Fantastic performance!“ Adam Gorb ist voll des Lobs. Soeben hat er beim Herbstkonzert von EADS, Tognum und MTU im Graf-Zeppelin-Haus die Welturaufführung seiner Komposition „Eine kleine Walzermusik“ erlebt, gespielt vom MTU Bläserensemble, verstärkt durch einige Aushilfen, unter der Leitung von Reiner Hobe.
Das Lob ist gerechtfertigt, denn das Stück des britischen Komponisten, der extra für diesen Abend angereist ist, dauert zwar nur einige Minuten, ist aber gar nicht leicht zu spielen. „Eine kleine Walzermusik“ erweist dem Wiener Walzer Reverenz, aber auf eine recht schwierige Weise: Das Stück ist teilweise sehr zart instrumentiert, immer wieder löst sich die beschwingte Walzerseligkeit in einem irritierenden Flirren auf, um sich dann wieder neu zusammenzufinden. Von einer naiven Seligkeit kann denn auch nicht die Rede sein. Gorb scheint mit seinem Werk zu reflektieren, dass der Wiener Walzer seinerzeit auch eine Musik der biedermeierlichen Weltflucht war, ein Selbstvergessenheitstaumel. Die Wiener Gesellschaft fand im Walzer ein Überdruckventil für innere Spannungen, mit dem es sich über die Restriktionen des autoritären kaiserlichen Regimes hinwegtäuschen konnte.
Sträubt sich die „Kleine Walzermusik“ deshalb gegen das Eingängige? Sicherlich nicht nur, denn sie ist eben auch eine Hommage an den Walzer – sie hebt bei Johann Strauss an und reicht, getragen durch vom Walzer inspirierte Komponisten wie Tschaikowsky und Ravel, hindurch bis ins Jetzt – und bis ins Hier. Gorbs „Kleine Walzermusik“ ist ein „moderner Walzer“, wie Reiner Hobe sagt, und es ist sogar ein lokaler Walzer, den man auf den Namen „Bodenseewalzer“ taufen könnte. Adam Gorb gesteht dem Publikum im vollen Hugo-Eckener Saal, warum: Als er mit der Auftragskomposition begonnen habe, habe er überhaupt nicht gewusst, dass es sich bei Friedrichshafen um eine Stadt handelt, die am Bodensee liegt. Der Blick auf die Landkarte habe dann aber zu jenem „Wassermotiv“ geführt mit dem die „Kleine Walzermusik“ anhebt: Eine zart wogende Klangfantasie, die nach einem kurzen Signalmotiv in Walzer überführt wird.
Nach dieser sehr gelungenen vielschichtigen „Kleinigkeit“ wird die Bühne frei für eine große Produktion: Die Revue „Eine fantastische Reise durch die Welt der Oper“. Viele Hände arbeiteten hier zusammen: Auf der Bühne, als szenisch agierender Chor, die Musikfreunde Markdorf, gemeinsam mit der BSG Dornier und den Solisten Alessandra Broer (Sopran), Isabel Devaux (Mezzosopran), Khachik Matevosyan (Bassbariton), Ulrich Köberle (Tenor) und Jonathan Köberle (Knabensopran); im Graben das von Joachim Trost vorbereitete Sinfonieorchester Friedrichshafen unter der Leitung von Uli Vollmer.
Woran die Produktion sicherlich nicht krankt, ist der Enthusiasmus und die Einsatzbereitschaft der Akteure – ein Problem ist aber die Regie von Mathias Behrends. Er hat sich vorgenommen, durch Chöre und Arien ganz verschiedener Opern einen Handlungsfaden zu ziehen. Behrends will eine Geschichte erzählen, aber es gelingt ihm nicht. Weil man als Zuschauer aber immer wieder versucht, eine durch die Wirrungen der Liebe hindurchführende Story zu finden, baut sich eine Ratlosigkeit auf, die sich auf die Stimmung niederschlägt. Das wiederum geht zu Lasten der vielen Darsteller, die aus reiner Begeisterung mitwirken. Sie haben es nicht verdient, dass das Ansehen ihrer Leistung geschmälert wird – eben dadurch, dass man über den Sinn ihrer Aktionen auf der Bühne rätselt, auf der Suche nach einem Zusammenhang, der die Szenen verbindet. Um Zusammenhängendes zu schaffen, ein professioneller Regisseur wie Behrends muss das erkennen, hätten Dialoge geschrieben, ein Handlungsablauf entwickelt werden müssen. Doch das geschieht nicht; es werden nur einige wenige Indizien ausgestreut, die aber nicht weit führen, wie etwa Amors (Jonathan Köberle) vereinzeltes Auftauchen oder die blind machende Augenbinde der Liebe, die mehrmals an diesem Abend umgebunden und wieder abgenommen wird; für eine Geschichte allemal zu wenig. Behrends holt das Publikum nicht ab, sondern setzt ihn etwas vor – eine lockere Aneinanderreihung von Stücken, die um die Liebe kreisen, aber keine Handlung vermitteln, kurzum: eine Revue, bestehend aus zwei Ouvertüren (Verdis „Die Macht des Schicksals“; Rossinis „Barbier von Sevilla“) sowie einem Dutzend Opernausschnitten, von denen jeder seine eigene Handlungslogik besitzt.
Betrachtet man die „fantastische Reise“ nun als Revue, weiß man die szenischen Aktionen des Chors zu schätzen. Der Blick wird frei auf darstellerisch lebendige Sängerinnen und Sänger, die fast dauernd in Bewegung sind und dennoch eine ausgewogene Gesangsleistung hinlegen, was alles andere als eine Kleinigkeit ist. Mal sitzend, mal stehend, sogar tanzend und mit reger Mimik bespielen sie den Raum – eine Art begehbare Schallplattenwelt, bühnenbildnerisch gestaltet von Matthias Keller, dem auch in der räumlichen Aufteilung der tiefen Bühne eine schöne Gliederung gelingt. Vom Ballast der Suche eines Gesamtzusammenhangs befreit, lässt sich der Gefangenenchor aus der Verdi-Oper „Nabucco“ genießen, die wunderbare Mozart-Arie „Cantiamo lodiamo“ aus Mozarts „Figaros Hochzeit“, und so fort.
Durchweg zeigt sich das Sinfonieorchester Friedrichshafen als sehr gewandter Klangkörper, der souverän zwischen den Komponisten und Epochen wechselt – von Verdi zu Nicolai, weiter zu Gluck, Smetana, Massenet, Rossini und Wagner. Von der Zusammenhangssuche in den Augenblick ihres Auftritts hinein befreit, dürfen auch die Solisten zu wirken beginnen, wie etwa Alessandra Boer, die, buchstäblich am Boden zerstört, als Donna Elvira in Mozarts „Don Giovanni“ ihr Elend beklagt.
Angesichts des großen Engagements der Solisten und Chormitglieder ist es bedauerlich, dass ihr Potenzial in Sachen Bühnenwirksamkeit aufgrund des fehlenden dramaturgischen Gesamtkonzepts nur teilweise zum Tragen kommt – dabei bleibt es auch dann, wenn man den Abend als Revue betrachtet. Eine einzelne Arie, ein Chorstück ist eben Teil eines Ganzen, und nur dort, wo der Teil aufs Ganze bezogen bleibt, entfaltet er seine volle Wirkung. Aus den Teilen ein neues Ganzes zu entwickeln, wäre Mathias Behrends Aufgabe gewesen.
Harald Ruppert