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29.09.2012  |  von Harald Ruppert  |  0 Kommentare

Friedrichshafen Der Leuchtturm von Avalon

Friedrichshafen -  „Ghost Light Light House“ – Florian Grafs Leuchtturm-Projekt hat das Zeppelin-Museum erreicht

Der schwimmende Leuchtturm kehrt verkleinert wieder und zeigt Bilder seiner Fahrten auf dem Bodensee.  Bild: Katja Bode/ZF-Kunststiftung

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„Die Dokumentation der Aktion ist beständiger als die Aktion selbst“, sagt Laudatorin Mechtild Widrich. Gemeint ist der schwimmende Leuchtturm, den der Künstler und ZF-Stipendiat Florian Graf in den vergangenen Wochen auf eine Irrfahrt über den Bodensee geschickt hat. Die Reaktionen grenzten an die Sichtung paranormaler Phänomene: „Der Turm soll zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten gesehen worden sein“, sagt Regina Michel, Geschäftsführerin der ZF-Kunststiftung. Sicher ist derzeit nur, dass der Turm nicht mehr kreuzt. Wo er aber steckt und wo er verbleibt, darüber macht Florian Graf keine genauen Angaben. Einen Mythos wollte er mit seinem „Irrturm“ schaffen, und wenn der Turm sich nun verflüchtigt wie König Artus in Avalon, ist das dem Mythos förderlich.

Eines aber bleibt: Die Dokumentation vom „Wirken“ des Irrturms; eine Hinterlassenschaft, die jeder Mythos für seine Erhaltung braucht. Der Leuchtturm selbst ist verschwunden, aber seine Replik hat Bestand. Im Maßstab 1:4 steht sie im Grenzraum des Zeppelin-Museums. Am „Kopf“ des gut zwei Meter hohen Pyramidenkörpers kreist nun kein Licht, sondern eine Kamera. „Der Turm projiziert gleichsam die Erinnerung an seine Fahrten aus sich heraus“, sagt Florian Graf angesichts der Bilder, die über die Wände des Grenzraums wandern.

Aber erinnert sich hier nicht eher ein „kleiner Bruder“ des Leuchtturms? Und wenn ja, wie vertrauenswürdig ist dann seine Zeugenschaft überhaupt – spricht hier einer von Dingen, die er selbst gar nicht gesehen hat und die nicht mehr greifbar sind? Gerade damit liefert der kleine Leuchtturm das notwendige Bindeglied, das zwischen dem Ereignis selbst und dem in die Ferne gerückten Mythos liegt: die vermittelnde Erzählung. Eingewoben in sie ist das Nachdenken. Und so gibt es in dem rund achtminütigen Film nicht nur jene Ebene, die den Turm bei seiner selbstsicher thronenden Ausfahrt auf dem See zeigt, sondern auch verwirrende Aspekte. Der Film zeigt geisterhafte Nachtaufnahmen, in denen das Licht des Turms kein Orientierungssignal mehr gibt, sondern in weiße Blendung übergeht. Eine andere Szene zeigt den Künstler selbst, wie er nachts am Seeufer kauert, eine Taschenlampe in der Hand, mit der er suchend und sinnend ins Wasser späht. Ist er Fragen auf der Spur, die ein Leuchtturm aufwirft, der den festen Grund verloren hat? Ein solcher Turm spiegelt Orientierung nur noch vor. Er hat sie selbst und damit seine ganze Funktion verloren – oder vielmehr eine andere gewonnen: Er vermittelt nun nicht mehr das Versprechen von der Einfahrt in den sicheren Hafen, sondern den Zweifel an Sicherheiten. Er ist wie jenes sanft fragende „Stimmt das?“, mit dem jeder ins Schleudern zu bringen ist, der mit Nachdruck vermeintliche Gewissheiten verkündet.

Mit der zwei Meter hohen Leuchtturm-Replik im Zeppelin-Museum zeigt Florian Graf nicht nur die Kopie eines Kunstwerks, dessen Original verschwunden ist, denn sein Miniaturturm setzt eigene Akzente. Zwar hat sein Turm in der Ausstellung einen festen Standort – aber ein Leuchtturm, der in einem so überschaubaren Raum für Orientierung sorgt, ist schon surreal. Zugleich ist dieser Raum, sind seine Wände nur Platzhalter für das, was darauf projiziert wird – eine Geschichte von einem Irrlicht, der man mit unruhigen Augen im Kreise folgt und die sich in einem weißem Leuchten auflöst, als ob sie nicht gewesen wäre. Wer Augenzeuge war und den Turm auf dem See gesehen haben will, den darf man fragen: „Stimmt das?“ Und sei es nur, um dem Mythos vom Irrlicht auf dem Bodensee Vorschub zu leisten.

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