Friedrichshafen Archäologie im Bergwerk der Träume

Felicia Glidden zeigt in ihrer Ausstellung Kunst aus der Nachtseite des Gehirns

Ein Metallsplitter ist inmitten all der anderen Arbeiten an der vollen Wand fixiert. Wirklich ein Splitter? Dazu sind seine Kanten zu rund. Und doch ist es ein Überbleibsel – eines aus einem anderen Bewusstseinszustand. Denn dieses Ding ist aus den Träumen von Felicia Glidden in unsere Wirklichkeit hineingeschmolzen.

Mit Träumen beschäftigt sich die aus Minneapolis (Minnesota) stammende Künstlerin seit langen Jahren. Schon in der Schulzeit schrieb sie ihre Träume auf – und mit diesem Splitter, der nur stellvertretend für viele weitere Objekt steht, die ihr im Traum erschienen, hebt sie sie aus der Ebene der flüchtigen inneren Bilder hinüber ins Reale und Bleibende.

Seit Januar 2013 lebt die Künstlerin in Friedrichshafen und eröffnete hier im vergangenen Sommer mit ihrem Mann Alain Wozniak den „ProjekTraum“. Den Auftakt darin machte 2015 eine Ausstellung mit Malerei ihres Landsmanns Jim Denomie. Nun folgen Felicia Gliddens eigene Arbeiten.

Felicia Glidden will mit ihrer Archäologie der Träume keinen Gartenzaun um ihre privaten Trauminhalte ziehen. Eher betreibt sie eine Art Phänomenologie, die auch anderen zugänglich ist und zu der sie ihr eigenes „Bewusstseinsmaterial“ als Basis heranzieht. Einen „Traumstoff“, der entweder klar ist oder amorph wie der besagte Metallsplitter, von dem man rätseln kann, zu welchem Traumgebäude er einmal gehört haben mag.

Aber was kann die Erinnerung, dieser Förderkorb im Bergwerk der Träume, überhaupt ans Licht bringen? Mit der Erinnerung ist es wie mit einem starren Lichtstrahl: Was er erhellt, ist nur Ausschnitt eines Ganzen, das im Dunkeln bleibt. Was dieses Ganze verbirgt und welche Dimensionen es hat, bleibt unbekannt. Eine Tintenzeichnung von Felicia Glidden bildet eine Metapher auf diesen Sachverhalt: Auf eine Buchseite hat sie ein wolkenartiges Gebilde gezeichnet. Nur in einem kleinen Teil davon sind einige Worte lesbar – gerade so viel um zu bemerken, dass es sich um ein Gedicht handelt – der weitaus größte Teil des Textes aber verschwindet hinter schwarzen Schraffuren.

Das Sichtbare und das Verdeckte, das klar Umrissene und das Unscharfe beschäftigen Felicia Glidden. So ist es auch in einer Serie überarbeiteter Fotografien, die die Jungfrau Maria zeigen: Mit Sand und anderen Schmirgelmaterialien hat die Künstlerin die Farbfotos malträtiert, hat die Klarheit der Motive ausradiert und schließlich das Fotopapier mit Farbe und Wachs überzogen. Die Ergebnisse wirken gerade wegen ihrer Unschärfe und der fehlenden Details wie himmlische Visionen. „Man erkennt Maria nicht genau, aber man weiß, dass sie es ist“, sagt Felicia Glidden und formuliert so, was nicht nur religiöse Erscheinungen ausmacht, sondern oft auch die Erinnerung an Träume: Selbst wenn vom Traum nur einzelne verschwommene Bilder bleiben, kann er das Wachbewusstsein prägen – mit dem Eindruck eines starken Bedeutungsgehalts oder Emotionen, deren Anlass nicht mehr klar zu rekonstruieren sind.

Felicia Glidden greift nicht ins Reich der Träume um naiv hervorzuzeigen, was sie Wundersames darin gefunden hat. Ihr Ansatz gleicht eher einer Wissenschaftlerin, die auch ihre eigenen Methoden, mit denen sie Trauminhalte nach außen trägt, einer Untersuchung unterzieht. Träume müssen übersetzt werden, sonst bleibt der Träumer mit ihnen allein. Träume können in Geschriebenes und Gesprochenes, in fixierte oder bewegte Bilder übertragen werden. Mit jeder Übertragung werden sie dabei Umwandlungen unterzogen, für die es zwei Ursachen gibt: der zwischengeschaltete ordnende Verstand und die Eigengesetze des jeweiligen Mediums.

Beides zeigt sich in der Ausstellung etwa bei der Übersetzung eines Traums ins Schriftliche, in der Textprojektion „First line of every dream I have written“. Felicia Glidden hat sie aus ihren Traumtagebüchern zusammengestellt. Es ist keine komplette Traumerzählung, sondern, wie der Titel sagt, von jedem notierten Traum der jeweils erste Satz. Daraus ergibt sich in der Abfolge eine Textcollage – vor allem aber der Einblick in die Logik des Schreibens. Oft wird im ersten Satz der Ort der Handlung des Traums skizziert, die auftretenden Personen und bereits Grundzüge des Inhalts. Im Schreiben wird gewichtet und zusammengefasst. Das Wesentliche eines Traums kristallisiert sich heraus, und so ist schon der erste Satz eine interpretierende Rekonstruktion.

Nur wenn man sich über diese Mechanismen der Traumaufzeichnung im Klaren, kann man auch nach alternativen Wegen suchen: So hat sich die Künstlerin etwa von hinten nach vorn bewegt – hat eine Aufzeichnung nicht mit dem stärksten oder dem ersten Eindruck eines Traums begonnen, sondern mit dem letzten, an den sie sich erinnern konnte.

In Felicia Gliddens Videos schließlich fließen die verschiedensten Übersetzungsmethoden des Traums zusammen und schaffen so ein Gesamtkunstwerk aus gesprochenem Text, Musik, von mit dem Traumgeschehen in Verbindung stehenden filmischen Bildern, sowie Natur- und Nebengeräuschen. Kombiniert wird dies mit teils aufwändigen Rauminstallationen. Das Ergebnis ist keine Nachbildung des Traums, aber eine dem Traum analoge Sphäre, wie im Video „Between Two Rivers III“ – der Aufzeichnung einer multimedialen Installation. Hier begleiten, kommentieren und widersprechen die eingesetzten Medien einander. Es entsteht ein offener Anknüpfungsraum für Assoziationen, der auch durch die Architektur selbst permanent aufgebrochen wird: In eineinhalbjähriger Arbeit hat Felicia Glidden eine Wand für Filmprojektionen geschaffen. Sie besteht aus hunderten von Kuben. Jeder ist aus einem Metallgerüst gefertigt, das mit geschöpftem Papier überzogen wurde. Diese Kuben stehen nun in den verschiedensten Winkeln auf – und nebeneinander, manche von ihnen sind offen. Diese Wand wirkt wie ein Wellenbrecher für den darauf projizierten Film, der Wasseroberflächen zeigt, denn am Wasser spielt das Traumgeschehen, welches eine Stimme schildert. So wird das Video „Between Two Rivers II“ zum Mosaik. Traumartig wirkt es deshalb, weil es die eindeutige Sinnspur verweigert.

Felicia Glidden betreibt eine künstlerische Forschungsarbeit, aber es geht darin nicht um Traumdeutung, die dem Halbbewussten ja gerade ihr Wesen raubt. In Felicia Gliddens Kunst behalten die fassbar gemachten Elemente des Traums ihre Aura – die Schemen einer unmessbaren Dunkelzone, mit der sie verbunden sind.

Die Ausstellung ist bis einschließlich Sonntag, 13. März, täglich von 14 bis 18 Uhr im „ProjekTraum“ in der Dornierstraße 4 (Erdgeschoss, rechts der Apotheke) in Friedrichshafen zu sehen. Danach kann die Ausstellung noch bis 3. April nach Terminabsprache besucht werden (Telefon 01 76/23 53 43 23, E-Mail: projektraum@protonmail.com). Die Künstlerin im Internet: feliciaglidden.com.

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