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Friedrichshafen Exotische Tiere und Pflanzen breiten sich im und am Bodensee aus

Fremde Tier- und Pflanzenarten nehmen seit Jahren große Gebiete rund um den Bodensee für sich ein. Es gibt zum Beispiel Krebse aus Nordamerika und Garnelen aus dem Schwarzen Meer. Beobachtet werden die Neuen vom Institut für Seenforschung in Langenargen.

Nichts kann Julius Pietruske so sehr aus der Fassung bringen wie die rosafarbene Blütenpracht am Fischbacher Seeufer. Wenn sich ihr süßlicher Duft in die Nase schleicht, wird der Naturwart zum regelrechten Aggressor. Energisch packt er zu und rupft die mehr als mannshohen Stauden mit Stumpf und Stiel aus. „Das Indische Springkraut verdrängt in einem ungeheuren Tempo die heimischen Pflanzenarten“, sagt er. Deshalb muss er schneller sein als die Pflanze selbst, von der eine einzige Staude in ihren Samenkapseln bis zu 4000 Samen produziert.

Bei der geringsten Berührung schleudert sie diese Fracht bis zu sieben Meter weit – eine blitzartig wuchernde Vermehrung. Neophyten heißen die pflanzlichen Einwanderer, die dem angestammten Uferbewuchs den Platz streitig machen. Für den Menschen sind sie meist ungefährlich, mit einer Ausnahme: die Beifuß-Ambrosie – auch sie ein Neuankömmling am Bodensee – macht Allergikern schwer zu schaffen. Und welche tierischen Migranten tummeln sich im Wasser? Petra Teiber-Sießegger, Biologin am Seenforschungsinstitut in Langenargen, entschärft solche Fragen gern: „Regenbogenforelle und Zander“, antwortet sie verschmitzt. Im Bodensee eingesetzt zur fischereilichen Nutzung. Schon mindestens in der hundertsten Generation hier heimisch. Und doch keine Ureinwohner. Aber wer ist das schon? Mit Sicherheit nicht der Kamberkrebs. Wie der Signalkrebs ist er ein Amerikaner. Beide brachten die Krebspest mit. Eine Pilzerkrankung, gegen die sie selbst immun sind, der die heimischen Arten aber schutzlos ausgeliefert sind.

Als blinder Passagier reiste die Zebramuschel im Ballastwasser großer Schiffe nach Europa ein. Ein anspruchsloser Geselle, der sich überall stark vermehrt – und deshalb andere Arten verdrängen kann. Immer schon wandern Tiere in neue Lebensräume ein – Ökosysteme sind hochgradig dynamisch. Allerdings haben sich seit Beginn der Globalisierung die Wanderbewegungen beschleunigt. In welchem Ausmaß der Bodensee bevölkert ist von Neozoen – so lautet der Fachbegriff für die tierischen Migranten –, beobachten die Biologen des Seenforschungsinstituts akribisch. Zweimal im Jahr entnehmen sie an zehn ausgewählten Stellen rund um den See Proben, mit denen sie Tiere auf einer bestimmten Fläche absammeln und bestimmen können. „Wir erforschen damit, wie schnell sich die uns bekannten Neozoen ausbreiten und welche Arten neu hinzukommen“, erklärt Petra Teiber-Sießegger.

In den vergangenen zehn Jahren hatten die Wissenschaftler vermehrt asiatische Exoten im Kescher. Die Körbchenmuschel etwa, die erstmals 2003 am Rohrspitz aufgetaucht ist und sich massenhaft in der Bregenzer Bucht sowie zwischen Lindau und Friedrichshafen ausgebreitet hat. In riesigen Schwärmen kommt mittlerweile auch die Schwebegarnele vor. Keine Delikatesse für den Menschen, wohl aber für die Fische im See. Das ist die Crux der Zuwanderung: die Ankömmlinge nehmen einerseits den heimischen Arten die Nahrung weg, bereichern andererseits aber auch deren Speisezettel. Fressen und gefressen werden – das gilt auch für die Dreikantmuschel, seit den 1960er Jahren ein wahrer Kosmopolit.

Im Winter ernähren sich Enten von ihm, denen dadurch der gefährliche Weg über die Alpen erspart bleibt. Ein ähnliches Schicksal ereilt den Höckerflohkrebs. Er ist Nahrungs- und Platzkonkurrent für heimische, kleinere Flohkrebse – und für andere Seebewohner ein gefundenes Fressen. So lässt sich für die Seenforscher kaum vorhersagen, ob die Artenwanderung ein Segen oder Fluch ist. „Vielleicht ist es eine zu sehr menschliche Denkschiene“, meint Teiber-Sießegger, „dass einheimische Arten für das Ökosystem besser sein sollen als fremde.“ Fest steht nur: Jeder Verlust an Arten ist negativ, da genetische Vielfalt verloren geht. Eine Integrationsdebatte aber will die Biologin nicht führen.


Petra Teiber-Sießegger: „Problematisch ist es, wenn Artenvielfalt verloren geht“

Petra Teiber-Sießegger ist Biologin am Seenforschungsinstitut in Langenargen und beobachtet die Zuwanderung von fremden Arten im Bodensee.
Petra Teiber-Sießegger, Biologin am Seenforschungsinstitut in Langenargen, beobachtet die tierischen Zuwanderer im Bodensee.Wie viele Einwanderer haben Sie in den vergangenen zehn Jahren im Bodensee beobachtet?

Eine ganze Menge. Angefangen hat es mit dem Höckerflohkrebs, dann kam die Körbchenmuschel hinzu, zwei Schwebegarnelenarten – alle aus dem Schwarzmeergebiet – und diverse Großkrebse aus Amerika.

Wie gelangen die tierischen Migranten überhaupt in den Bodensee?

Es gibt verschiedene Eintragswege. Manche Arten werden mit Containerschiffen von Kontinent zu Kontinent verschleppt, andere durch Wanderboote von See zu See. Oder sie haften an Angel- und Tauchausrüstungen fest, die nicht richtig gereinigt und ausgetrocknet wurden. Es kommt vor, dass Vögel in ihrem Gefieder Einwanderer mitbringen. Oder Aquarianer setzen aus falsch verstandener Tierliebe Arten im Bodensee aus.

Wie tolerabel sind die fremden Tierarten für das Ökosystem des Bodensees?

In der Wissenschaft ist man sich noch nicht einig, wie man das bewerten soll, es gibt einige Arbeiten der Uni Konstanz, doch das muss noch intensiver untersucht werden. Teilweise besetzen die fremden Arten im Bodensee Lebensräume, die vorher von anderen Arten genutzt wurden, teilweise erobern sie neue Lebensräume. Problematisch ist es, wenn Artenvielfalt verloren geht, denn dadurch verschwindet auch genetische Vielfalt. Aber vielleicht ist es eine zu sehr menschliche Denkschiene, dass in der Natur das Einheimische besser sein soll als das Fremde.

Was kann der Mensch tun, um die Einschleppung neuer Arten in den Bodensee zu verhindern?

Freizeitkapitäne sollten auf jeden Fall ihre Boote putzen und schauen, dass der Motor kein Wasser enthält. Selbst Boote, die 14 Tage lang im Trockenen standen, haben noch lebende Mitfahrer. Es ist erstaunlich, wie lange sie in Ritzen überleben können. Auch Angel- und Tauchausrüstungen sollten gereinigt und ausgetrocknet werden.

Fragen: Barbara Fülle

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