Friedrichshafen10.11.2008
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Bravo Zeppelin-Sinfonie [0]
Welt-Uraufführung im Friedrichshafener Graf-Zeppelin-Haus: Die Zeppelin-Sinfonie des Komponisten Thomas Doss wurde vom Stadtorchester Friedrichshafen mit dem Dirigenten David Gilson glänzend in Szene gesetzt.
Eine verklärende Spieldosenmusik für Zeppelin-Liebhaber ist das wirklich nicht. Die im sehr gut besuchten Friedrichshafener Graf-Zeppelin-Haus uraufgeführte Zeppelin-Sinfonie ist ein großer Wurf, und mancher mag überrascht sein von der Dramatik und der Wucht, die das Stadtorchester unter der Leitung von David Gilson an den Tag legt – und noch mehr davon, dass das Werk von Thomas Doss Denkarbeit bereitet. Mit der Zeppelin-Sinfonie wird keine simple Heroisierung des Grafen Zeppelin betrieben; dazu ist diese Sinfonie viel zu komplex, und dazu schert sie sich zu wenig um kollektive Erwartungen; ein genialisches Werk, das sich seinen eigenen Weg bahnt, vom Stadtorchester mit bravouröser Präzision und Profession in Szene gesetzt. Als instrumentales Fast-Nichts hebt der erste Satz an – die Vision des Grafen Zeppelin von einem Luftschiff. Dort, wo die Erhabenheit wohnt, zugleich aber die Luft dünn wird und nur noch einsame Klarinetten ums Gehirn streichen, gedeihen die Phantasmagorien des Grafen. In seinen Erläuterungen schreibt Thomas Doss treffend von der „Besessenheit“ des Grafen, die eine „Halluzination“ hervorbringt, denn die Geburt der Zeppelin-Idee scheint am Rande des Wahnsinns zu stehen: Wie Irrlichter flackern die Bläser, darunter wabert die dunkle Atmosphäre einer geistigen Hexenküche, eine Getriebenheit setzt ein, bis die vollendete Vision endlich als triumphale Hymne hervorbricht. Die Vision bleibt ein Wechselbad, ein Stürmen und Drängen, von Egon Ludwig durch eine Videoshow kongenial mit Bildern unterlegt. Der zweite Satz, in dem die konkrete Arbeit in den Luftschiffen, aber auch Rückschläge und Abstürze behandelt werden, ist so dramatisch, dass er sich auch zur Untermalung der Industrieszenen von Fritz Langs Stummfilm „Metropolis“ eignen würde. Bemerkenswert, wie es Thomas Doss gelingt, die Komplexität von Arbeitsabläufen in den Luftschiffhallen in einer jagenden Rhythmik zu transportieren und damit akustisch durchsichtig zu bleiben; man fühlt sich hier an Henryk Mikolaj Górecki erinnert. Zugleich malt er die Gesamtheit der Arbeitsleistungen des gewaltigen Vorhabens als gespenstisch torkelnden Tanz, ähnlich wie Schostakowitsch den prächtigen, fast außer Kontrolle geratenden Walzer seiner Jazz-Suite. Gespenstisch auf andere Art intoniert das Stadtorchester die Rückschläge in den Luftschiffflügen: nicht etwa als pathetische Trauermärsche zu Ehren eines zerschellten Phönix, sondern in unwirklichen Klangfarben an der Grenze zur Stille, in denen die Zeppelin-Vision bis auf den Grund eines Meeres des Selbstzweifels herabsinkt. Entsprechend „nautisch“ sind die Klangfarben. Der dritte Satz, „Der Wal am Himmel“, ist so anmutig, verklärt und wunderschön, dass die Zartheit dieser Musik gerade in der ersten Hälfte wie die Vertonung einer Liebesgeschichte klingt. Freilich schließlich wird auch die Pracht des Luftschiffs am Himmel ausgemalt, aber diese majestätische Breitenwirkung ist frei von deutschnationalen Größengefühlen, die mit dem Zeppelin, je länger je stärker, ja ebenfalls verbunden waren. Die Zeppelin-Sinfonie lässt sich hier nicht fangen in möglichen Missverständnissen, die ihr etwa vorwerfen könnten, die falschen Werte zu propagieren. Stattdessen malt sie im 4. Satz die Schrecklichkeit des Luftkriegs über London aus, in dem die Zeppeline zum Einsatz kamen. Wie ein lastender Alpdruck kommenden Unheils schwebt der eben noch so licht inszenierte Zeppelin über der Metropole, und dann fallen die Bomben, indem das Orchester zu einem entfesselten Blitz wird, der an viele Stellen zugleich einschlägt. Militärisch blitzblankes Draufgängertum spiegelt sich hier ebenso wie schließlich die choralartige Klage über das im Krieg zerstörte Europa – und geschickt gelingt es Thomas Doss zuletzt, diese würdevolle Klage in den prächtigen Wiederaufstieg der Luftschiff-Idee durch den Zeppelin NT zu überführen. Am Ende stehen verdiente Ovationen und Bravo-Rufe, die dem Stadtorchester und dem Komponisten gleichermaßen gelten. David Gilsons treffendes Schlusswort: „Wenn jetzt noch jemand den Zeppelinmarsch hören möchte, werde ich böse.“ Weitere Artikel zu: |











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