Friedrichshafen – Immer mehr Kinder leiden an psychischen Problemen, gleichzeitig steigt die Verschreibung von Psychopharmaka drastisch an. Dem gilt es entgegenzuwirken.
Vom 10. bis 12. November findet in Friedrichshafen der bundesweite Jahreskongress der Kinder und Jugendpsychiater und Psychotherapeuten Deutschlands statt. Gemäß dem Thema „Kooperationen – über Grenzen hinweg“ werden gesetzliche, strukturelle Grenzen, aber auch Grenzen des Denkens thematisiert.
„Es ist wichtig, dass wir kranken Kindern und Jugendlichen eine ganzheitliche, aufeinander abgestimmte Hilfe anbieten können. Dies bedarf einer neue Form der Vernetzung und ein Umdenken der Finanzpolitik“, sagte Prof. Jörg Fegert von der Uniklinik Ulm in seinem Eröffnungsvortrag. Knapp zehn Prozent aller Kinder haben irgendwann in ihrer Kindheit seelische Probleme. Und: Es werden immer mehr. „Sichtbar wird dies vor allem ab der Grundschule oder auch später in der Pubertät“, sagt Dr. Dagmar Hoehne aus Friedrichshafen, Regionalvorsitzende des Landesverbands Baden Württemberg des Berufsverbands für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland e.V. (BKJPP). Die Symptome sind vielfältig. Manche Kinder haben psychosomatische Störungen, wie Bauch- oder Kopfweh. Andere Kinder werden aggressiv oder zurückhaltend und können sich nur schwer in die Gruppe einfügen. Die Ursachen hierfür sieht Hoehne vor allem bei den Eltern, aber auch beim derzeitigen Bildungssystem. „Überforderte Eltern, die als Doppelverdiener oder alleinerziehend vor allem ihre Berufstätigkeit organisieren müssen und von deren Kindern weitestgehende Selbstständigkeit erwarten, stehen Schulen gegenüber, die sich an Durchschnittsschülern orientieren und nicht an der Realität.
Zudem steige der Erwartungsdruck deutlich an und unsere Gesellschaft sei mittlerweile vom generellen Streben nach Perfektion geprägt. Kein Wunder also, wenn Kinder sich immer öfters alleine gelassen fühlen und Verhaltensauffälligkeiten zeigen.
Um dem frühzeitig entgegen zu wirken, ist ein Bündel an Maßnahmen notwendig. „Die Verschreibung von Psychopharmaka kann hier nur ein Teil der Behandlung sein“, sagt Jörg Fegert. Ein flexibles, ineinandergreifendes Beratungs- und Therapieangebot sei vonnöten, denn ein modernes Case Management könne nur in enger Zusammenarbeit funktionieren. In diese Kerbe schlägt auch Prof. Dr. Renate Schepker, die in ihrem Referat aufzeigte, dass finanzielle Mittel oft parallel ausgegeben werden. „Die Finanzierung einer übergreifenden Hilfe ist in den Ländern sehr unterschiedlich geregelt oder erst gar nicht vorgesehen“, sagt Renate Schepker. Es bedarf auch hier dringender Reformen.