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Friedrichshafen In Boca Chica wird Nächstenliebe gelebt

09.09.2008
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Die Freie Christengemeinde "Foyer" in Friedrichshafen ist als Entsendeorganisation bei "Weltwärts", einem Förderungsprogramm für humanitäre Hilfe der deutschen Bundesregierung, anerkannt. "Libertad" heißt das geförderte Friedrichshafener Missionsprojekt in Kolumbien, das von der Freien Christengemeinde unter der Leitung von Pastor Andreas Sohl (45) mit ins Leben gerufen wurde. Hinter dieser nun offiziell gewürdigten und anerkannten Arbeit von höchster politischer Stelle verbirgt sich gelebte Nächstenliebe:

Die Flugzeugtüren öffnen sich und die klimatisierte Kühle muss der feuchten, tropischen Luft weichen. Eine 26-stündige Reise liegt hinter den Friedrichshafenern, doch sie sind noch nicht am Ziel. Sie haben kaum Augen für die kolumbianische Hafenstadt Cartagena, die im spanischen Kleid Touristen aus aller Welt anlockt und Geschichten vergangener Tage erzählt. Erst gilt es noch, eine halbstündige Bootsfahrt nach Isla de Tierrabomba zu überstehen. Auf dieser Insel liegt Boca Chica, ein kleines Dorf, das nichts mit der pompösen Schönheit von Cartagena gemein hat. Hier leben die Nachkommen ehemaliger afrikanischer Sklaven in primitivsten Verhältnissen.

Pastor Andreas Sohl reist mit einem Team an, um den von Friedrichshafen ausgesandten Missionar Martin Hakenjos (36) vor Ort zu besuchen und weitere Projekte zu besprechen. Schnell werden die Koffer in kleine Boote verstaut und los geht es.

In Boca Chica wird der deutsche Pastor schon sehnlichst erwartet, nicht nur von Martin Hakenjos, der vor zehn Jahren die Missionsstation "Libertad" gemeinsam mit der internationalen Organisation "Jugend für eine Mission" aufbaute. Viele Kinder stehen am Ufer und begrüßen die seltenen Gäste. Überall liegt stinkender Abfall, denn Müllentsorgung kennt man hier nicht. Trinkwasser gibt es auch nicht, es muss mit Schiffen vom Festland hergebracht werden. Gleich wird das Wasserschiff anlegen. Die Kinder müssen dann große Wasserkanister von der Verkaufsstelle am Hafen nach Hause schleppen. Deshalb ist die Ankunft des deutschen Pastors eine willkommene Abwechslung, bevor die schwere Arbeit beginnt.

Die von der Freien Christengemeinde geförderte Missionsstation ist mittlerweile aus Boca Chica nicht mehr wegzudenken. Vor zehn Jahren allerdings bedurfte es einer großen Portion Glaubensmut, um aus dem gekauften Grundstück mit dem verfallenen Haus eine Missionsstation zu machen. "Zuerst bauten wir überall Toilettenhäuschen, denn es gab auf der ganzen Insel nur eine einzige Toilette", erzählt Hakenjos. Durch mangelnde Hygiene konnten sich viele Krankheiten schnell verbreiten und deshalb wurden parallel zum Toilettenbau auch Hygieneseminare abgehalten. Bald schon richteten sie auf der Missionsstation eine Apotheke und ein Behandlungszimmer ein. Hinzu kamen eine Suppenküche, ein Schulbetrieb und Hilfe zur Selbsthilfe. Immer wieder kamen Ärzteteams aus den USA, Kolumbien und aus Friedrichshafen, um den Menschen zu helfen. So entstand die Idee, ein Krankenhaus aufzubauen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten wurde mit dem Bau begonnen. "Wir brauchen immer wieder Ärzte, die sich für einige Wochen zur Verfügung stellen, um den Menschen hier zu helfen", sagt Pastor Sohl.

Um auch anderen Inseln medizinische Hilfe zu ermöglichen, restaurierte Martin Hakenjos im Laufe der Jahre mit großem Arbeitseinsatz und viel Herzblut ein altes Schiff, das eine schwimmende Krankenstation werden soll. "Das Schiff ist fertig. Jetzt fehlt nur noch die technische Ausstattung." Dieses Schiff soll einmal entlegene Orte anfahren, die nur von der Seeseite aus erreichbar sind, um auch hier Hilfe und Heilung zu den Nachbarinseln und in Dschungeldörfer zu bringen.

Die Menschen auf Tierrabomba leben vorwiegend vom Fischfang. Auch stellen sie Schmuck her, den sie an die Touristen in Cartagena verkaufen. Mit solch geringen Einnahmen kann eine Familie kaum ihren Lebensunterhalt bestreiten. Deshalb haben viele Kinder keine Möglichkeit, zur Schule zu gehen. Nur wohlhabende Familien können sich das Schulgeld leisten. Doch Kinder gibt es viele in Boca Chirund 12000 der 20000 Einwohner sind Kinder. "Seit einigen Jahren ermöglichen wir 120 Kindern aus ärmsten Verhältnissen eine Schulausbildung. Sie werden mit Schulkleidung und allen Arbeitsmaterialien versorgt und bekommen eine warme Mahlzeit am Tag", erzählt Pastor Sohl. Paten aus Deutschland, den USA und Kolumbien finanzieren mit jeweils 20 Euro im Monat den Kindern den Schulbesuch. "Das ist ein wichtiger Arbeitsbereich, denn ohne Schulbildung ist Armut vorprogrammiert und der Kreislauf würde sich fortsetzen." Doch es werden noch viele Paten benötigt, um eine flächendeckende Schulausbildung zu ermöglichen.

"Durch die Arbeit der Missionsstation haben wir wieder Hoffnung für unsere Kinder bekommen", strahlt die Mutter von Roxane (9). Ihre Tochter gehört zu den 120 Kindern, die in die Schule gehen dürfen. Vor der Hütte brennt ein kleines Feuer. Im Topf köchelt ein wenig Reis, das Hauptnahrungsmittel der armen Bevölkerung. Roxanes kleiner Bruder ist fünf Jahre alt. Auch er wird eines Tages von der Schulbildung seiner großen Schwester profitieren können. In der Hütte der Familie gibt es nur eine Matratze, auf der die Kinder schlafen, sonst nichts. Nur in der Ecke liegt ein alter Schwimmreifen, das einzige Spielzeug weit und breit.

"Es ist schön zu sehen, dass durch kontinuierliche Hilfe von Organisationen, Kirchen, Privatpersonen, Paten und Firmen den Menschen auf Boca Chica wieder Hoffnung für eine bessere Zukunft gegeben wird. Die jungen Leute hier bekommen eine neue Perspektive, ihr Leben in die Hand zu nehmen und selbst die Veränderung zu sein, die sie sich wünschen", sagt Pastor Sohl.

Ende 2008 wird Martin Hakenjos für zwei Monate in Deutschland sein, um in Friedrichshafen und anderen deutschen Städten über das Projekt zu berichten. Doch die Kinder auf Boca Chica wissen wenig von all den Bemühungen der Freien Christengemeinde auf höchster politischer Ebene. Sie warten im Hafen auf das Wasserschiff und kicken die herumliegenden Dosen in unsichtbare Fußballtore. An den Abfallgeruch haben sie sich längst gewöhnt.

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