Mein
Fasnacht

Friedrichshafen Mit dem Zettelkasten auf Schnitzeljagd

Listig in der Komik, erschlagend in der Komplexität: Arno Schmidt.
Listig in der Komik, erschlagend in der Komplexität: Arno Schmidt.

Arno Schmidt wurde ein gerüttelt Maß Skurrilität nachgesagt. Aber Joachim Kersten ist in dieser Hinsicht auch nicht von Pappe. „Haben Sie vielleicht was zum Anspitzen dabei, ein Messer oder so was?“, fragt er. „Ich schreib mit den Dingern immer.“ Diese Dinger, das sind große Zimmermannsbleistifte, und einen recht stumpfen reckt er uns entgegen, wobei seine Hoffnungsfreude schon jetzt getrübt wirkt. Nein, Taschenmesser haben wir tatsächlich nicht dabei, und so versucht Joachim Kersten, Vorstandsmitglied der Arno-Schmidt-Stiftung und hauptberuflich Rechtsanwalt, sein Glück beim Kellner, denn die Lesung ist inzwischen vorbei und wir befinden uns dort, wohin das typische Lesepublikum nach dem Schlussapplaus am liebsten abwandert: in der Kneipe. Der Mann hinterm Tresen guckt kurz befremdet, nimmt dann das Schreibstöckchen entgegen und versucht sein Bestes. Wie Kersten schließlich mit dem zugerichteten Schreibzeug an seinen Tisch zurückgeht, murmelt er nur: „Taugt immer noch nicht; ist aber in Ordnung.“

Arno Schmidt hätte aus einer solchen Anekdote eine ganze Erzählung gemacht, denn er brauchte nicht viel Material für seine exzentrische Literatur. In den beiden Erzählungen „Kühe in Halbtrauer“ und „Die Abenteuer der Silvesternacht“, entstanden 1961 und 1963, genügen ihm zwei Männer, Otje und Carlos. In der einen Geschichte sägen sie Holz, in der anderen begeben sie sich nächtens ins Wirtshaus. Das wär's im Wesentlichen. Das heißt: Das wär's, wenn die Handlung das Wesentliche wäre, was sich in Arno Schmidts Texten ereignet.

Das bisschen Handlung ist bei ihm jedoch wie ein im Meer versenktes Metallgitter, an dem sich Korallen festmachen – nur, dass die Korallen bei ihm aus gehäuften Assoziationen bestehen und aus einer Sprache, die in barocker Übertreibung wuchert und die man manieristisch nennen müsste, wenn sie nicht zugleich so originell und einzigartig wäre, auch so reich an Abweichungen von den Konventionen wie sonst vielleicht nur noch die Werke von James Joyce oder der Österreicherin Marianne Fritz.

Wenn Arno Schmidt es einfach nur darauf abgesehen hätte, seine Themen machtvoll unter den Tisch zu schreiben, würde ihn heute niemand mehr lesen. Doch seine Texte sind Bedeutungsungetüme voller versteckter Sinnebenen; alles ist wenigstens doppelt codiert, die Tinte des Unbewussten führt bei Schmidt die Feder, und nicht nur sie. Als Arno Schmidt 1973 den Frankfurter Goethepreis erhielt, sagte er in seiner Rede: „Freud hat nachgewiesen, wie praktisch jeder Satz, ja jegliches einzelne Wort, der Einwilligung sämtlicher 3 (oder gar 4) Instanzen der Persönlichkeit bedürfe, um zustande zu kommen; jede gibt ihren Beitrag dazu; sei's als Ge- oder Verbot, als Fehlleistung; die alle ihren Ausdruck in der Wahl des Wortmaterials ebenso finden wie im Inhalt des Satzes.“

Das konventionelle Ich erhält in Schmidts Literatur drei weitere Stimmen hinzu – das Über-Ich, das Es, schließlich eine Sphäre des Traums. Zum Schreiben derartiger Sätze scheint denn ein einfacher Füller nicht mehr auszureichen; ein Zimmermannsbleistift muss her, wie der von Joachim Kersten, denn es gilt, mit Wörtern ein Haus zu bauen, das der Komplexität des Menschen gerecht wird.

Dass eine solche Literatur Spaß machen kann, glaubt man kaum. Sie tut es aber, und Joachim Kersten beweist es gemeinsam mit Bernd Rauschenbach im Kiesel des Medienhauses. Es ist bereits die dritte Lesung der von Jan Phillip Reemtsma gegründeten Arno Schmidt-Gesellschaft in Friedrichshafen, und auch wenn man sich gleich beim ersten Besuch vor zwei Jahren „Zettels Traum“ vorgenommen hatte, Schmidts Opus magnum, bedeutet das nicht, dass „Kühe in Halbtrauer“ aus der mittleren Schaffensphase dagegen abfällt.

Anders als „Zettels Traum“ ist der Erzählband „Kühe in Halbtrauer“ noch verhältnismäßig konventionelle Prosa, die nicht in drei simultane Spalten aufgeteilt ist und bei der somit auch nicht feststeht, welcher Vorleser welche Passage zu lesen hat. Rauschenbach und Kersten müssen sich selbst eine Dramaturgie zurechtlegen, und es gelingt ihnen glänzend, teilweise mitten im Satz den Stab weiterzureichen – wobei Rauschenbachs grimmiger Nachdruck in Kerstens Verschmitztheit mündet.

Carlos und Otje, das sind zwei gebildete Glasperlenspieler, die ein Wochenende lang dem Landleben der norddeutsche Tiefebene frönen wollen und dort nun vor Ort an einer geliehenen Kreissäge stehen, um Ofenholz zu machen. Mit frozzelnd-freundlichem Interesse nimmt der Erzähler sie in den Blick, diese ältlichen Burschen, die nochmal einen auf zünftig machen und doch traurig ihre Impotenz belächeln, wenn eine dralle Maid vorbeigeht. Frei nach Freud wird die verhinderte Fleischeslust sublimiert: Die gesamte Beschreibung der Landschaft, in der die beiden „Halb-Greise“ in „erkünstelter Rüstigkeit“ schreiten, ist sexuell aufgeladen, der genital-anale Beiklang unüberhörbar (da steckt etwa in der Landschafts-“Culisse“ das französische „cul“ – Hintern). Es mangelt auch nicht an Exegeten, die den Sägevorgang an sich als Symbol für den Geschlechtsverkehr deuten. So werden Sachverhalte und einzelne Begriffe zu Einstiegsluken in komplexe Deutungssysteme, und Arno Schmidt erscheint als eine Art moderner Emblematiker. Ob die Germanistiker ihn, den Zettelkastenliteraten, auf der Schnitzeljagd der Fährten jemals einholen werden, ist aber mehr als zweifelhaft.

Harald Ruppert

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