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Friedrichshafen Kaltblütigkeit kommt vor dem Fall

05.12.2011
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Eine bildmächtige Nachtmahr-Einflüsterung: Die Oper Halle mit Verdis „Macbeth“ im Graf-Zeppelin-Haus

Opernkritiken sind unfair. Da legen die Solisten bei jeder Vorstellung ihre Seele in die Stimmen, das Orchester bringt mehrere Stunden lang eine Leistung, die allein eine große Besprechung rechtfertigen würde – und dann bekommen die Solisten ein paar Sätze, das Orchester höchstens zwei, und den Rest heimst die Inszenierung ein, die einmal festgelegt wird, dann aber steht. Gerecht ist das nicht, und es geht noch ungerechter: Im Fall von Giuseppe Verdis Oper „Macbeth“, die die Oper Halle am Wochenende zweimal im Graf-Zeppelin-Haus (GZH) gab, beansprucht auch das mit diesen Aufführungen wiedereröffnete GZH seinen Raum im Text: Die Generalüberholung bescherte eine Vergrößerung des Orchestergrabens und auch die Dimensionen für Bildprojektionen auf der Bühne sind gewachsen; die Leinwand im Hintergrund hat nun beachtliche Ausmaße. Die neue Drehbühne bietet weitere Inszenierungsmöglichkeiten, kam aber noch nicht zum Einsatz.

Schwach besucht war dieser Macbeth leider beide Male, und die Anwesenden geizten zudem mit dem verdienten Szenenapplaus für ein Ensemble, das seinem guten Namen einmal mehr gerecht wurde. Dieser Macbeth in der Inszenierung von Axel Köhler ist großes Kino – er fesselt, ist aber nicht mit Effekten befrachtet, die das Spiel des Ensembles überdecken. Insbesondere im Fall von Romelia Lichtenstein als Lady Macbeth, die ihren Gatten aus Machtgier zum Mord anstachelt, wäre dies auch jammerschade.

Wo man Kwang-Keun Lee als Macbeth seinen Wankelmut zwischen kalter Entschlossenheit und weinerlicher Reue nicht recht abnimmt, verkörpert Lichtenstein das Böse mit jedem Gesichtsmuskel und virtuos bis in die Stimmfasern. Gleiches gilt für ihren entgeisterten Irrsinn, der sie schließlich nachts durch die Burg treibt. Eben noch monströs wie Salome, wirkt die Lady nun schutzlos wie Ophelia. Jede Facette ihrer Rolle lässt diese Sopranistin funkeln. Besagte Burg übrigens wächst aus dem Boden wie die Rundung einer Rampe im Skater-Park: Wer nach oben stürmt und dabei über Leichen geht, wie die Lady und Macbeth, der braucht sich über Blessuren beim unvermeidlichen eigenen Sturz nicht zu wundern; Kaltblütigkeit kommt vor dem Fall.

Das Unheilvolle und Fahle, das über dem Geschehen liegt, fasst Axel Köhler in sparsam eingesetzte Schwarzweiß-Projektionen: Etwa einer Burgmauer, die rasch so nahe rückt, dass sie Macbeth zum metaphorischen Verließ wird, aus dem es keinen Ausweg gibt. Verdis Musik ist von einer geisterhaften Ironie durchzogen, von einem Sarkasmus, in dem selige Harmonien nur dazu dienen, die Heimtücke mörderischer Pläne zu übertünchen – hervorragend wird die Staatskapelle Halle unter der Leitung von Andreas Henning dieser Aufgabe gerecht. Wunderbar stimmig hierzu der Einfall, zwei Narren einzufügen, die das Geschehen erläutern – in morbiden Reimen, auf den Leib geschrieben von Jörg W. Gronius, der damit zu einem Wilhelm Busch des Totenreigens avanciert: „Legt euch ins Bett und seid schön brav, dass niemand töte euch im Schlaf“, raten sie dem Publikum am Ende an.

Dieses ist zu diesem Zeitpunkt den hochromantischen Nachtmahr-Einflüsterungen auf der Bühne erlegen – vor allem dem dritten Akt mit seinem Sabbat der singenden Hexen. Spätestens wenn dort ein Knabe im weißen Gewande den blutüberströmten Kopf aus dem Kessel hebt und wie ein geschlachteter Engel zu singen beginnt, hat die Inszenierung die Bildmächtigkeit eines Films von Peter Greenaway. Dieses Standbild brennt sich ein, als Inbegriff einer nicht nur stimmigen Inszenierung, sondern einer starken Gesamtleistung.

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