„Boy“ – das ist anders, als der Name vermuten lässt, ein Duo, bestehend aus zwei Frauen: Valeska Steiner (Gesang) und Sonja Glass (Harmoniegesang, Bass, Gitarre). Die beiden füllten am Donnerstagabend das große Zelt auf dem Häfler Kulturufer mit über 1000 Fans. Am Eingang warnt ein Hinweisschild, dass die Lautstärke drinnen zu Gehörschäden führen könne. Wem die beiden zierlichen Frauen von ihren Unplugged-Auftritten her bekannt sind, kann davon schon irritiert sein. Abschrecken lässt sich jedoch offensichtlich niemand, denn das Zelt ist bis zum letzten Stehplatz-Quadratzentimeter gefüllt. Anheizen wäre hier eigentlich gar nicht nötig gewesen – dennoch schicken „Boy“ eine vom Publikum mit Jubel empfangene Vorgruppe auf die Bühne: „Me and my drummer“. Die Band bietet den Zuschauern sowohl klanglich als auch optisch einen echten Leckerbissen: Charlotte Brandi steht barfuß auf der Bühne und die widerspenstige Locke, die sich nur zu oft aus ihrem Zopf löst, macht ihren Anblick umso charmanter. Ihre kräftige Stimme präsentiert sie kreativ und facettenreich; zeitweise weckt sie Erinnerungen an „Florence & The Machine“.
Schließlich macht das Duo die Bühne frei für den Hauptact. Ungewohnt viele Musiker stehen bei diesem „Boy“-Konzert auf der Bühne. Zumindest mutet es für jene Zuschauer ungewohnt an, die „Boy“ von diversen Musikvideos in absolut sporadischer Zweierbesetzung kennen. „Eigentlich wollten wir unsere Stücke von Anfang an aufwendiger arrangieren“, verriet Sonja im SÜDKURIER-Interview. Doch dazu hätten ihnen anfangs die Mittel und Möglichkeiten gefehlt. Seit sie 2011 voll durchstarteten – vor allem mit ihrer Single „Little Numbers“ – und von Grönland Records unter Vertrag genommen wurden, sieht das jedoch anders aus. Nun stehen ganze fünf Musiker auf der Bühne, davon zwei Schlagzeuger.
Das hat natürlich seine Auswirkungen auf den Gesamtklang der Lieder. Die feinen, leisen Töne von Valeska Steiners Stimme sind zunächst nicht zu hören. Dafür ist die kräftige Seite ihres Gesangsspektrums vielfältiger als bei den Zweierkonzerten. Vielleicht muss man sich einfach von diesem Besser-oder-schlechter-Denken lösen. Dass der opulentere Klang dem Publikum durchaus gefällt, ist nicht zu überhören. Gegen später kommen auch die Fans der zarten Töne auf ihre Kosten. Die Percussion-Elemente zurückgenommen, die Stimme lauter als die melodischen Klänge von Sonjas Akustikgitarre – so erinnert der Auftritt direkt wieder an die intimeren Boy-Konzerte im kleineren Rahmen. Der Chartstürmer „Little Numbers“ wird vom Publikum lauthals mitgesungen. Nochmals zum Mitmachen aufgefordert werden die Fans später. „Der Text ist wahnsinnig anspruchsvoll“, kündigt Valeska Steiner an. „Er geht nämlich ‚lala-lala'“. Aus dem Publikum folgt Gekicher. Obwohl sie Hochdeutsch spricht, hört man Valeska ihre schweizerische Herkunft deutlich an. Das ist auch der Grund, weswegen es nie in Frage gekommen sei, deutschsprachige Titel zu schreiben, schilderte Sonja dem SÜDKURIER im Gespräch. Und Schweizerdeutsch habe einfach eine zu kleine Zielgruppe, fügt sie an. Englisch sei also naheliegend. Zum einen sei es eine viel verstandene Sprache und zum anderen besteht da ein ganz persönlicher Bezug: „Valeska hat Verwandtschaft in Los Angeles und so ist Englisch ihre zweite Muttersprache“, sagt Sonja.
Die Texte der älteren und neuen Lieder überzeugen weiterhin durch Durchdachtheit und schöne Formulierungen, wie der Abend auf dem Kulturufer beweist. Doch das Konzert ist nicht nur ein Ohren-, sondern auch ein Augenschmaus: Die beiden Musikerinnen tanzen auf der Bühne, wann immer es ihnen während eines Stücks möglich ist, und man merkt ihnen die Freude an der Musik deutlich an. Durch die schöne stimmungsvolle Beleuchtung mit einer riesigen Leuchtkugel und überdimensionalen Glühbirnen zusätzlich zu gedimmtem Schweinwerferlicht bekommt das Ganze etwas Zauberhaftes. Das überzeugende Programm wird glücklicherweise nicht – wie angekündigt – durch ein Unwetter beendet, sondern mit einem Sonnenuntergang über dem See.
Seit mehr als 20 Jahren bietet das älteste und schönste Zeltfestival in der Bodenseeregion im Friedrichshafener Uferpark ein Kultur- und Aktivprogramm für alle Altersstufen. Tausende Besucher zieht es Jahr um Jahr auf die Kulturmeile, wo Musik, Theater, Kabarett und mehr Programm sind.
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