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Friedrichshafen Festival-Film und Diskussion über die Zukunft der Arbeitswelt im Kino Studio 17

Werden Gewerkschaften überflüssig? Brauchen wir bald keine Chefs mehr? Über solche Fragen diskutierten Annette Groth (Die Linke) und Felix Schiedner (ZF Friedrichshafen) im Kino Studio 17. Zuvor wurde im Rahmen des Filmfestivals "Futurale" der Dokumentarfilm "Mein wunderbarer Arbeitsplatz" gezeigt. Er beschäftigt sich mit den Arbeitsbedingungen von morgen.

"Meine wunderbarer Arbeitsplatz" heißt der Film, den das Kino Studio 17 am Freitagabend im gut besetzten Kinosaal zeigte. Es handelt sich um einen von sieben Dokumentarfilmen, die an unterschiedlichen Orten im Vierländereck Deutschland-Schweiz-Österreich-Liechtenstein im Rahmen des "Futurale Filmfestival Arbeiten 4.0" mit anschließender Podiumsdiskussion präsentiert werden. Konzipiert und durchgeführt wird das Festival vom Netzwerk Bodensee Innovation 4.0, angesiedelt an der Hochschule Konstanz Technik, Wirtschaft und Gestaltung, vertreten durch Alexandra Boger und Ulrich Hutschek. Finanziert wird das Ganze vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

"Mein wunderbarer Arbeitsplatz" ist ein Film des französischen Journalisten, Komponisten und Filmproduzenten Martin Meissonier aus dem Jahr 2014. In Spielfilmlänge lenkt er den Blick auf unterschiedliche Firmen innerhalb und außerhalb Europas, die mittels Abkehr von hierarchischen Strukturen erfolgreich und innovativ Unternehmenskrisen überwunden haben.

Lediglich 11 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung in Frankreich und Deutschland sind vollständig zufrieden mit ihrem Arbeitsplatz. Rund 60 Prozent bringen den Arbeitstag irgendwie hinter sich und der Rest quält sich durch. Dies ist nicht nur individuell problematisch, sondern auch dem Erfolg des Unternehmens abträglich. Der amerikanische Anthropologe David Graeber führt die zunehmende Unzufriedenheit am Arbeitsplatz auf sogenannte "Bullshit Jobs zurück", womit er vor allem mittlere Führungsebenen bezeichnet, die er gesellschaftlich wenig nützlich und überbezahlt nennt.

Ein Beispiel dafür, dass es auch anders geht, ist die französische Keksfirma Poult: Vor zehn Jahren wurden Führungsebenen abgeschafft, unterhalb des Managements sind alle gleichermaßen in Teams an Organisation, Innovation und Produktion beteiligt. Ähnliches gilt für die Schlauchfirma Chronoflex, das für Gore-Tex bekannte Unternehmen W. L. Gore & Associates, die Firma FAVI und Harley Davidson. Teamgeist und Teilhabe statt Kontrolle könnte man alle Projekte überschreiben. Sie gehen zurück auf das japanische Managementprinzip Kaizen, womit die permanente Verbesserung von Tätigkeiten, Abläufen, Verfahren oder Produkten durch alle Mitarbeiter eines Unternehmens gemeint ist, wie es beispielsweise bei Toyota praktiziert wird. Dieses "lean", zu Deutsch "schlanke", Management wurde weltweit von anderen Branchen übernommen. Interessante Beispiele zeigt der Film mit Einblicken in zwei belgische Behörden, in denen feste Arbeitszeiten und Anwesenheitspflicht abgeschafft wurden. Bonbonbunte Büros ohne trennende Wände, gemeinsames TaiChi statt in Glaspalästen abgeschottet thronende Chefs suggerieren eine heile Arbeitswelt. Lächelnd schwärmen Angestellte von E-Mails, die sie dann abends vom Tablet aus beantworten und Arbeitstagen, die nicht nach 7,5 Stunden enden, sondern dann, wenn die gemeinsam definierte Zielvorgabe erreicht ist. Kritische Stimmen wie Gewerkschaften und Betriebsräte werden überflüssig, Teilhabe und Selbstwirksamkeit stehen an oberster Stelle. Dass Arbeit 4.0 anders sein muss als stechuhrkontrolliertes Befehlsempfängertum, wird deutlich. Nicht nur Unternehmer, die ihre Firmen retten und den Gewinn verbessern konnten sowie Angestellte, die sich nun als verantwortliche Teilhabende fühlen, kommen im Film zu Wort.

Wissenschaftler, die sich mit der Zukunft der Arbeit beschäftigen, steuern Impulse aber auch Bedenken bei, wie beispielsweise der Informatiker, Musiker und Philosoph Jaron Lanier, der die Machtkonzentration in den Unternehmen des Silicon Valley kritisiert.

Bei der an die Filmvorführung angeschlossenen Podiumsdiskussion mit Publikumsbeteiligung ging es um die Frage, inwieweit die gezeigten Modelle funktionieren können. Unter der Moderation von Ulrich Hutschek unterhielten sich Annette Groth, Mitglied des Bundestags und menschenrechtspolitische Sprecherin der Fraktion "Die Linke" sowie Dr. Felix Schiedner, bei der ZF Friedrichshafen AG zuständig für Personalentwicklung, Organisationsentwicklung und Lean Management. Gleich zu Beginn machte Annette Groth ihrem Ärger Luft, dass im gesamten Film lediglich männliche Bezeichnungen verwendet wurden. Ob dies an der mangelhaften Übersetzung liege, fragte sie, denn auch die wiederholte Verwendung des Begriffs "Drückeberger" für Leute, die mit innovativen Teilhabemethoden ihre Probleme hätten, fand sie bedenklich. Ganz außer Acht lasse der Film, ob gleiche Beteiligung auch gleiche Bezahlung bedeute. "Kriegen die alle das gleiche Gehalt? Nie wurden Zahlen genannt. Wenn alle Teilhaber sind, müssen alle das gleiche bekommen." Von "befreiten Unternehmen" zu sprechen streue Sand in die Augen der Menschen. Solche Sozialpartnerschaften schwächten Betriebsräte und Gewerkschaften. An die Stelle der Ausbeutung von oben trete die Selbstausbeutung.

Dr. Felix Schiedner ging auf die Situation im innovativen ZF-Forum und die Beteiligung der Belegschaft bei der Konzeption ein. Auch dort sollen nicht mehr feste Büroarbeitsplätze zur Verfügung stehen, sondern Homeoffice und variabel genutzte Schreibtische an ihre Stelle treten. Die Wünsche der Beschäftigten wären Einzelbüros gewesen, was jedoch aus Platz- und Kostengründen von Betriebsrat und Vorstand abgelehnt wurde. In Zukunft sollen auch Chefbüros abgeschafft werden. Mehr Beteiligung der Belegschaft ist bei der Auswahl der Möbel und bei gestalterischen Elementen geplant. Wichtig sei bei allen Arbeitsmodellen, auf die Stärken der Menschen zu setzen und sie nicht zu demotivieren. Das Publikum beteiligte sich rege an der Diskussion. Die Arbeitswelt 4.0 beschäftigt alle, wenn auch der Film viele Aspekte ausspare und wenig neue Impulse gebe. Die Veranstaltung jedenfalls war anregend. Film und Diskussion dauerten fast drei Stunden.

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