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Friedrichsharn Häfler Untergrund erinnert an Zweiten Weltkrieg

Viel zu spät gab es in Friedrichshafen Schutzbunker für die Bevölkerung. Der Bau begann laut Experten erst nach den großen Angriffen. Besuch in einem alten Hochbunker auf dem BSB-Gelände.

Unscheinbar wie eine alte Gartenlaube erscheint das Gebäude an der Hecke: wenige Meter breit, grauer Beton, keine Fenster, umstellt von altem Gerät. Seine Bedeutung und Wuchtigkeit zeigt sich erst beim Betreten: Die Unterwelt eines alten Bunkers eröffnet sich dem Besucher hinter schwerer Stahltür: eng, verwinkelt, aber spürbar massiv, erstaunlich erhalten und hell. Und etwas gruselig, wenn man daran bedenkt, wozu das Ganze gut war. Auf dem Gelände der Bodensee-Schiffsbetriebe befindet sich einer der letzten erhaltenen Luftschutzbunker in Friedrichshafen aus dem Zweiten Weltkrieg, einer der letzten Zeugen der Zerstörung. Dabei gab es gegen Kriegsende viele solcher Anlagen, aber unterirdisch: Friedrichshafens Untergrund war durchlöchert von Bunkern und Schutzstollen. Für etliche Einwohner kamen sie viel zu spät.

Einer, der so etwas weiß, ist Wolfgang Kneifl, gebürtiger Häfler und Militärhistoriker aus Passion. Auf seiner noch unvollständigen Website über die Garnisonsstadt Friedrichshafen kann man nachlesen, dass zu den französischen Militäreinheiten, die 1945 zum Kriegsende einrückten, auch eine Einheit der berühmten Fremdenlegion zählte. Der 54-Jährige erzählt, was erstaunlich klingt: dass Friedrichshafen wegen der vielen Industrieanlagen zwar mit etlichen Flak-Stellungen schwer bewaffnet war – aber kaum über öffentliche Luftschutzbunker verfügte. So sieht es auch Hartmut Semmler, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Häfler Stadtarchiv: "Mit dem Bunkerbau ging das erst nach den großen Angriffen richtig los, und als die in Betrieb genommen wurden, war schon alles rum.

" Geschehen war da auch schon der verheerendste Angriff am 28. April 1944, als 322 Lancaster-Bomber mit 1234 Tonnen Bomben 656 Häuser zerstörten, fast ebenso viele beschädigten und 136 Menschen töteten. Viele Schutzbauten seien keine richtigen Bunker gewesen, erklärt Hartmut Semmler, sondern eher Schutzstollen, die bei Nah- oder Volltreffern nicht widerstanden hätten. Derlei gab es viele.

Der Archiv-Mitarbeiter rollt große Pläne auf dem Tisch aus. Verblassende Bilder sind kaum noch abbildbar. Aber eines zeigt: Über die verborgenen Reste eines ganz typischen Schutzstollens jener Zeit marschieren heute jeden Tag Passanten: vor dem Stadtbahnhof. Knapp 70 Zentimeter unter der Grasnarbe entstand U-förmig ein betonierter Stollen, der zu beiden Seiten des Bahnhofsvorplatzes einen Ausgang hatte. "Öffentlicher Sammelschutzraum" wurden solche Anlagen genannt – diese sollte 250 Menschen aufnehmen. Für ähnliche Stollen zum Beispiel auf dem Bahngelände an der Eugenstraße, bei der Canisiuskirche, an der Ecke Friedrich-/Wilhelmstraße im Bahndamm, im Herzoglichen Schloss in Hofen gab es dokumentierte Baugenehmigungen. Dazu sollten große Keller in öffentlichen Gebäuden ausgebaut werden. Diese Schutzräume waren wohl eher für Firmenmitarbeiter und Passanten gedacht, heißt es in dem Buch "Friedrichshafen im Luftkrieg" von Raimund Hug-Biegelmann, das die Stadt herausgegeben hat.

Wie viele tatsächlich gebaut wurden, kann auch der Autor nicht nennen, zu viele Unterlagen verbrannten. Hug-Biegelmann stellt fest: Für höchstens sieben Prozent der Bevölkerung gab es bombensichere, öffentliche Schutzräume. Die meisten Luftschutzbunker waren unter Privathäusern zu finden, deren Eigentümer ab 1940 Keller ausgebaut hatten. Der Mangel an Schutz wurde von Seiten der Friedrichshafener Verwaltung mehrfach beklagt, worauf die Stadt schließlich in das "LS-Führerprogramm" aufgenommen wurde.

Aber als dann im großen Stil doch noch sichere Bunker gebaut wurden, lagen die Stadt und das ganze Reich bereits in Schutt und Asche. Da war selbst der Beton knapp geworden. Die meisten Bunker erreichten nie ihren Endausbau. Die Pläne sahen angesichts der Verwüstung oben gewaltige unterirdische Stollen vor: etwa 18 Meter tief unter der Ecke Friedrichstraße/Sedanstraße und ebenso tief unter dem Dreieck Friedrich-, Eckener Straße. Sie kamen zum Teil über Anfänge nicht hinaus, wurden aber doch noch genutzt. Eine Ausnahme: Ein großer Wassereinbruch beendete im Januar 1945 in der Altstadt die Bauarbeiten.

Fertig wurde auch nicht die große Anlage bei Seemoos, die nahe St. Elisabeth als Hallbergerstollen in die Bahnböschung gegraben wurde, um unter Metern von Erdreich Schutz zu bieten. In den Windhager Berg trieb man ab 1944 lange Stollen – 2,3 Meter breit, 2,25 Meter hoch, die einmal 560 Menschen aufnehmen sollten. Das waren wohl die letzten Stollenprojekte, die noch betrieben werden konnten. Allerdings musste großenteils eine Holzabstützung genügen. Fertig wurde die Windhager Anlage nicht mehr.

Solide Betonbunker fanden sich indes bei den Industriebetrieben, etwa dem Zeppelinwerk. Bekannt ist heute noch der MTU-Bunker, dessen ausgedehnte Betongänge in Manzell viel Platz boten. Dieser Bunker wurde bereits in den Dreißigern auf dem Gelände des damaligen Dornier-Werks gebaut. Die Franzosen sprengten später die meisten Stollen, der Rest wird heute nicht mehr genutzt, erklärt Pressesprecher Wolfgang Boller.

Eine Verwendung gab es für den Hochbunker auf dem Gelände der Werft am Stadthafen – einer der wenigen, die damals gebaut wurden, wahrscheinlich als Schutz für Werftmitarbeiter. Wer das Bauwerk besichtigen will, muss sich an die Bodensee-Schiffsbetriebe wenden, aber nur für einen Pressebesuch öffnen die BSB-Mitarbeiter Daniela Geissler und Pascal Zuschke einmal die Stahltür. "Vorsicht!", warnt Pascal Zuschke: erst lüften, dann reingehen. Es könnten sich über die Jahre Gase gebildet haben. Es geht mehrere Stufen hinunter. Die Gänge wirken überraschend frisch, und die saubere Gerätschaft zeigt: Dieser Bunker wurde im Kalten Krieg als Kommunikationszentrale für den "Fall X" gepflegt.

Lüftungs- und Elektrizitätsanlagen sind noch vorhanden. Innen erscheint der Bau größer als von außen und kalt wie alle Bunker. Aber eigentlich könnte man da prima Partyräume draus machen, sagt Zuschke grinsend.

Angriffe auf die Stadt

  • Im Laufe des Zweiten Weltkriegs war Friedrichshafen elf Mal Ziel von Bomberangriffen der Engländer und Amerikaner, die es auf die großen Rüstungsbetriebe abgesehen hatten. Dabei trafen die Bomben aber immer häufiger auch die Stadt selbst – umso mehr, je mehr die starke Flugabwehr die Piloten zu ungenauen Abwürfen aus großer Höhe zwang.
  • Je nach Quelle zwischen 500 und 700 Tote waren ein Ergebnis der Bombardierungen, auf deren Höhepunkt am 28. April 1944 in einer Nacht 136 getötete Einwohner zu beklagen waren.
  • Friedrichshafen wurde flächig zerstört. Es erstaunt heute, dass der Bau von tatsächlich schützenden, öffentlichen Bunkern erst 1943 aufgenommen wurde. (aep)

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