Friedrichshafen Basteln ist aller Visionen Anfang
Marionettenbühne der Verwandlung: Attila Csörgös Kunst spielt mit „Buckys“ Formbaukasten. Bild: Ruppert
Egal, an welcher Stelle man das Lebensbuch von Richard Buckminster Fuller aufschlägt, überall stößt man auf Überraschendes. Eine solche Stelle tat auch Frank-Thorsten Moll auf, bei der Eröffnung der Ausstellung „Wir sind alle Astronauten“ im Zeppelin-Museum: Der visionäre „Wissenschaftskünstler“, auf dessen Ideen im Zeppelin-Museum die Künstler unserer Gegenwart reagieren, war ein rastloser Vortragsreisender. 200 Vorträge hielt er pro Jahr, keiner kürzer als drei Stunden, und dies die letzten 20 Jahre seines Lebens. Buckminster Fuller verbreitete seine Ideen vor Philosophen und Technikern genauso wie vor Hippie-Kommunen. Bei einer solchen Gelegenheit, als „Bucky“ 1968 auf den Hügeln von San Francisco den Blumenkindern „predigte“, waren auch die Beatles zugegen – und widmeten ihm im Anschluss den Song „Fool on the hill“, erklärt Moll seinen verblüfften Zuhörern.
Buckminster Fuller, einer der ersten Denker, der die Welt als System betrachtete, der nach Lösungsansätzen für globale Probleme suchte – ein „fool“, ein Narr? „Bucky“ dürfte sich über den Beatles-Song gefreut haben, wenn man den Begriff des Narren so begreift wie Frank-Thorsten Moll: Der Narr als Grenzen sprengender Quer- und Extremdenker, der im Bereich des nie zu Realisierenden Utopien entwickelt, die Heerscharen von Designern, Philosophen und Künstlern beeinflussen – bis heute, wie die Ausstellung zeigt.
Moll gab ein Beispiel für Buckminster Fullers Denkpraxis: Schon 1927 stellte er sich die Frage, wie es gelingen könnte, ein zehnstöckiges Haus in extrem leichter Bauweise von New York an den Nordpol zu transportieren – und brachte die Luftschiffe des Grafen Zeppelin ins Spiel. Abgesehen davon, dass es absolut sinnlos gewesen wäre, „Buckys“ schlecht isolierte Metallhäuser in der Arktis einschweben zu lassen – es hätte schon Herausforderung genug bedeutet, sie von New York nach Chicago zu bringen. „Aber das war ihm wohl nicht extrem genug“, sagte Moll.
Nicht extrem genug vielleicht, weil die Begrenzung auf das unmittelbar Machbare ja doch nur die Kühnheit des denkerischen Wurfs begrenzt – eine Kühnheit, die die Künstler der Ausstellung teils mit Ironie quittieren, die sie aber auch weiterdenken und auf unsere Gegenwart beziehen. Das globale Bewusstsein, bei dem Buckminster Fullers Entwürfe seinen Ausgang hatten, kann schließlich erst heute als geistiges Gemeingut gelten.
Fast alles von Buckminster Fullers Ideen, abgesehen von seinen Kuppelbauten, sind Entwürfe, Modelle oder Prototypen geblieben. Dieser Umstand lenkt die Aufmerksamkeit auf den Alltag eines Visionärs: Er ist von Bastelei geprägt; Bastelei, die den Glanz der Vision dann doch aufs Machbare herunterbricht. Dieser Ebene mangelt es an Glanz, aber sie hat Charme.
Unter den 19 internationalen Künstlern, die die Ausstellung zusammenführt, hat der Ungar Attila Csörgö diesen Charme der Formen-Bastelei Buckminster Fullers ganz besonders zauberhaft eingefangen: In einer Art Marionettenbühne aus Latten werden kleine Stäbchen durch ein Gewirr von Schnüren zu immer neuen geometrischen Formen kombiniert – an Fäden bewegt durch zahlreiche Spulen, Räder und Hebel. Diesem spielerischen Umgang mit „Buckys“ Formbaukasten haftet die Magie der Verwandlung an: Ihre Mechanismen sind offengelegt, und doch versteht man sie nicht. Eine Poesie am Randbereich von Kunst und Technik, Mathematik und Design, die jeden Besucher bei seinem Interesse abholt – und hoffentlich auch viele Schulklassen, für die sich hier eine Wunderkammer auftut, in der man, nach Narren-Vorbild, ins freie Phantasieren geraten kann.
