Friedrichshafen Die Macht der Fantasie
„Gdsch, boah, boah wow“ – Caroline Simons Tanz ist auch eine Art Geräuschperformance. Und am Ende war der erträumte Typ mit O-Beinen wirklich nur geträumt. Bild: Rüdiger Schall
Hand aufs Herz: Wer hat heute Morgen im Badezimmerspiegel nicht nach diesem kleinen, sehr süßen und hocherotischen „Knöchelchen“ auf der Schulter gesucht? Gibt es das wirklich oder ist auch das nur eine Erfindung von Caroline Simon? Einbildung, wie die wallenden roten Haare, die großen grünen Katzenaugen und die unendlich langen dünnen Beine, die in sexy kurzen Hosen stecken und beim Tanz wie scharfe Messer die Luft durchschneiden?
Die kleine Primaballerina aus Brüssel hat am Dienstagabend im Kiesel Turnschuhe zum Rock und ihr kupferfarbenes Haar kurz getragen. Aber irgendwie hat das keiner gemerkt. Durch die Kraft ihrer Worte und Körpersprache füllte sich die ganze Bühne wahlweise mit ihrer oder jeder x-beliebigen Persönlichkeit, die gerade durch ihre Fantasie tanzte. Ein paar Regieanweisungen an Licht und Technik, und schon zündete ein gigantisches Feuerwerk. Aus 200 Kinderkehlen war die „Ode an die Freude“ zu hören, eine Champagner-Kaskade sprudelte in Fontänenoptik, 400 Wunderkerzen, weißes Pferd, goldene Kutsche und natürlich regnete es rote Rosen zur Hochzeit. Was sonst – bei so einem Mann. „Piqué, Piqué, Piqué, gdsch, boah, boah wow“, tanzt Caroline Simon und schon steht er da. 1,80 Meter groß, dunkle Haare, dunkle Augen. Trainiert. Unbehaarter Oberkörper, rotes kurzes Höschen und ganz leichte O-Beine. Andere müssen Frösche küssen, bei Caroline Simon genügen ein, zwei Pirouetten.
Doch was, wenn blaue Laserstrahlen der leidenschaftlichen Romanze den Weg versperren? Caroline Simone tanzt sie einfach weg. Gdsch, gdsch, Kick, Sprung – brillant. Wenn eine das Liebesglück verdient hat, dann diese Solotänzerin. Auch den roten VW-Caddy, das Penthouse und dieses kleine Mädchen mit den Locken und dem weißen Kleid mit rosa Blümchen und den kleinen „Knöchelchen“ an der Schultern, einfach süß. „Pizzicato, jetzt bin ich ganz hoch oben“ – sie schwebt in der Fantasie der Zuschauer über die Bühne und landet hart in der Realität, als sie den Text vergisst. Das passiert immer an dieser Stelle, denn jetzt lernt das Publikum die wahre Caroline Simon kennen. Die mit der kleinen Singlewohnung und dem Balkon, von dem aus man den Caddy und das Penthouse sehen kann. Die mit dem schönen weißen Kühlschrank auf dem rosa Magnet-Blümchen haften und die, die abends im Schein der kleinen Nachttischlampe, vor dem Schlafzimmerspiegel dieses verflixte „Knöchelchen“ an der Schulter sucht.
Als im Kiesel der Scheinwerfer ausgeht – übrigens der einzige, der an diesem Abend gebrannt hat – bleibt es ganz still. Niemand applaudiert, zumindest nicht gleich, weil alle erst Ordnung in ihre Köpfe bringen müssen. Es ist vorbei, schade.
Aber eine Kleinigkeit hat Caroline Simon noch: einen Flyer. Der weist aber nicht, wie man hätte vermuten können, auf weitere Termine für ihre Solo-Tanzperformance hin. „Suche Mann“, steht da, „1,80 Meter groß, dunkle Haare. Unbehaarter Oberkörper, leichte O-Beine. Sollte gut tanzen und kochen. Verantwortungsvoll, kinderfreundlich, flexibel. Bitte melden bei: contact@carolinesimon.com“. Das Bild dazu zeigt einen trainierten unbehaarten Körper in knapper roter Hose, leicht gebogene Beine und winzige Knöchelchen auf der Schulter. Manche Träume enden nie: Toi, toi, toi Caroline.
