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Friedrichshafen Im Winter greift der Kapitän zum Schraubenschlüssel

Was tun die Mitarbeiter der Bodensee-Schiffsbetriebe im Winter? Schiffsführer Ingo Flock beispielsweise greift zum Werkzeug, steigt in den Maschinenraum und kontrolliert Schrauben und Öl.

„Er fährt im Winter den Katamaran und die Autofähre oder arbeitet auf der Werft“, wischt Uwe Zschocke den Gedanken an Südseeabenteuer beiseite. Er muss es wissen, er ist Hafenmeister in Friedrichshafen und bei ihm laufen alle Fäden zusammen. „Außerdem sind alle Mitarbeiter Gesundheitshelfer und absolvieren Kurse oder Feuerschutzübungen, für die im Sommer keine Zeit ist.“ Keine Zeit heißt konkret: 400 Überstunden pro Saison – und die werden natürlich auch abgebaut.

„Was tut ein Kapitän auf der Werft und wo ist die überhaupt“, ist die nächste Frage. Die Werft ist unscheinbar und neben der Landesstelle der Fähre. Und der Kapitän ist gar kein Kapitän! Den gibt es nur auf hoher See, auf dem Bodensee heißt er Schiffsführer und die Hierarchie baut sich durch Hafenservice, Decksmann, Matrose, Steuermann, Schiffsführer und Hafenmeister auf. Man kann sie leicht erkennen: Der Decksmann hat einen Streifen auf der Schulterklappe, der Schiffsführer vier.

Einen Traumschiffkapitän und Frauenschwarm sucht man bei den Bodensee-Schiffsbetrieben vergebens. Zuverlässige Teamarbeiter und Kameraden findet man dagegen schnell. Sie alle sind keine unnahbaren Herrscher, sondern auf und unter Deck bei Kollegen und Gästen zu finden. Im Winter aber ziehen sie die Uniform aus und arbeiten in ihren Gewerken. Viele Mitarbeiter sind nämlich Elektriker und Schlosser, Flaschner oder Ingenieure und bringen das Schiff auf Vordermann.

Bei der „München“ lässt sich das gut beobachten. Sie liegt im Hafen nahe der Autofähre und bekommt nach 51 Dienstjahren einen neuen Motor. Dazu wird die gesamte Elektrik und Elektronik ausgetauscht und im Frühjahr geht die München mit moderner Steuerungsanlage wieder auf Fahrt.

Vielleicht mit Ingo Flock? Vor 15 Jahren fuhr dieser nach Asien und Afrika, vor zwei Wochen zeigte er bereitwillig seinen Fahrstand auf dem Katamaran – jetzt kauert er im Maschinenraum der „Lindau“. Schrauben- und Ölkontrolle sind angesagt. Das Öl wird auf seine Qualität, Farbreste oder Metallabrieb untersucht und das Team wartet Entwässerungs- oder Feuerlöschpumpen ebenso sorgfältig wie sanitäre Anlagen.

Ein Schiffsführer braucht außer Zeugnissen, Eignungstests und 365 absolvierten Steuermannstagen eine vielseitige Rundum-Erfahrung. Bei Ingo Flock zählen dazu die Jahre auf hoher See, Enthusiasmus und die Freude am Schiffsmotor. Er gehört zu der Generation, die ohne Hightech gefahren ist. Natürlich freut er sich auf die moderne München, aber er schwärmt auch: „Wenn man gemeinsam so einen großen Motor zerlegt hat und nach zwei Monaten dreht man die letzte Schraube zu und er läuft problemlos an – dann ist das einfach ein tolles Gefühl.“

Nebenan in der Werfthalle liegen Anker und Kette der „Schwaben“ auf dem Boden, der Rumpf ruht auf dicken Bohlen. Die goldenen Buchstaben fehlen, die Farbe auch. Der Stahl wurde abgeschliffen, mit Rostgrundierung behandelt und Fachleute haben mit Ultraschall die Dicke der Wandung kontrolliert. Innen grüßt ein Schild „Willkommen an Bord“, aber sonst gibt es nichts Vertrautes mehr. Fußboden und Wandverkleidung, Bänke und Lampen sind ausgebaut und werden verschönt. Uwe Zschocke präsentiert das Kabelgewirr im Fahrstand, mehr gibt es nicht zu sehen. Es riecht nicht nach Saitenwürstchen, sondern nach Farbe, und statt Möwengeschrei erklingt das Kreischen der Flex. Ein Schiff, das sich nicht bewegt, ist eigenartig – und der Gedanke, dass auf diesem Schiff Silvester gefeiert wird, hat etwas Futuristisches.

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