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Friedrichshafen Fischer am Bodensee sorgen sich um Zukunft

120 Berufsfischer gibt es noch am Bodensee. Doch seit Jahren sinken die Fangerträge. Verantwortlich dafür sind die niedrigen Phosphat-Werte des Wassers. Die Fischer fürchten um ihre Existenz.

Der Bodensee meint es gut an diesem Morgen. Wie ein Tuch mit sanften Falten liegt er da, sein Wasser so bleigrau wie der Himmel. Für die eisigen Temperaturen kann er nichts. Minus zwei Grad Celsius zeigt das Thermometer. Es ist acht Uhr. Anita Koops und Karl-Heinz Liebsch haben ihr Auto am Fischbacher Hafen geparkt. Die Fischerin zieht ihr Stirnband über die Ohren, während ihr Lebensgefährte die Kisten aus dem Auto hebt, in denen sie die Fische, die an diesem Morgen im Netz landen, an Land bringen.

Zu große Hoffnung machen sie sich nicht. Sie streifen ihr Ölzeug über, grobe wasserabweisende Trägerhosen, dazu tragen sie dicke Pullover, Anorak und hohe Gummistiefel. Anita Koops zieht rote Handschuhe aus festem Gummi an, die Spülhandschuhen nur von weitem gleichen. Geübt steigt sie die Metallleiter hinunter ins schwankende Boot. Die 45-Jährige schöpft einen Eimer Wasser aus dem See und schüttet es mit Schwung über den Boden, der vereist und spiegelglatt ist. Tippelnd, die Hand am Bootsrand, tastet man sich unsicheren Schrittes zum Bug und lässt sich dort nieder.

Fischer machen sich zunehmend Sorgen um ihre Existenz

Im Sommer sind Anita Koops und ihr Lebensgefährte um diese Zeit längst auf dem See. Doch Karl-Heinz Liebsch hatte noch am Telefon gesagt, dass sie früher nicht rausfahren würden. „Das lohnt nicht“, vermutete er. Eine Woche zuvor waren Kollegen von ihm mit nur wenigen Fischen zurückgekommen. Obwohl sie im Winter naturgemäß weniger fangen, machen sich die Fischer zunehmend Sorgen um ihre Existenz, denn die Fangquoten sind seit Jahren rückläufig. „Dass wir in den Sommermonaten Fische mit leeren Mägen fangen“, sagt er, „das gab's früher nicht.“

Die Fische finden zu wenig Futter. Das liege am geringen Phosphorgehalt des Wassers. Das Mineral ist Grundlage für alles Wachstum im See, von winzigen Algenteilchen über Wasserflöhe und Hüpferlinge bis hin zu den Fischen, die ganz oben in der Nahrungskette stehen.

Beim Barsch erlebten die 120 Berufsfischer, die es rund um den Bodensee noch gibt, vor zwei Jahren das schlechteste Fangergebnis seit 1930. Der See hatte immer Schwankungen, es gab gute und schlechte Jahre. 2011 fingen sie noch 600 Tonnen Felchen, 2012 rechnen sie mit nur 400 bis 500 Tonnen, wie Alexander Brinker sagt.

"Fischer haben eine harte Zukunft vor sich"

Der Leiter der Fischereiforschungsstelle in Langenargen erwartet demnächst die genauen Zahlen. Auch er macht sich Sorgen: „Wenn der Phosphorgehalt so niedrig bleibt wie im Moment, haben die Fischer eine harte Zukunft vor sich.“ Damit alle von ihrem Fang leben könnten, müsste jeder zwischen sechs und sieben Tonnen pro Jahr fangen. Das wären insgesamt 700 bis 800 Tonnen Fisch.

Der Motor zerreißt die Stille. Er rattert und blubbert und treibt das Boot auf den See hinaus. Weiße Schaumwellen fliehen davon. Der Wind beißt ins Gesicht, die Haut fühlt sich taub an. Tränen schießen in die Augen. Jetzt muss man rufen, um sich zu verständigen. Zwei Kilometer vom Ufer entfernt, setzt sich ein weißer Kasten vom Wasser ab.

Es ist ein leerer Kanister, an dem Karl-Heinz Liebsch das Bodennetz befestigt hat. Je nach Wasserhöhe steht es in 30 bis 50 Metern Tiefe, zwei Meter hoch über dem Grund. Unten hängt eine Bleileine, oben reihen sich Styropor-Schwimmkörper an dem zarten Geflecht, die ihm Auftrieb geben.

Wasserqualität hat sich verbessert

Liebsch hat seine Mütze ausgezogen. Ihm ist warm geworden, während seine Freundin fröstelt, die Nase rot vor Kälte. Links, rechts, links, rechts – Armlänge für Armlänge zieht er das Netz aus der Tiefe nach oben, Meter für Meter. 100 lange Meter. Das erste hängt wie eine Gardine über einer Stange am Bootsrand. Nur ein Felchen hatte sich darin verfangen.

Das Wasser im Bodensee enthält heute 5,9 Milligramm Phosphor pro Kubikmeter Wasser. „Vor gut 30 Jahren war der See deutlich überdüngt“, sagt Brinker. Damals wurden 80 Milligramm Phosphor pro Kubikmeter Wasser gemessen. Er ist froh, dass sich die Wasserqualität so verbessert hat. Doch er ist auch fest davon überzeugt, dass 12 Milligramm Phosphor den Fischern ausreichende Erträge bringen würde, ohne die Trinkwasserqualität des Sees zu gefährden.

Brinker kritisiert, dass in der öffentlichen Diskussion nur auf den Phosphorgehalt geschaut werde. Verbaute Uferbereiche, die Schifffahrt mit ihrem Wellenschlag und deren Einbringen von Ölen in den See sowie Medikamentenrückstände, die die Kläranlagen nicht aus dem Wasser filtern können, sind für ihn Themen, die in der Diskussion um den See zu kurz kommen.

Fische aus Vietnam für den Bedarf am Bodensee

So sei es doch ökologischer Unsinn, Fische aus Vietnam einzufliegen, um den Bedarf am Bodensee zu decken, während die Fischer hier ihren Beruf aufgeben müssten. Auch aus Russland und Kanada, sagt Anita Koops, kommen Felchen, die in den Restaurants am Bodensee auf den Teller kommen. Der heimische Ertrag würde nie und nimmer für zwei Millionen Touristen reichen (siehe nebenstehenden Text).

Im selben Gebäude wie Alexander Brinker sitzt Gerd Schröder, Leiter des Seenforschungsinstituts in Langenargen. Er ist für den Gewässerschutz zuständig. Dass die Hälfte des Bodenseeufers verbaut ist, ist auch ihm ein Dorn im Auge. Doch gegen eine Erhöhung des Phosphorgehalts spricht für ihn die Zielvorgabe der Europäischen Union in der Wasserrahmen-Richtlinie. Danach müsse der See in einen guten ökologischen Zustand geführt werden.

„Aus Aufzeichnungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts wissen wir, dass der Phosphorgehalt bei drei Milligramm und noch darunter lag“, sagt Schröder. Ließen die Kläranlagen wieder mehr Phosphor in den See, so bedeute das auch mehr Spurenstoffe, wie Medikamenten-Rückstände, die man nicht wolle.

Seit einigen Jahrzehnten beobachten die Forscher eine Erwärmung des Bodensees, sodass es in manchen Jahren nicht mehr zu dem so wichtigen Austausch von Oberflächen- und Tiefenwasser komme, gibt Schröder zu bedenken. „Je nährstoffärmer der See ist, desto besser ist er in der Lage eine solche Erwärmung zu überstehen“, sagt er.

Auf dem See ist die Wissenschaft weit weg

Anita Koops und ihren Kollegen liegt ein sauberer See am Herzen, doch für sie hat Nährstoffarmut nichts mit „sauber“ zu tun. „Wir erwarten von der Forschung ein Umdenken zum Phosphatmanagement“, fordert sie. „Nicht nur um die Existenzen der Berufsfischer zu sichern, sondern um zu verhindern, dass der See und seine Bewohner langfristig an den zunehmenden Schadstoffen schwer erkranken, weil diese dann nicht mehr gut gebunden und abgebaut werden können.“

Konträre Positionen, doch auf dem See ist die Wissenschaft weit weg. Anita Koops fährt nicht mehr allein hinaus, denn vor vier Jahren hatte die 45-Jährige ihren ersten Bandscheibenvorfall, im vergangenen Jahr den zweiten. Jetzt will sie keinen mehr riskieren und macht eine Umschulung zur Arbeitstherapeutin. Zurzeit absolviert sie ihr Anerkennungsjahr. Doch ihr Herz schlägt weiter für die Fischerei. „Ich war schon als Kind gern am Wasser“, sagt sie, „und bin mit den Füßen im See aufgewachsen.“

Damals in Langenargen lebte in der Nachbarschaft ein Fischer, ihr Vater arbeitete als Betriebsschlosser, die Mutter im Einzelhandel. Tochter Anita machte am Institut für Seenforschung eine Ausbildung zur See- und Flussfischerin, arbeitete in Brutanstalten am See, später in Fischzuchten und Aquakulturen und wurde Meisterin für Fischzucht und Fischhaltung. Seit 2004 arbeitet sie als selbstständige Fischerin.

Das Leben als Fischer ist hart

Durch das Wolkenband bricht die Sonne und taucht den See in ein warmes Rot-Gold. In diesem Moment spürt man, was sie meint, wenn sie sagt: „Wenn ich auf dem See bin, geht es mir gut.“ Auch ihr Lebensgefährte liebt dieses Abtauchen in eine andere Welt, abseits des Trubels am Ufer.

Doch das Leben als Fischer ist hart. Bei Wind und Wetter, Kälte und Schneefall fahren sie raus, setzen die Netze, holen sie wieder ein. Einmal, als sie alleine draußen war, schaukelte das Boot wie eine Nussschale auf den Wellen, es stürmte stark, und das Netz hatte sich im Propeller des Außenborders verfangen. An solchen Tagen kommt Anita Koops körperlich an ihre Grenzen – trotz Handschuhen mit Blasen an ihren Händen.

Inzwischen liegen zehn silbrig glänzende Felchen in der Kiste. Ihre Augen starren ins Leere. Anita Koops hat ihnen mit einem kleinen Holzknüppel einen Schlag auf den Kopf versetzt und ihre Kehle an der Unterseite des Mauls aufgeschnitten, bevor sie sie zum Ausbluten in Wasser legt. So haben die Fische später keine Einblutungen, schmecken besser und halten länger.

An diesem Morgen ist ihr Freund zufrieden mit dem Fang: 39 Felchen, 3 Trüschen, 3 Kaulbarsche und 2 Barsche. Seine Fischküche hat er in Überlingen-Andelshofen in seinem Elternhaus. Er erzählt von einem Kollegen, dessen Vater und Großvater schon Fischer waren, und der seinen Beruf aufgibt, weil er nicht davon leben kann. Viele Fischer hätten Schnaps-Brennrechte und betrieben Ferien-Pensionen. Und er? „Wenn es so weitergeht“, befürchtet er, „wird es in fünf Jahren keinen Fischer mehr geben.“ Er selbst hat vor Jahren den Lastwagen-Führerschein gemacht und sich ein zweites Standbein geschaffen. Falls es hart auf hart kommt.

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