Pionier 1968 mit 92 Jahren starb, war Carsten Möhle vier Jahre alt. Allzu gern wäre er ihm persönlich begegnet. „Ich wuchs nur 50 Kilometer entfernt von seinem letzten Wohnsitz auf. Er hätte mir seine Erlebnisse noch persönlich erzählen können.“
Harald Ruppert