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Friedrichshafen Die abgehobenste Ausstellung des Jahres

Heute Eröffnung: Das Zeppelin-Museum in Friedrichshafen widmet sich der „Vogelperspektive in der Kunst“

Früher war den Göttern der Blick von oben auf die Welt vorbehalten. Heute bekommt man ihn für 299 Euro im Onlineportal, in Gestalt einer fliegenden Drohne mit Kamera und Fernsteuerung. „Die Vogelperspektive wird jeden Tag ein bisschen weiter profanisiert“, sagt Achim Mohné. Gemeinsam mit Utta Kopp stellt Mohné das großflächigste Kunstwerk, das ab heute in der Ausstellung „Die Welt von oben – die Vogelperspektive in der Kunst“ im Zeppelin-Museum zu sehen ist.
 

Drohne über der Stadt

Achim Mohné steht auf einer riesengroßen Luftaufnahme von Friedrichhafen, aus dem Bildspeicher von Google Earth, und steuert die wie ein surrendes Insekt wirkende Drohne über das Häusermeer. Zwei an ihr angebrachte Kameras übertragen Dächer, Straßen und die Plätze unserer Stadt auf eine große Leinwand. Diese Bilderfahrt wirkt völlig real – bis Mohné die Drohne so steuert, dass sie sich über dem Betrachter der Szenerie befindet. Der sieht sich nun selbst auf der Leinwand – riesig wie der „Koloss“ von Goya, und als Koloss wohl auch so göttlich mächtig über die ihm zu Füßen liegende Stadt, auf die er heruntersieht. Zugleich ist dieser Koloss aber ausgeliefert: Die Drohne beobachtet ihn, so wie er die Stadt beobachtet. Abhängig von der Höhe ihres Blicks, entscheidet die Vogelperspektive über Macht und Ohnmacht.Dass das Zeppelin-Museum sich mit der Vogelperspektive auseinandersetzt, ist naheliegend, denn Technik und Kunst, die Kerngebiete des Hauses, greifen hier ineinander – vom Luftschiff aus betrachtet man die Welt von oben; aber dennoch ging die Kunst in Sachen Vogelperspektive der Technik voran. Bereits 1642 stellte der Künstler Matthäus Merian in Kupferstichen die Städte des Reiches aus der Obersicht dar. „Den Blick von oben, den Ballon und Zeppelin erst später realiter erlaubten, konstruierte er mittels seines Vorstellungsvermögens in wirklichkeitsgetreuer Präzision“, schreibt Ursula Zeller im Katalog zur Ausstellung, die von Frank-Thorsten Moll kuratiert wird.

Allmächtiger Blick von oben

Mohnés Arbeit mit der Drohne kombiniert nun ein technisches Fluggerät mit einer künstlerischen Betrachtungsweise, führt die beiden Blickwinkel auf die Vogelperspektive so zusammen und stellt unterm Strich die Frage nach Verantwortlichkeiten. Wer die Welt von oben sieht, hat sie im Griff. Die Götter von heute verwalten den Bilderschatz von Google Earth oder steuern per Joystick eine Drohne. In der Kontrolle darüber hinkt die Gesetzgebung 20 Jahre hinterher. Früher war die Frage, ob der Mensch sich den Blick „von oben“ erlauben darf oder ob er damit in eine verbotene Zone eindringt, religiös motiviert. Heute stellt man sie aus politischem Regelungsbedarf.Der südkoreanische Künstler Junbebum Park nimmt sich der Allmacht, die dem Blick von oben eingeschrieben ist, sehr humorvoll an – indem er diese Macht vortäuscht. Von oben hat er einen Parkplatz gefilmt. Echte Autos parken ein und aus, echte Menschen gehen vorbei – und die (nachträglich gefilmten) Hände des Künstlers scheinen diese ganzen Geschäftigkeiten zu dirigieren – Mensch und Technik erscheinen als Marionetten eines höheren Wesens mit großem Spieltrieb.Die Eroberung der Vogelperspektive durch technisches Gerät hat das Wachstum der Städte verändert. Einem Künstler wie dem besagten Matthäus Merian ging es noch darum, das am Boden Gewachsene und Bestehende aus imaginärer Höhe zu zeigen. Es waren Städte, die, je älter sie waren, desto unregelmäßiger wirkten. Erst wurde gebaut, dann das Gebaute als Ensemble dargestellt. Die Luftfotografien Christoph Gielens von amerikanischen Vorstädten belegen, dass sich diese Reihenfolge umgekehrt hat: Sie zeigen sternförmig um die zentralen öffentlichen Einrichtungen angeordnete Siedlungen. Die Einsicht in die zweckmäßige Anordnung einer Stadt und vor allem die Bedachtsamkeit auf ihr ästhetisches Erscheinungsbild aus der Luft zeigen, wie sehr die Stadtplanung von der Vogelperspektive geprägt ist.Die Ausstellung zeigt den Durchbruch der Vogelperspektive in der Fotografie, durch Aufnahmen von Eduard Spelterini, dem die erste fotografisch dokumentierte Alpenüberquerung mit dem Ballon glückte, aber auch durch Fotografien von Anton Stankowski und Andreas Feininger. „Die Fotografie des sogenannten ‚Neuen Sehens' stürzte sich damals auf die noch am wenigsten eingeführten Perspektiven“, sagt Frank-Thorsten Moll. Dazu zählte neben extremen Vergrößerungen durch neue und starke Objektive auch die Vogelperspektive. Anton Stankowski zeigt dabei ein sehr grafisches Denken: Er fotografiert von oben Reifenspuren im Schnee auf einer stark befahrenen Straße, die Ölspur eines liegengeblieben Autos oder das Gewirr von Feuerwehrschläuchen. Sein Blick durch die Kamera ist ein künstlerisch-poetischer, weil er sich weniger auf die fest gebauten Strukturen einer Stadt richtet als auf die flüchtigen Erscheinungen in ihnen.

Die konstruktivistische Stadt

Linien, Muster und Ornamente interessieren Jahrzehnte später auch Christian Ring. Seine Luftaufnahmen sind dabei so fokussiert, dass manche wie reine Abstraktionen wirken, die man mit gebauter Architektur, mit realer Welt kaum noch in Verbindung bringt. Zum Beispiel seine Aufnahme der Markierungen auf dem Parkplatz der Messe Hannover: Nur zwei Laternenmasten verorten das streng „kunstruktivistische“ Bild in der Wirklichkeit.Die Kunst ist der Technik in der Darstellung der Vogelperspektive vorangegangen – als dies der Technik aber aus eigener Kraft möglich war, übernahm sie damit ein Betätigungsfeld der Kunst. Vielleicht kann man sagen, dass bei Christian Ring die Technik die Vogelperspektive an die Kunst zurückreicht, durch Fotografien, die wie grafische Konstruktionen wirken.

Rückkehr zum Geerdeten

Um Luftfotografien handelt es sich scheinbar auch bei Armin Boehms großformatigen Bildern. Zeigt er die eng aneinandergeschmiegten Dächer von Siedlungen in einer weiten Wüstenlandschaft? Tritt man näher, löst sich diese „Landschaft“ in bloße Ornamente auf, und ganz nah schließlich erweisen sich die Dächer als aneinanderstoßende Textil-Flecken. Das betont Handgemachte und Reibungshafte dieser Assemblage aus Stoff, Metall und Sand weist den Charakter einer bruchlos konstruierten Einheit ebenso zurück wie die Glätte einer Fotografie. Nach dem ersten Eindruck einer Betrachtung aus weiter Ferne, wie sie der Vogelperspektive eigen ist, kehrt auf den zweiten Blick das Haptische, Handfeste zurück. Es lässt ein Stück sweit auch das Künstlerische hinter sich und wendet sich wieder den realen Phänomenen zu, die mehr sind als nur eine Perspektive, unter der sie betrachtet werden. 

Informationen zur Ausstellung „Die Welt von oben“

  • Die Eröffnung der Ausstellung „Die Welt von oben“ – Die Vogelperspektive in der Kunst” ist heute um 19 Uhr im Zeppelin-Museum in Friedrichshafen.
  • Beteiligte Künstler: Max Ackermann, Thom Barth, Armin Boehm, Andreas Feininger, Leonie Felle, Christoph Gielen, Johanna Jaeger, Achim Mohné & Uta Kopp, Junebum Park, Mady Piesold, Christian Ring, Pat Rosenmeier, Marcus Schwier, Conrad Sevens, Eduard Spelterini, Anton Stankowski und Wladimir Tatlin & Jürgen Steger.
  • Bis 12. Januar 2014. Geöffnet bis Ende Oktober täglich von 9 bis 17 Uhr. Ab November von Dienstag bis Sonntag, täglich von 10 bis 17 Uhr.

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