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Friedrichshafen - Der Verein Jazzport droht finanziell auszubluten

Das Land Baden-Württemberg verstärkt seine Jazzförderung, bewirkt beim Häfler Jazzclub damit aber das Gegenteil. Außerdem fällt ab 2018 ein Sponsor weg. Der allwöchentliche Donnerstagsjazz im Amicus ist in Gefahr.

Im Amicus im Fallenbrunnen spielt sich für den Donnerstagsjazz die Band Groove Hog warm. Vier Musiker, von denen nur einer aus Baden-Württemberg stammt – und das ist schlecht. Schlecht für die Kasse des Vereins Jazzport, der den Donnerstagsjazz veranstaltet und die Musiker bezahlt. Das Kultusministerium Baden-Württemberg hat nämlich neue Richtlinien zur Jazzförderung beschlossen, und sie sind ein Hauptthema bei der Jahreshauptversammlung von Jazzport.

Kommentar: Stadt muss helfen

Die Lage ist paradox: Das Land steckt mehr Geld in die Unterstützung von Konzerten, die von Jazzclubs veranstaltet werden, und trotzdem bleibt bei Jazzport weniger hängen. Seit 2016 soll jedes Mitglied eines Jazz-Ensembles ein Mindesthonorar von 180 Euro pro Auftritt erhalten (bis 2015 waren es nur 100 Euro, von denen das Ministerium die Hälfte zahlte). Maximal die Hälfte dieser Summe trägt das Kultusministerium, die andere Hälfte der Gage bezahlt der Jazzclub. Damit das Geld des Ministeriums für alle Mitglieder einer Band fließt, genügte es bis 2016 in der Praxis, dass eines der Mitglieder professioneller Musiker mit Wohnsitz in Baden-Württemberg ist. Damit ist seit 2017 Schluss. Jeder, der nicht Profi ist und nicht in Baden-Württembergs lebt, wird auch nicht unterstützt.

Und es gibt noch ein zweites Problem: Bisher wurden vom Land 40 Konzerte pro Jahr subventioniert, seit 2017 sind es nur noch maximal 30. Der Verein Jazzport führte 2016 aber allein 50 Donnerstagsjazz-Konzerte im Fallenbrunnen durch.

„Dass vor allem Musiker aus Baden-Württemberg auf der Bühne stehen, mag bei einem Club in Stuttgart funktionieren“, sagt der stellvertretende Vorsitzende Ekkehard Frenzen. „Aber in Friedrichshafen sind wir im Grenzgebiet zu Bayern, Österreich und der Schweiz.“ Und das ist ja auch gut so: Jazzmusiker scheren sich nicht um Landesgrenzen. Sie tragen zu einem gemeinsamen Kulturraum bei. Wenn sie sich ihre Mitspieler nun nach Regeln der Kleinstaaterei aussuchen müssen, weil die Jazzclubs sonst die Gagen nicht mehr bezahlen können, werden Bindungen zerschnitten und der Musik tut es auch nicht gut.

Und es gibt weitere Hemmnisse: Damit die Landesmittel fließen, muss ein Musiker nicht nur in Baden-Württemberg leben, er muss zudem mindestens eine mehreren Bedingungen erfüllen, die vor allem seinen Status als Berufsmusiker belegen. Für den Jazzport als Veranstalter bedeutet das eine Menge zusätzlichen Papierkram. Wie soll man auch das noch ehrenamtlich leisten können? Allein das wöchentliche Jazzkonzert im Amicus auf die Beine zu stellen, bedeutet eine Menge Arbeit. Arbeit, in die die Organisation der Konzerte des New Jazzport Orchestra und seiner wöchentlichen Proben noch gar nicht eingerechnet ist.

Jazzport hat eine Modellrechnung für die Jahre 2016 und 2017 aufgestellt. Demnach bezahlte der Verein 2016 für 40 geförderte Konzerte Gagen in Höhe von 14 400 Euro aus eigener Kraft. Der Rest, ebenfalls 14 400 Euro, waren Fördermittel des Landes. Für 2017 sieht die Modellrechnung düsterer aus: Wenn nur noch 30 Konzerte vom Land gefördert werden, wobei jede Band mit vier Mitgliedern angesetzt wird, von denen wiederum jeweils zwei Profimusiker aus Baden-Württemberg sind, dann liegt die Fördersumme des Landes nur noch bei 5400 Euro und Jazzport hat 16 200 Euro selbst zu stemmen. Das macht unterm Strich also Mehrausgaben für den Verein von 1800 Euro gegenüber 2016, für zehn Konzerte weniger als 2016.

Darüber hinaus gibt es eine weitere schlechte Nachricht: Das Stadtwerk am See zieht sich als Sponsor zurück. „Für 2016/17 wurde die bisherige Summe halbiert und ab 2018 wird das Stadtwerk gar nicht mehr dabei sein“, sagt der Jazzport-Vorsitzende Jürgen Deeg. Er bedankt sich zugleich, dass das Stadtwerk sein Sponsoring wegen der schwierigen Lage, auf die der Verein zusteuert, bereits verlängert hat.

Was also tun: Die Zahl der Konzerte von derzeit 50 stark herunterfahren? Dann wäre der wöchentliche Donnerstagsjazz gestorben. Und das hätte auch Auswirkungen auf das Amicus, das bei den Jazzkonzerten Umsatz macht. Der Fallenbrunnen 17 ist für die Gastronomie schon lange ein schwieriges Pflaster mit häufig wechselnden Wirten. Mit weniger Jazzport-Konzerten wird das nicht einfacher.

Sollte Jazzport künftig nur noch Bands einladen, die ausschließlich mit Musikern aus dem Ländle besetzt sind? „Solche Bands gibt es kaum“, sagt Jürgen Deeg. Eine andere Möglichkeit wäre, für den Donnerstagsjazz Eintritt zu verlangen. Aber das hält man in der Runde nicht für sinnvoll. Das Publikum würde schrumpfen, die Hutsammlung wäre gestorben und am Ende stünde man mit weniger Einnahmen als vorher da. Außerdem kämen bei einem Bezahlkonzert GEMA-Kosten obendrauf, die bei Konzerten auf Spendenbasis nicht anfallen. Zudem wäre ein solcher Eintrittskartenjazz das Ende einer niederschwelligen Kultur, eines offenen Forums.

Weil der Vorstand die schwierige Lage auf sich zukommen sah, wurden 2016 für die 260 Mitglieder die Beiträge erhöht. Nun liegt der Ball bei der Stadt Friedrichshafen, bei der Jazzport um eine größere Unterstützung als bisher angefragt hat: Im Rahmen der Vereinsförderung erhält Jazzport 2500 Euro pro Jahr. Größeres Entgegenkommen wurde dem Verein offenbar nicht signalisiert und eine SÜDKURIER-Anfrage bei der Pressestelle wird mit Verweis aufs Formale beantwortet: „Ein konkreter Antrag liege nicht vor, „sodass wir keine Aussage zur Fördermöglichkeit oder gar Förderhöhe treffen können“.

 

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