Mein

Friedrichshafen "Drachen waren kein Spielzeug"

29.02.2008
Schlagwörter


Heutzutage sind Meteorologen Alleinunterhalter, heißen Kachelmann und tun so, als würden sie das Wetter nicht verkünden, sondern machen. Meteorologie ist uns heute eine solche Selbstverständlichkeit, dass sie die Grenze zum Spiel, zum Infotainment überschritten hat. Doch wo liegen die Ursprünge der Meteorologie?

Erstaunlicherweise einmal mehr auch beim Grafen Zeppelin, dem bewusst war, dass zuverlässige Wetterdaten für die Luftschifffahrt eine wesentliche Rolle spielen würden. Acht Jahre dauerte es, bis die gemeinsame Initiative des Grafen und des Meteorologen Hugo Hergesell in Friedrichshafen verwirklicht werden konnte und anno 1908 in der Nähe des heutigen Ruderclubs die Drachenstation Friedrichshafen errichtet war.

Eine gestern im Zeppelin-Museum eröffnete Ausstellung zeigt, wie die Station entstanden ist und wie seinerzeit gearbeitet wurde. Prachtstück der kleinen Schau ist ein rund zwei Meter langer Kastendrachen von 1908, eine Leihgabe des Deutschen Museums. Drachen, ähnlich wie dieser, segelten seinerzeit an Stahldrähten in bis zu 4000 Metern Höhe. An ihnen befestige Messinstrumente zeichneten Daten zu Temperatur, Luftdruck, relative Luftfeuchte, sowie Stärke und Richtung des Windes auf.

In die Luft stiegen die Drachen übrigens mitten auf dem Bodensee, von Bord des Forschungsschiffs Gna - ein der nordischen Mythologie entlehnter Name, der eine Götterbotin bezeichnete, die zu Wasser wie in der Luft mit gleicher Schnelligkeit unterwegs war.

"Die damaligen Drachen waren keine Spielzeuge" erklärt Detlef Griese. Gemeinsam mit seiner Frau Elke leitet er das "Drachenarchiv" in Meerbusch, in dem die Geschichte der Drachenfliegerei erfasst ist, und gemeinsam mit Jürgen Bleibler vom Zeppelin-Museum hat das Ehepaar nun diese Ausstellung erarbeitet. Dass es auch in ganz praktischer Hinsicht kein Kinderspiel war, einen solchen Drachen in die Luft zu bekommen, soll zwischen dem 25. und 27. April demonstriert werden: Dann nämlich, zum 100. Geburtstag der Drachenstation, soll auf dem See, so wie bis in die 1930er Jahre hinein, wieder ein Drachen in die Luft steigen. "Maximal 300 Meter, höher dürfen wir nicht", sagt Detlef Friese, der allerdings glücklich ist, wie entgegenkommend alle Behörden waren, die den Drachenflug genehmigen mussten.

Schwierigkeiten mit dem Aufstieg von meteorologischen Drachen gab es auch vor 100 Jahren schon, allerdings eher in den Ballungsgebieten. Hugo Hergesell, der bereits in Lindenberg bei Berlin eine Drachenstation errichtet hatte, ehe er an den Bodensee kam, konnte ein Lied davon singen: "Er hat immer wieder elektrische Eisenbahnen lahm gelegt. Auch mit Stromleitungen gab es Probleme", weiß Griese.

Leider, sagt er, lasse sich in der Ausstellung die Geschichte der Drachenstation Friedrichshafen nur unvollständig aufzeigen: 1944 wurde die Station bei einem Luftangriff schwer getroffen, wodurch wichtige Akten und Forschungsunterlagen verloren gingen. Die Geschichte der Gna allerdings, sie ist bezeugt: Nach Ende der Drachenfliegerei am See wurde sie zur Seenforschung verwendet, bis sie schließlich 1954 von der Bodan-Werft in Kressbronn abgewrackt wurde.

Wie jede Grundlagenforschung, so Griese, habe die meteorologische Drachenfliegerei kein Geld eingebracht, aber dennoch sei sie wichtig gewesen. Bemerkenswert sei zudem die geistige Haltung der damals mit der Meteorologie beschäftigten Wissenschaftler - einem recht kleinen Grüppchen, über die ganze Welt verteilt, das sich um grassierende nationalistische Ideologien nicht gekümmert und stets eng zusammengearbeitet habe. Wer Drachen steigen ließ, nahm die Welt eben von einer höheren, freieren Warte wahr. So wie auch das bunte Völkchen enthusiastischer Drachenflieger, das gestern zur Vernissage erschienen war.

Harald Ruppert

zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Schreiben Sie Ihre Meinung
Überschrift
Text


noch 1000 Zeichen


Informiert bleiben:
Bei jedem neuen Kommentar in dieser Diskussion erhalten Sie automatisch eine Benachrichtigung
Unsere Community-Regeln