Die guten Geister des Bahnhofs

Die Bahnhofsmission hilft seit mehr als 100 Jahren Häflern und Besuchern. Die Menschen, die zur Bahnhofsmission kommen, schätzen vor allem die Begegnungen.

Friedrichshafen – Schwarzer Kaffee mit fünf Stück Süßstoff. Dazu ein Rosinenbrötchen mit Butter. "Eine kleine Stelle muss ich frei lassen, damit er es halten kann", sagt Christa Dreer schmunzelnd. Sie bringt Teller und Tasse an den Tisch im Vorraum, erntet ein dankbares Nicken vom Empfänger und kehrt zurück in die kleine Teeküche der Bahnhofsmission. "Viele unserer Besucher sind Stammgäste, da kennt man die Gewohnheiten", erklärt Dreer und macht einen Strich auf der Liste, auf der die Personen gezählt werden, die an diesem Donnerstagnachmittag kommen.

Es ist 16 Uhr. Die "Stube", wie der kleine mit zwei Tischen und Stühlen ausgestattete Raum in dem Häuschen der Bahnhofsmission genannt wird, ist voll besetzt. Ein älterer Herr, der all seine Habseligkeiten bei sich zu tragen scheint, steckt den Kopf zur Tür rein. "Alles voll, dann morgen wieder", sagt er und kehrt um. Die zehn Gäste, die sich um die Tische drängen, trinken Kaffee, lesen Zeitung, unterhalten sich. Immer wieder steht einer der Besucher auf, klopft an die Zwischentür zur Teeküche und will mit Detlef Luf sprechen. Der 50-Jährige ist seit 2013 bei der Bahnhofsmission. Im vergangenen Jahr übernahm er die Leitung der Hilfseinrichtung. "Es geht um Fahrkarten, Schlafplätze, Amtsgänge – das Spektrum ist groß", erklärt Luf.

Christa Dreer arbeitet seit sechs Jahren bei der Bahnhofsmission. In dieser Zeit war sie als Haupt- und Ehrenamtliche in der vom Verein für internationale Jugend (VIJ) getragenen Hilfseinrichtung tätig. Inzwischen ist die 63-Jährige, die 41 Jahre bei ZF beschäftigt war, in Rente. Ans Aufhören denkt sie nicht: "Ich bin mit Herzblut dabei, sonst würde ich das nicht machen." Bis zu 50 Personen kommen täglich zur Mission. Die meisten leben in sozial schwachen Verhältnissen und sind alleinstehend. Auch Obdachlose kehren regelmäßig in das kleine Häuschen ein, in dem sie eine Scheibe Brot, einen Kaffee und auch Kleidung oder Schlafsäcke bekommen – alles kostenlos. Doch nicht nur klassische Hilfsbedürftige finden den Weg zur Mission. "Es gibt immer wieder Reisende, die hier nach einem Glas Wasser fragen", sagt Dreer. Luf und sein 13-köpfiges Team aus Ehrenamtlichen haben für jeden ein offenes Ohr, unabhängig von Herkunft, Geschlecht und Konfession.

Für Menschen wie Christa Fischer, vielen Häflern noch als das "Häsle" bekannt, ist das 22 Quadratmeter große Häuschen eine zweite Heimat. Seit mehr als 30 Jahren kommt die 69-Jährige mehrmals die Woche. Sie hat viele Mitarbeiter kommen und gehen sehen, zu allen hatte sie ein gutes Verhältnis. "Ich fühle mich hier akzeptiert, die Gespräche tuen mir gut", erklärt die Häflerin. Luf und Dreer setzen sich zu ihrer Stammkundin, sprechen über die Geschehnisse der Stadt. Auf die Frage, wie es wäre, wenn es die Bahnhofsmission nicht mehr gebe, schaut Fischer verständnislos: "Das ist unvorstellbar. Damit würde ein großer Teil Menschlichkeit in dieser Stadt verloren gehen."

Kurze Zeit später treffen Werner Brielmaier und Kai-Horst Manglus ein. Die beiden Männer arbeiten in einer Werkstatt der ZF. Nach dem langen Arbeitstag setzen sie sich hier für einen Kaffee zusammen und warten auf den Zug nach Langenargen, der sie in ihre Wohngruppe von Pfingstweid bringen wird. "Theoretisch könnten die zwei auch alleine zum Gleis. Hätte der Zug aber Verspätung, oder es gebe einen Gleiswechsel, wären sie hilflos", erklärt Dreer. Manglus sitzt schweigend am Tisch und trinkt einen Tee. Brielmaier witzelt mit Dreer und Luf über Frauen und Fußball. "Ihr müsst los", sagt Brielmaiers Sitznachbar. Es ist 16.20 Uhr. "Wir gehen immer früher los, damit es am Bahnsteig nicht so voll ist", erklärt Luf und wirft sich seine blaue Weste mit dem Logo der Bahnhofsmission über. "Das ist wie eine Art Uniform – die Leute erkennen sie und haben meistens auch Respekt", erklärt der Leiter. Dreer hakt Brielmaier unter und zu viert machen sie sich auf den Weg zu Gleis 4.

Seit April bietet die Bahnhofsmission zusätzlich zur Hilfe am Bahnsteig auch Reisebegleitung im Zug an. "Wir haben sieben Leute, die mit Kindern oder Senioren Zug fahren", erklärt Luf. Darum werden sie von anderen Bahnhöfen beneidet. "Auf der Westseite des Sees gibt es keine Bahnhofsmission. Friedrichshafen wäre ohne uns auch schlechter dran", so Luf. Die Arbeit sei nicht immer leicht, spezielle Schulungen bereiteten die Missionshelfer jedoch so gut wie möglich auch auf den Umgang mit physisch und psychisch Kranken vor, erklärt der 50-Jährige. "Wer diese Arbeit macht, liebt Menschen, anders geht es gar nicht", so Luf. Der Tag in der Mission endet um 18 Uhr. Dreer putzt Stube und Teeküche und schließt ab. Morgen um 9 Uhr werden schon die nächsten Besucher auf die guten Geister des Bahnhofs warten.

Hilfe mit Tradition

1914 öffnete der Vorläufer der Bahnhofsmission in Friedrichshafen seine Pforten. Ursprünglich diente sie als Anlaufstelle für junge Mädchen, die unter falschen Versprechungen in die Stadt gelockt wurden und von Prostitution bedroht waren. Auch 100 Jahre nach der Gründung ist die Bahnhofsmission für viele Häfler und Reisende eine wichtige Hilfe und Unterstützung. Geöffnet sind die Räume am Stadtbahnhof 3 von Montag bis Freitag, 9 bis 18 Uhr, sowie samstags von 9 bis 12 Uhr. (jel)

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