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Friedrichshafen Menschenhandel: 29-Jähriger schrammt haarscharf am Knast vorbei

Zu zwei Jahren Haft verurteilte am Mittwoch das Schöffengericht des Amtsgerichts Tettnang den 29-jährigen Rumänen, der Anfang Oktober 2015 eine 18-Jährige nach Deutschland gefahren hatte, um sie hier Geld mit Prostitution verdienen zu lassen. Als die junge Frau das erkannte, flüchtete sie in Friedrichshafen.

Die Strafe wurde „haarscharf“, wie der Vorsitzende Richter Martin Hussels-Eichhorn formulierte, zur dreijährigen Bewährung ausgesetzt.

„Die Sache war nicht einfach. Wir hatten erhöhten Diskussionsbedarf“, berichtete der Vorsitzende bei der Urteilsbegründung. Zum einen, weil unter Menschenhandel die unterschiedlichsten Tatbestände zusammengefasst seien. Hier liege nicht das Ausmaß vor, dass schon durch das Wort Menschenhandel bei vielen assoziiert werde. Insofern sei es schwierig gewesen, eine schuldgerechte Strafe zu finden. Zum anderen steht aber fest, so Hussels-Eichhorn: „Das, was Sie gemacht haben, ist eine Riesensauerei. So geht man mit Frauen nicht um. So geht man auch mit Frauen in Rumänien nicht um.“ Rumänien sei Teil der EU und dort gelten die Menschenrechte. Klar sei aber auch, die wirtschaftliche Situation sei dort völlig anders und entspreche kaum dem Standard der Europäischen Union. Der Richter war selbst schon beruflich dort.

Der Täter hat Abitur, verdingte sich zeitweise als Lastwagen-Fahrer und lebt von 200 Euro im Monat. Sein Opfer hat ebenfalls Abitur und keinen Job. Dass man sich da Gedanken mache, wie man an Geld kommt, sei verständlich. Der Täter hat eine Schwester, die als Prostituierte in Deutschland ihr Geld verdient.

Für den Angeklagten spreche, dass er nicht vorbestraft sei, eine Geständnis ablegte und sich entschuldigte – wenn auch sein Opfer dazu meinte: „Was soll ich damit jetzt anfangen?“ Zu seinen Lasten wertete das Gericht das planvolle – im Juristendeutsch „listige“ – Vorgehen des 29-Jährigen. Die 18-Jährige war noch nie im Ausland, spricht keine Fremdsprache, hatte kein Geld und keine Lebenserfahrung. „Ein ideales Opfer“, erklärte Hussels-Eichhorn: „Sie können von Glück sagen, dass wir uns dazu durchgerungen haben, Ihnen Bewährung zu geben.“ Staatsanwalt Florian Brütsch hatte zwei Jahre und drei Monate Haft gefordert, ohne Bewährung. Pflichtverteidiger Gerd Pokrop wies zugunsten seines Mandanten darauf hin, dass dieser sein Opfer nicht „gefügig“ gemacht habe, wie es aus der Szene gelegentlich bekannt wird. „Der Typ Mann ist er nicht“, so der Verteidiger. Ob das Erpressungsvideo existiert oder existierte, spielt aus Sicht des Gerichts insofern keine Rolle, als dass es ihm reicht, dass es in der Vorstellung des Opfers existiert. Pokrop wies darauf hin, dass der 29-Jährige inzwischen fünf Monate fast isoliert in Untersuchungshaft gesessen habe. „Geben Sie meinem Mandanten eine Chance“, sagte Pokrop: „Sein großes Ziel ist es, heute nach Hause zu fahren.“

Das durfte er – aber nicht ohne eine Belehrung des Vorsitzenden Richters. Er werde das Urteil ins Rumänische übersetzen lassen, damit es ins rumänische Strafregister eingetragen wird. Und sollte er in seinem Heimatland eine Straftat begehen, habe er die Möglichkeit, die deutsche Bewährung zu widerrufen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, weil die Nebenklage noch nicht auf Rechtsmittel verzichtet hat.

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