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19.02.2013  |  von  |  0 Kommentare

Friedrichshafen Der Alltagsphilosoph der Kabarettisten

Friedrichshafen -  Der Kabarettist Uli Boettcher ist ein Kind der Region. Im April erhält er den Kleinkunstpreis des Landes. Das könnte für ihn der Anfang einer neuen Karriere sein

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Redakteur Konstanz

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Betrachtet man den Kabarettisten Uli Boettcher (46) bei seinen Bühnenauftritten, käme einem kaum in den Sinn, ihn als besonders augenfällig zu beschreiben. Meistens trägt er ein dunkles Sakko zu einer dunklen Hose, manchmal weiße Turnschuhe dazu. Die Haare sind nicht übertrieben frisiert. Der Mann wirkt wie ein ganz normaler Typ. Wie der nette Nachbar von nebenan. Der Eindruck bestätigt sich, wenn man tatsächlich mit dem 46-Jährigen spricht. Ja, das ist ein bodenständiger Mann, denkt man, einer der weder Allüren noch etwas bemüht Verkopftes hat, wie manche seiner Bühnenkollegen.

Vielleicht liegt das auch an seiner Herkunft. Er ist geboren in Weingarten, in Ravensburg zur Schule gegangen – zumindest so lange bis er beschlossen hat, dass das mit ihm und der Schule nicht so funktioniert. Boettcher brach das Gymnasium ab und absolvierte erst mal eine Malerlehre. Sein Faible für Bühnenauftritte hatte er da zwar schon durch Einsätze in Schultheatergruppen getestet, aber dass das wirklich mal sein Beruf werden würde, war da noch längst nicht klar. „Ich bin mit der Zeit immer weiter ins Theater reingerutscht“, sagt Boettcher im Gespräch mit dem SÜDKURIER. Erst Straßentheater, dann Auftritte in soziokulturellen Zentren in Ulm und später dann Fest-Engagements als Schauspieler am Theater Ravensburg und am Schauspielhaus Düsseldorf.

Bei den Klosterfestspielen Weingarten spielte Boettcher Rollen in Klassikern von Shakespeare, Lessing, Schiller und Hofmannsthal. Es gibt wenig, was der heute 46-Jährige auf der Bühne nicht ausprobiert hätte. Vielleicht auch deshalb hat er in diesem Jahr seine bislang größte Auszeichnung erhalten: den baden-württembergischen Kleinkunstpreis. Am 11. April wird der Preis in Karlsruhe verliehen.

In der Begründung des Preises lobte die Jury Boettchers „zurückgenommene und gleichzeitig starke Bühnenpräsenz“. Und: „In seinen autobiographisch geprägten Geschichten aus dem Alltag kann er virtuos seine Erfahrung als Schauspieler einbringen.“ Ein sehr schönes Lob für einen Preisträger und so zurückhaltend wie sich der Kabarettist im Interview gibt, kann man sich fast vorstellen, wie er leicht rot geworden ist, als er die Lobpreisung der Jury vernommen hat.

Fragt man Boettcher nach der Bedeutung dieser Auszeichnung für ihn, sagt er, dass er sich sehr freue: „Für mich ist das ein Stück weit auch eine Belohnung dafür, dass ich nie aufgegeben habe“, erklärt der Kabarettist. Trotz allem Auf und Ab in der Karriere habe er nie ernsthaft darüber nachgedacht, mit der Schauspielerei aufzuhören: „Ernsthafte Zweifel an meinem Tun hatte ich nie. Ich sehe das Ganze bis heute nicht als lästigen Job, ich gehe einfach gerne auf die Bühne“, sagt Boettcher.

Dort ist der Alltagsphilosoph in seinem Element, wenn er absurde und schräge Geschichten aus dem echten Leben erzählen kann: von merkwürdigen Elternabenden und unheimlichen Besuchen beim Urologen. Boettcher hat auch keine Scheu zu bekennen, dass vieles von dem, was er auf die Bühne bringt, autobiographisch ist. In dem Jahr, in dem er 42 Jahre alt wurde, schrieb er ein neues Soloprogramm mit dem Titel „Ü40 – die Party ist zu Ende“. Sein aktuelles Programm heißt „Keine Ahnung“ – weil er mit zunehmendem Alter merke, dass er von immer mehr Dingen eben schlichtweg keine Ahnung habe, so Boettcher.

Er macht das, was ihn gerade interessiert; politisches Kabarett sucht man bei ihm vergebens. Dazu sei er nicht bissig genug, gibt der 46-Jährige zu. Vielleicht liegt es auch daran, dass er sich gegen das „Haifischbecken Stadt- und Staatstheater“ entschieden habe. „Ich habe es versucht, aber da war mir zu viel Neid, zu viel Missgunst, zu viel Rahmen und zu wenig Freude“, erläutert der Schauspieler. Stattdessen hat er vor zwei Jahren sein eigenes Theater eröffnet: Das Hoftheater in Baienfurt. Hier gibt es regelmäßig Kleinkunst, Theater und Musik. „Das ist nicht immer leicht, aber es verschafft mir die maximale Möglichkeit zu agieren“, sagt Boettcher.

Müsste er sich heute entscheiden zwischen Straßentheater und Stadttheaterbetrieb, die Sache wäre klar: „Die Freiheit der Straße würde ich jederzeit vorziehen. Da kann ich wenigstens selbst bestimmen, was ich mache.“

 

Uli Boettcher ist mit seinem Programm „Keine Ahnung“ am Donnerstag, 7. März, 20 Uhr, zu Gast im Bahnhof Fischbach. Reservierung unter Telefon 0 75 41/4 42 26.

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