Friedrichshafen Blicke in Abgründe einer geschundenen Seele

Im Friedrichshafener Graf-Zeppelin-Haus hat es eine gelungene Konzert-Lesung über das Beziehungsgeflecht des einstigen Komponisten Frédéric Chopin und der sozialkritischen Autorin George Sand gegeben.

Es ist eine weltberühmte Liebesgeschichte zwischen zwei außergewöhnlichen Menschen: ein begnadeter Musiker und eine gesellschaftskritische und polarisierende Schriftstellerin. Die Geschichte spielt lange Jahre in Paris, einen „Winter auf Mallorca“ – und am Mittwochabend im Häfler Graf-Zeppelin-Haus. Eine stimmungsvolle Konzert-Lesung voller Poesie. Mehr noch. Die Protagonisten auf der Bühne scheinen in ihren Rollen aufzugehen. Sprecherin Stefania Adomeit wird zu George Sand und Pianist Vladimir Mogilevsky wird zu Frédéric Chopin.

Winter 1838/1839. Warum weg von der feinen Pariser Gesellschaft? Warum auf eine touristisch nicht erschlossene spanische Insel? Warum Mallorca? Man verspricht sich günstiges Klima – für den rheumakranken Sohn George Sands und für ihren schwindsüchtigen Liebhaber. Das ist hinlänglich bekannt. Aber jetzt gehe es um die ganze „Wahrheit“, wie Stefania Adomeit erklärt. Eine Wahrheit, die nicht aus der Reisebeschreibung von George Sand entnommen ist, sondern erst 15 Jahre nach der Rückkehr aus Mallorca und fünf Jahre nach dem Tod Chopins an die Öffentlichkeit gerät.

Der dramaturgische Spielball wird hin- und hergeworfen. Die Symbiose aus gesprochenen Wort und den vertonten Geniestreichen eines Mannes, „der sein Leiden tapfer ertrug, aber seiner Phantasie nie Herr wurde“, gelingt. Vladimir Mogilevsky spielt – emotional und mit ganz eigenem Charme, mit unglaublichen Läufen und immer wieder überraschenden Tempi-Wechseln –, und lässt damit die Abgründe der geschundenen Seele Chopins greifbar werden. Natürlich geht es um die in der Melancholie der wenig einladenden Kartause in Valldemossa entstandenen Préludes op. 28, allen voran die berühmte „Regentropfenprélude“. Sind es die Regentropfen, die aufs Dach des Klostergebäudes prasseln oder vereinen sich darin die Tränen, die der Einsamkeit, dem Trübsinn und dem blanken Entsetzen entspringen? Hat man die Militärpolonaise in A-Dur jemals mit solcher Leidenschaft und innerer Beteiligung spielen sehen? Ist es möglich, der feinen Lyrik des Nocturne in f-moll nicht zu verfallen? Auch allen anderen Stücken, wie etwa der Romanze des Klavierkonzerts in e-moll vermag der russische Pianist seinen individuellen Stempel aufzudrücken.

Es ist nicht zuletzt das audiovisuelle Gesamtpaket, das überzeugt. Die in einen überdimensionalen Rahmen pro jizierten Bilder von Personen, Orten und Landschaften werden sparsam und mit Bedacht eingestreut. Sie vertiefen die Atmosphäre, ohne abzulenken. Sie zeigen eine damals fremde Welt und immer wieder einen in sich verlorenen Mann, dem sein Klavier alles und doch nicht genug ist.

Von Anfang an wird das Publikum mitgenommen in die dichte Handlung, in die ausweglose Gefühlslage einer Beziehung zweier Menschen, für die es letztlich kein Happy-End geben kann. Nicht auf Mallorca und auch nicht danach. Die Stimme von Stefania Adomeit wird lauter und intensiver. Ihr Vortrag wird zur puren Liebeserklärung, der man sich als Zuhörer nicht entziehen kann, nicht entziehen will. Und dennoch: „Die Monate waren eine Qual für ihn und eine Marter für mich“, hört man die Sprecherin später sagen. Der Abschied von Mallorca ist von Freude und Schmerz geprägt. „Der Mensch ist geschaffen, unter seinesgleichen zu leben. Einsamkeit ist nicht die Lösung.“ Eine Erkenntnis, die man gerne mit nach Hause nimmt. Nicht, ohne sich drei Zugaben zu erklatschen… Ein wunderbar inspirierender, musikalisch-literarischer Abend.

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