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Friedrichshafen Die Kunst, flüchtig und wie nebenbei

23.02.2012
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Heute Eröffnung: Die Ausstellung „Ephemerals“ im Zeppelin-Museum in Friedrichshafen

Darf man einen so großen Artikel schreiben über eine Ausstellung, die keineswegs die Blicke auf sich zieht? „Ephemerals“ heißt die neue Schau im Zeppelin-Museum. Nichts an ihr buhlt um Aufmerksamkeit, und wer sie daher eine Attraktion nennt, erklärt wohl auch gern eine Mücke zum fliegenden Elefanten.

„Ephemerals“, Flüchtigkeiten, nennen sich die lose über die Dauerausstellung verteilten künstlerischen Positionen. Flüchtig sind sie nicht nur, weil man fast darüber hinwegsieht (als Museumsbesucher sucht man stets nach „Eyecatchern“), sondern auch, weil immer wieder neue Arbeiten hinzukommen sollen, während andere abgebaut werden. Von einem Tag auf den anderen sollen sie verschwunden sein, und am Ende wird „Ephemerals“ sich verflüchtigt haben.

Frank-Thorsten Moll, der Leiter der Kunstabteilung des Zeppelin-Museums, hat mit Winfried Stürzl aus Stuttgart einen Kurator eingeladen, der dem bewahrenden Auftrag eines Museums die Vergänglichkeit entgegenhält. Und anders als ein Museum, das vom betont anschaulichen Vorzeigen seiner Sammlung lebt, zerstäubt Stürzl das, was es zu zeigen gibt, regelrecht in alle Winde. Eingeübt hat Stürzl diese Herangehensweise an Kunst und seine Sichtweise auf sie im Stuttgarter „Tresor“, dem leerstehenden Tresorraum der ehemaligen Bahndirektion. Knapp zwei Jahre lang hat er hier 20 Ausstellungen realisiert, denen alles „Tresorhafte“ abging: Nichts Kostbares wurde aufs Schild gehoben, und nicht museal für die Ewigkeit gesichert.

Den „Tresor“ gibt es inzwischen nicht mehr, aber geblieben ist das Interesse an der Flüchtigkeit, mit dem Stürzl und „seine“ Künstler inzwischen auf Reisen gehen und so Station in Friedrichshafen machen.

An den über die Kunst- wie die Techniksammlung verteilten Arbeiten des Duos Judith Kaiser/Friederike Stanger sowie Barbara Karsch-Chaïeb, Pia Maria Martin und Kurt Laurenz Theinert kann der Besucher einen Blick für das Beiläufige entwickeln. Die Kunst dieser Ausstellung integriert sich in die Dauerausstellung und kommentiert sie. Diese Kunst sticht nicht hervor, aber sie summiert sich zur Merkwürdigkeit, über die man schließlich stolpert. So fehlen etwa die Beschriftungen: Kein Schild nimmt die Neugier, womit man es hier zu tun hat. So haben Judith Kaiser und Friederike Stanger in Vitrinen mit allerlei technischen Geräten aus der Zeppelingeschichte merkwürdige Gebilde eingeschmuggelt: halb runde Tintenfässer, halb schlaffe Luftballone. Nur wenige Zentimeter groß, fallen sie zunächst nicht auf – wenn man aber schließlich vor der dritten Vitrine steht, in denen sie lose ausgestreut liegen, wird man dann doch stutzig. Man wird noch stutziger werden, wenn diese kleinen Skulpturen, die wie der Vergänglichkeit entrissene, rätselhafte Fundstücke aus der Ära der Luftschiffe wirken, sich erst im Laufe der Zeit auflösen. „Diese Gebilde sind aus Rohkautschuk, und das ist lichtempfindlich. Dem Licht ausgesetzt, lösen sie sich allmählich auf“, sagt Judith Kaiser. Zurück bleiben wohl nur schwarze Brösel. Museen sind bemüht, ihre Objekte ideal zu konservieren. Diese Ausstellung dagegen, deren Objekte man erst einmal aufspüren muss, impft mit Gelassenheit angesichts des Verfalls. Nichts ist für die Ewigkeit gemacht; den Status eines Endprodukts erreicht ein Artefakt in dieser Sichtweise nicht, wenn er fertig gestellt ist, sondern wenn er restlos wieder zerfallen sein wird. Die Relikte aus der Zeppelin-Ära mögen eine längere Halbwertszeit haben als die besagte Kautschuk-Kunst, aber auch sie sind ins Verschwinden eingebunden – wie jeder Forscher weiß, der beklagt, wie wenig etwa von der „Hindenburg“ in die Gegenwart gerettet wurde. Und ist nicht auch jedem bewahrten Relikt das Verschwinden eingeschrieben, weil seine Zeit hinter ihm zurückgeblieben ist?

Diese Ausstellung, die der Flüchtigkeit Gestalt gibt, passt ideal zu einem Zeitpunkt, an dem das Zeppelin-Museum an der nächsten Stufe seiner Neukonzeption arbeitet: Manches Exponat steht nicht mehr an jenem Platz, den es seit der Eröffnung innehatte. Unter der Hindenburg-Rekonstruktion etwa steht derzeit nur noch der Maybach, sonst ist die Halle leer – sämtliche Vitrinen sind verschwunden. Lediglich ein paar Bilder hängen hier verloren an der großen Glasfront; und sie wirken ähnlich verwischt, ähnlich aus einer ungeklärten Vergangenheit stammend wie der von Gerhard Richter in Öl gemalte „Onkel Rudi“. Bei diesen auf Fotos beruhenden Arbeiten von Barbara Karsch-Chaïeb im Zeppelin-Museum handelt es sich um Szenen aus der Zeppelin-Geschichte. Sie hat Fotografien von Arbeitern, aber auch von Reisenden so verfremdet, dass sie wie treibende Gedächtnisbilder wirken: Gesichter und Körperkonturen verschwimmen, das Tageslicht flutet durch sie hindurch und scheint die Bedeutung, die ihnen mitgegeben war, ausgewaschen zu haben: Anonyme Standbilder, herausgelöst aus einem verschütt gegangenen Zeitfilm. Diese Fotoarbeiten ziehen sich bis hinauf zur Kunstsammlung. Hier finden sich Köpfchenbilder an der Wand, die keine Namen mehr tragen. Auf dem Boden befinden sich Indizien, die nicht ausreichen, um eine Geschichte zu bilden: die Daten diverser Zeppelinfahrten und -expeditionen. Bald wird auch diese Schrift verschwunden sein, denn sie wurde mit Muschelkalk und Jademehl auf den Boden gepinselt. Das Schuhwerk der Besucher, die gekommen sind, um sich über Kunst und Technik zu informieren, werden Schritt für Schritt auch diese wenigen Informationen auslöschen. Das ist von eigener Ironie.

Ach, alles vergeht. Ist es da nicht paradox, wenn insbesondere die Kunst der Barockzeit die Vergänglichkeit in symbolbeladene Stillleben-Malerei bannte, deren Lack bis heute nicht angekratzt ist? Um solche Stillleben scheint es sich bei der Kunst von Pia Maria Martin zu handeln – auch wenn Martin nicht auf Leinwand, sondern auf dem digitalen Bildschirm in altmeisterlicher Manier „malt“. Doch dann wird in den prächtigen Tableaus der Verfall lebendig: Aus einem mahnenden Totenschädel kriecht ein Käfer, ein Salatkopf entblättert sich und welkt dahin, die prallen Trauben verfaulen, eine Sanduhr läuft unweigerlich ab. Das Memento mori verlässt die Sinnbildlichkeit, wird konkret – doch indem sich der Zerfall ereignet, kehrt in die Szenerie zugleich endlich Leben ein. Das mag der Grund sein, weswegen der Hummer mit seinen Scheren so fidel eine Zitrone nach der anderen schält.

Ein wenig ratlos macht die Kunst von Kurt Laurenz Theinert. Er hat den Bannstrahl von fünf Laserschranken um einen gekreuzigten hölzernen Christus aus dem 15. Jahrhundert gelegt. Auf den Besucher wirkt das Lasergeflecht, als wäre er selbst ein Kunsträuber, der sich an einen alarmgesicherten Schatz heranmacht. Tritt man dennoch näher, begreift man die grünen Strahlen als offenes Assoziationsnetz. Die Strahlen überschneiden sich und nehmen so die Thematik des Kreuzes auf. Sie überführen es vom schweren Material Holz ins Immaterielle. Außerdem sind die Lichtkreuzungen keineswegs fixiert: Die Linien schwingen und pendeln, anders als das Holzkreuz. Und anders als der Gekreuzigte kann sich der herangewagte Besucher, auf dem die Kreuzgespinste zu liegen kommen, frei bewegen. Geht es um Statik und Dynamik? Geht es um eine theologische Frage? Um ästhetische Konzepte? Und was passiert eigentlich, wenn sich die Laser direkt auf das alte Kunstwerk richten: Geht es dann kaputt? In diesem Fall sollten die Verantwortlichen im Zeppelin-Museum den Ausstellungstitel besser wörtlich nehmen – und sich rasch verflüchtigen…

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