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Friedrichshafen Erkundung verborgener Alltäglichkeit

Bürgerschaftliches Engagement mit der Kamera: Die Ausstellung „24 Stunden Friedrichshafen“

Adam Wist aus Allmannsweiler hat einen Tag im Leben seines Vaters begleitet. Hier nimmt er seine Medikamente.
Adam Wist aus Allmannsweiler hat einen Tag im Leben seines Vaters begleitet. Hier nimmt er seine Medikamente. | Bild: Bild: Adam Wist

„Stopp“. In roten Buchstaben ist diese Anweisung auf dem Boden aufgedruckt. Hinter diesem „Stopp“ beginnt der sterile Bereich: die Intensivstation des Klinikums Friedrichshafen.

Dieses Bild, das zugleich ein Sinnbild ist, bildet den Auftakt von Chris Werners Fotoreportage. Ein Tag in der Intensivstation – wer dort nicht arbeitet, erlebt ihn als Patient, wenn möglicherweise das Leben auf Messers Schneide steht. Seiten von Friedrichshafen aufzuzeigen, die nicht auf den ersten Blick offen daliegen – diese Idealvorstellung, die OB Andreas Brand am Donnerstag bei der Eröffnung der Ausstellung „24 Stunden Friedrichshafen“ als Ideal formulierte, hat Chris Werner voll erfüllt – mit viel Fingerspitzengefühl. „Ich wollte auf keinen Fall blutige Bilder machen“, sagt er. Und so hat er jene Operationsszene, die Teil seiner Fotostrecke ist, „optisch weggebrannt“, wie er sagt – sie so belichtet, dass an die Stelle des Blutes weißes Gleißen tritt.

So wie Chris Werner gelingt es vielen der 19 weiteren Fotografen des von Stefan Blank angestoßenen Projekts, verborgene Seiten des Lebens in Friedrichshafen aufzuzeigen. Dabei geht es nicht einfach nur darum, ein gutes Thema technisch gut umzusetzen – ein Fotograf muss seinem Stoff ebenso gerecht werden wie ein Schriftsteller. Er braucht einen Blick dafür, eine besondere Sensibilität und Nähe. All das spricht aus vielen der Fotostrecken.

Ohne den Anstoß von Stefan Blank, Friedrichshafener Künstlerförderpreisträger und semiprofessioneller Fotograf, wäre das große Projekt nicht zustande gekommen. Als die Teilnehmer und ihre Themen feststanden, wurden sie am Stichtag nicht einfach in die freie Wildbahn gesetzt – voran ging ein Workshop beim Kölner Fotojournalisten Frank Steinbach, der die 20 Fotografinnen und Fotografen an das Thema Fotojournalismus heranführte. Den Impuls, sich selbst mit Reportagefotografie intensiv auseinanderzusetzen, verdankt Stefan Blank wiederum Workshops mit Rolf Nobel; der ehemalige freier Fotojournalist und Geo-Fotograf ist Professor an der Fachhochschule Hannover.

„24 Stunden Friedrichshafen“ ist eine Ausstellung über die verborgenen Alltäglichkeiten unserer Stadt. Alltäglich und verborgen wie das Leben eines alten Menschen: Adam Wist hat einen Tag im Leben seines an Demenz erkrankten Vaters porträtiert, mit dem er gemeinsam in Allmannsweiler lebt. Entstanden sind Aufnahmen, die vielleicht den Glanzpunkt der Ausstellung bilden. Adam Wist zeigt seinen Vater beim Rasieren, beim Einnehmen der Medikamente, beim Blick auf den Merkzettel mit den vielen Arztterminen, aber auch beim zum Ritual gewordenen Ausfüllen des Lottoscheins oder beim sorgsamen Zusammenlegen der Wäsche – gleichermaßen empathische wie natürliche, ungestellte Bilder.

Von einem alten Menschen zu den jungen: Sandra Faber hat Gleichaltrige porträtiert – solche, um die man gemeinhin gern einen Bogen macht: Die Punks und Gothics, die am Pavillon in der Uferanlage abhängen, rauchen und trinken. Es ist eine verdrängte Seite, die Sandra Faber einfängt, und auch ihr gelingen Aufnahmen ohne Posen. Aggressiv oder abweisend erscheint die „Pavillon-Szene“ auf den Bildern nicht – freundlich ausgelassen, teilweise sogar nachdenklich verträumt wirken die Szenen, die Faber mit Insider-Blick eingefangen hat.

Sanya Zillichs Rundgang durch das Kasernengelände im Fallenbrunnen bezieht seinen Reiz aus dem Kontrast: Hier verlassene und menschenleere alte Räume, dunkle Keller und verstaubte technische Anlagen, die ausgedient haben; verwaiste Baulichkeiten, in denen die Zeit stillsteht. Und auf der anderen Seite ein pulsierendes Nachtleben, Menschenmengen vor dem Club Metropol – der gefühlte Stillstand beschleunigt sich zum Party-Rhythmus.

Matthias Mayr nimmt die Obsternte in Ailingen in den Blick. Natürlich sind wir eine Obstregion, aber selten sieht man die Ernte anders als in Form eines Traktors, der mit seiner Obstladung im Schlepptau den kürzesten Weg zwischen Plantage und Hof nimmt, während man selbst, wie immer in Eile, hinter diesem Traktor herfährt und sich wünscht, dass er bald abbiegt. Mayr dagegen geht auf die andere Seite, die der Landwirte in der Hochsaison der Ernte, inklusive der geselligen Pause und dem Schläfchen nach getaner Arbeit. Gerade diese Szenen sind es, in denen er den Landwirten und der Gemeinschaft der Erntehelfer wirklich nahe kommt.

Ein genauer Blick auf diese und die weiteren Fotoreportagen von „24 Stunden Friedrichshafen“ lohnt sich – als Möglichkeit, die Stadt und ihre Menschen in ihren Lebens- und Arbeitsverhältnissen und auch in ihrem Selbstverständnis kennenzulernen. Stefan Blank kann sich eine Fortsetzung des Ausstellungsprojekts vorstellen – vorausgesetzt, es kommt mit dem Verkauf der Fotoserien genügend Geld zusammen, um die Kosten zu decken. Die ersten Fotostrecken sind jedenfalls schon verkauft.

Ein genauer Blick lohnt: Hier wird bei der Eröffnung im Zeppelin-Museum Annette Nills Fotoserie über einen Arbeitstag des Bodenseefischers Gert Meichle begutachtet.
Ein genauer Blick lohnt: Hier wird bei der Eröffnung im Zeppelin-Museum Annette Nills Fotoserie über einen Arbeitstag des Bodenseefischers Gert Meichle begutachtet. | Bild: Bild: Schall

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