Mein

Friedrichshafen Erde wird ihrer grünen Lunge beraubt

Ein Teil der Installation: Die hellen Teile stellen die bereits gerodeten Teile des Regenwalds dar. | Bild: Lay

Das Thema Wald löst bei den Menschen vielerlei Assoziationen aus. In der Frühzeit wurde er mit Bedrohung und Unzugänglichkeit verknüpft, in der Romantik aber als idyllischer Ort besungen. Heute ist er neben Erholungsort vor allem als Rohstoffquelle zum Handels- und Ausbeutungsobjekt geworden. Dementsprechend unterschiedlich ist auch der künstlerische Ansatz von Julia Kernbach aus Ravensburg und den beiden Berliner Künstlern Folke Köbberling und Martin Kaltwasser, die raumgreifende Installationen zum Thema "Wälder" im Kunst- Raum des Kunstvereins Ravensburg zeigen.

Dabei stellt der Kunstverein gleichzeitig auch seine neue Konzeption vor, bei der auswärtige Künstler mit einheimischen zusammengebracht werden und sich so neue Perspektiven für die Ravensburger Ausstellungsaktionen ergeben. Bei der Ausstellung, der ersten dieser Art, sind Folke Köbberling und Martin Kaltwasser aus Berlin gekommen. Sie gehen den Wald aus ökologisch-kritischer Sicht an. Da sind zunächst fünf Bildkästen, bei denen originale Satellitenaufnahmen vorwiegend vom brasilianischen Urwald den Hintergrund bilden und die weißen Fehlstellen abgeholzte Gebiete dokumentieren. Es sind dies genau verortete Stellen, die exakte Fakten von rigoroser Holzausbeutung liefern. Diese Rodungen als "weiße Stellen" sind mit ausgedruckten Fototeilen von Möbeln und Musikinstrumenten aus dem Internetkatalog zu einer zweischichtigen Collage überarbeitet. So erstaunlich wie erschreckend reichhaltig ist hierbei das Angebot von Edelholzprodukten.

Auf dieser Erkundungsbasis mit genauer Ortsangabe wie beim Global Positioning System (GPS) mit Angabe der Koordinaten für die Rodungsgebiete haben Folke Köbberling und Martin Kaltwasser auch noch zwei raumgreifende Installationen im Kunstraum aufgebaut, die zunächst wie zwei fliegende Teppiche aus lose hängenden Puzzleteilen über dem Boden schweben. Aber die bei Google Earth gefundenen Satellitenaufnahmen zeigen indes bizarre Formen von der Zerstückelung des brasilianischen Urwaldes, die, übertragen auf Mahagoni- und Teakholz aus ausrangiertem Mobiliar der IFA-Messe, wie Laubsägearbeiten an dünnen Perlonschnüren in einer Ebene aufgehängt sind. Die Leerstellen oder Luftlöcher dokumentieren realiter noch den Restbestand des Regenwaldes und der Bildtitel mit "Tropical Forest 10° 35`20,37`` S/63°36`50,50`` W" liefert noch den topografischen Beleg. Wie Rita Strautmann, die Kuratorin dieser Ausstellung, anmerkte, stellten die beiden Berliner Künstler hiermit auch Fragen nach dem imaginären Raum.

Mehr von der ästhetischen Seite geht die 1978 in Ravensburg geborene Julia Kernbach das Thema Wald an, die einmal mit einer riesigen Fotoinstallation von 370 cm auf 800 cm einen deutlichen Fixpunkt in der Ausstellung schafft. Sie macht Fotoaufnahmen mit einer großen Plattenkamera von ganz verschiedenen Wäldern. Das reicht vom heimischen Forst bis nach Asien und Amerika. Die Fotos werden digitalisiert und in mehreren Schichten nach dem Sandwich-Verfahren am Computer übereinander gelegt. Daraus ergibt sich eine ungewöhnliche Verdichtung, die schon über den natürlichen Zustand eines Urwaldes hinausgeht.

So handelt es sich weder um dokumentarische noch verklärende Landschaftsbilder. Julia Kernbach will vielmehr der Natur innewohnende Strukturen deutlich machen, die in ihrer Vielgestaltigkeit und Überlagerung schon wieder fast abstrakt wirkende Partien suggerieren. Farbe oder Details gehen in ein Eigenleben über. Dennoch wird das Auge gefangengenommen oder auch irritiert von der geheimnisvollen Waldwelt mit bemoosten Steinen, Blattwerk, üppigem Gestrüpp und Geäst, wo die einzelnen Bildelemente wie bei Jackson Pollocks Arbeiten über den Rand hinauswuchern. Und wie es in ihrem kleinen, aber vorzüglich aufgemachten Katalog heißt, verliere sich der Betrachter im vexierbildhaften Hin- und Herschwanken vom Detail auf das Ganze in der dichten Wildnis.

Franz Josef Lay

Bis 22. Juni. Geöffnet Do.-Fr.

16-19 Uhr, Sa./So. 11-16 Uhr.

Führungen am Do., 5.6. und

19.6. jeweils um 18 Uhr; So. 8.6.

und 22.6. jeweils um 11 Uhr.

Ihre Meinung ist uns wichtig
Hervorragende Weine vom Bodensee
Korrekturhinweis
Neu aus diesem Ressort
Friedrichshafen -
Friedrichshafen -
Friedrichshafen
Friedrichshafen
Friedrichshafen
Friedrichshafen
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren