Mein


Eine Tochter hat ihrem Vater das Leben gerettet. Sie hat Maßnahmen zur Wiederbelebung ergriffen, bis der Notarzt eintraf. Dieser Fall spielte am 9. November, teilt der DRK-Kreisverband Bodenseekreis mit. Die Familie, die in der Nähe Friedrichshafens wohnt, wolle durch ihren Fall darauf aufmerksam machen, wie wichtig Kenntnisse in lebensrettenden Sofortmaßnahmen sind.

Der DRK-Kreisverband Bodenseekreis berichtet zum Fall: Der 10. November 2009 ist für das Ehepaar S. ein ganz normaler Dienstag. Die beiden Senioren werkeln in ihrem Haus, das in einem Dorf in der Nähe von Friedrichshafen steht, und im Garten. Als das Telefon klingelt, nimmt Frau S. ab; es ist ihre Tochter, die in der Nachbarschaft lebt. Herr S. geht in den Garten, um dort noch etwas zu erledigen. Als Frau S. das Telefonat beendet und in den Hof kommt, sieht sie ihren Mann. Der 71-Jährige liegt bewusstlos auf dem Boden. „Er hatte eine Wunde am Kopf und seine Brille war ganz verschoben“, erinnert sie sich.

Es ist 14.51 Uhr, als ihr Notruf bei der Rettungsleitstelle eingeht. Gleich anschließend ruft Frau S. ihre Tochter an. Die packt ihren Sohn ins Auto und fährt zu den Eltern. Dort greift die Tochter beherzt ein: Sie beginnt mit Wiederbelebungsmaßnahmen, kurz unterstützt von einem Nachbarn. Wie die Herzdruckmassage ausgeführt wird, hatte sie zufällig am Vorabend in einer Fernsehsendung gesehen. Um 15.02 Uhr trifft der Rettungsdienst ein. Der Markdorfer Notarzt Dr. Josef Schraff und die Besatzung des Rettungswagens der DRK-Rettungswache Markdorf machen mit der Wiederbelebung weiter. Nach wenigen Minuten und nach dem Einsatz eines Defibrillators, der Elektroschocks abgibt, setzt der Kreislauf von Herrn S. wieder ein, sein Puls ist wieder tastbar.

Zehn Wochen später, nach dreiwöchigem Aufenthalt im Klinikum Friedrichshafen und fünf Wochen in einer Reha-Klinik, sitzt Familie S. wieder vereint am Tisch. „Überall bin ich als „medizinisches Wunder“ angesehen worden“, erzählt Herr S.. Der vitale Mann, der zwischenzeitlich seinen 72. Geburtstag feierte, hat den Notfall ohne nennenswerte Folgen überstanden. „Ich werde halt relativ schnell müde“, erzählt er. Doch die Familie weiß, dass Herr S. auch tot oder ein schwerer Pflegefall sein könnte. Dr. Josef Schraff sagt: „Nur weil die Tochter so beherzt und konsequent geholfen hat, gibt es diesen positiven Ausgang.“

In Deutschland sterben pro Jahr etwa 120.000 Menschen am plötzlichen Herztod. Nur wenn sie möglichst umgehend wiederbelebt werden, haben sie eine Chance zu überleben. Dr. Josef Schraff weiß aus Erfahrung, dass im Ernstfall Menschen sich oft scheuen, mit der Wiederbelebung zu beginnen, sondern lieber auf den Rettungsdienst warten. Da sei die Furcht, etwas falsch zu machen. „Das einzige, was man falsch machen kann, ist nichts zu tun“, widerspricht der Notfallmediziner. Denn bis professionelle Hilfe eintrifft, verstreicht lebenswichtige Zeit. „In der Regel brauchen Notarzt und Rettungsdienst mindestens sechs bis acht Minuten zum Einsatzort, in ländlichen Regionen auch deutlich länger“, sagt Schraff. So viel Zeit habe das menschliche Gehirn nicht: Schon nach drei bis vier Minuten Sauerstoffmangel komme es zu schweren Hirnschädigungen.

Diese Spätfolgen sind Herrn S. erspart geblieben. Seine Tochter hatte am Vorabend des Notfalls mit ihrem Sohn die Fernsehsendung „Galileo“ gesehen, in der es unter anderem um die Wiederbelebung ging. „Da wurde auch eine Grafik gezeigt, wo der richtige Druckpunkt am Oberkörper ist“, erzählt sie. An das Bild erinnerte sie sich, als sie über ihrem bewusstlosen Vater kniete. Und sie kannte aus der TV-Sendung den empfohlenen Rhythmus zur Wiederbelebung: 30 Mal schnell drücken, zwei Mal beatmen. „Ich habe schon mit Schmackes gedrückt“, erinnert sie sich. Dr. Schraff sagt: „Es ist wichtig, konsequent und auch kräftig zu drücken. Das Schlimmste, was hätte passieren können, wären ein paar gebrochene Rippen gewesen. Aber die verheilen wieder.“ Und er erklärt: „Ersthelfer sind vom Gesetz her verpflichtet, Hilfe zu leisten, werden juristisch aber nicht belangt, wenn etwas schief läuft.“

Wie wichtig es ist, für den Notfall gewappnet zu sein, betont auch Dr. Bernhard Maier, Sprecher der Leitenden Notärzte im Bodenseekreis und Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft südwestdeutscher Notärzte. „Eine Studie in Berlin hat gezeigt, dass Notfälle, in denen ein Mensch wiederbelebt werden muss, am häufigsten im häuslichen Umfeld auftreten, meist bei älteren Menschen.“ Laut Studie sei ein Angehöriger in 70 Prozent der Notfälle primär allein mit dem Opfer. Dr. Maier rät gerade älteren Menschen, für den Notfall vorzusorgen. Die Notruf-Nummer 112 sollte im Telefon gespeichert sein, denn als erstes muss der Rettungsdienst verständig werden. Und man sollte vorab klären: Wer könnte unmittelbar zu Stelle sein, um das Opfer wiederzubeleben, bis der Notarzt eingetroffen ist? Das kann ein Nachbar sein, der tagsüber zu Hause ist. „Und jeder muss sich theoretisch klar machen, wie Wiederbelebung funktioniert.“ Die nötigen Griffe lerne man in den entsprechenden Kursen der Hilfsorganisationen wie dem DRK.

Dass die berufstätige Tochter von Herrn S. an jenem Nachmittag zu Hause war und durch die Fernsehsendung gleich wusste, wie sie ihrem Vater helfen kann, sieht die Familie als glückliche Fügung. „Ich hatte ja auch nur den Erste-Hilfe-Kurs für den Führerschein gemacht“, sagt die Tochter – und dieser Kurs lag Jahre zurück. „Eigentlich sollte es Pflicht sein, dass man die Kurse regelmäßig wiederholt“, ist sich die Familie einig. Die Zeit sei gut investiert. „Sonst würde ich jetzt hier nicht mehr sitzen“, meint Herr S. „Drum genieß’ es jetzt“, antwortet seine Tochter.

zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Schreiben Sie Ihre Meinung
Überschrift
Text


noch 1000 Zeichen


Informiert bleiben:
Bei jedem neuen Kommentar in dieser Diskussion erhalten Sie automatisch eine Benachrichtigung
Unsere Community-Regeln