Friedrichshafen Klänge in unendlichem Fluss
Unter Leitung von Joachim Trost verschreibt sich das Sinfonieorchester Friedrichshafen der Sinnlichkeit des Klangs. Bild: Bild: Rüdiger Schall
Leises Streicherostinato und eine tiefe, sonore Melodie erklingen von der Empore in St. Canisius. Behutsam wachsen die Holzbläser aus diesem Klang heraus. Blechbläser und Orgel kommen hinzu. Eine Steigerung führt zum ersten vollen Akkord. Der große Kirchenraum ist ausgefüllt vom strahlenden Klang der Einleitung zur Sinfonie Nr. 2 für Orgel und Orchester von Alexandre Guilmant.
Im anschließenden „Allegro risoluto“ führt ein sauber intoniertes Hornsolo eine groß angelegte Fuge an. Orchester und Orgel beginnen ein gut aufeinander abgestimmtes Wechselspiel oder verschmelzen zu großflächigem Tuttiklang.
Durch ständige Wechsel der Register, kleine Solostellen, entstehen abwechslungsreiche Klangfarben durch Orgel und Orchester im „Adagio con affetto“.
Im heiteren Scherzo, das Joachim Trost rhythmisch prägnant und gut akzentuiert gestaltet, dürfen die Holzbläser brillieren. In der Coda des letzten Satzes führen die Orgel, jetzt mit vollem Werk, und das voll besetzte Sinfonieorchester mit wuchtigen Klangkaskaden zum fulminanten Abschluss der Sinfonie.
Im ersten Satz der Orgelsinfonie Nr. 6 von Charles-Marie Widor zieht Nikolai Gersak alle Register. Nach der Vorstellung des majestätischen Themas zeigt er in den verschiedenen Variationen den Klangfarbenreichtum der großen Woehl-Orgel auf. Mit treffendem Kontrast führt er nach einem kurzen Rezitativabschnitt ein Seitenthema ein. Perfekt werden die beiden Themen in einer Durchführung verbunden und zu einem ersten dynamischen Höhepunkt geführt. Große Virtuosität zeigt der Kantor bei der entstehenden Polyrhythmik. Feinfühlig wandert das Hauptthema vom Pedal in die Oberstimme. Gekonnt der Agitato-Einsatz unisono in den Händen und auf dem Pedal. Nach der kräftigen Coda, mit einer rhythmischen Variante des Rezitativ-Themas, schließt Gersak mit einem lang nachhallenden Schlussakkord.
Die Früchte der langen Zusammenarbeit mit „seinen“ Streichern“ konnte Joachim Trost in der „Fantasia on a theme by Thomas Tallis“ von Ralph Vaughan Williams ernten. Angelehnt an die venezianische Mehrchörigkeit ist das Streichorchester, nun im Altarraum, in drei Gruppen aufgeteilt: Große Besetzung – Streichquartett – kleine Besetzung mit neun Musikern. Trost gestaltet mit intensivster Klangsinnlichkeit vom delikaten, feinsten Pianissimo zum einnehmenden Fortissimo. Trotz der ständigen Taktwechsel führt sein Dirigat zu einem unendlichen Fluss.
Gleichsam aus dem Nichts kommend, beginnt die geheimnisvolle, fortschreitende Einleitung. Wenn das große Orchester eine motivische Figur entwickelt, antwortet das kleinere darauf mit einer anderen. Nach dem großen Höhepunkt mündet ein Dialog zwischen Solo-Violine und Solo-Viola in die ruhige Coda. Die Streicher lassen die letzten Töne im fast Unhörbaren verklingen.
In der „Reformations-Sinfonie“ von Felix Mendelssohn Bartholdy glänzen die Musikerinnen und Musiker, nun mit Holz- und Blechbläsern erweitert, mit großer Geschlossenheit. Perfekt das Zusammenspiel der Streicher in schnellen Passagen. Lyrische Seitenthemen werden verhalten, aber trotzdem klangvoll, zurückgenommen. Gut aufeinander eingespielt präsentiert der Holzsatz seine offenen Stellen. Die Blechbläser nehmen sich, dem Kirchenraum angepasst, in der Lautstärke etwas zurück.
Mit dem Schluss-Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ in einer fulminanten Coda endet ein begeisterndes Kirchenkonzert.
