Älterer Mann vor dem kleinen Zelt: „Nee, das ist nix für mich, hab' sowieso schon einen Hörschaden.“ Junge Frau: „Aber das ist nur ein Mann, der trommelt! Das ist ganz schön, gar nicht laut!“ – Andere Stimmen: „Lasst uns schnell rein, ist nicht mehr viel Platz!“ Tatsächlich, es war schon so gut wie voll. Noch vor 22 Uhr mussten etliche Besucher fortgeschickt werden. Wer hätte das gedacht? Nur ein Trommler, mitten in der Nacht. „Boah, der beste Act vom ganzen Kulturufer!“ So sahen das ganz viele Leute, vom Teenie bis zu Grauköpfen und besonders viele von der Fraktion „Malen-in-der-Toskana“ oder „Trommeln-auf-Ibiza“.
Mohammed Reza Mortazawi erschien, ganz in Weiß, sprach kein einziges Wort und verließ die Bühne erst nach dem letzten Trommelschlag und frenetischem Beifall. Seine Sprache ist das Trommeln, so kommuniziert er. Jahrhunderte der Tradition kann der Iraner nicht verleugnen, doch er hat längst ihre Grenzen überschritten und macht seine ganz eigene Musik.
Sehr geschickt hat er sich, beziehungsweise die Komplexität seines Trommelns, eingeführt. In Notendenken formuliert: Die Partitur wurde kontinuierlich erweitert bis hin zu unglaublicher Vielstimmigkeit. Auch Mohammed Reza Mortazawi hat nur zehn Finger. Doch was er damit anstellt! In der ersten guten Stunde spielte er die Daf, eine große, flache Rahmentrommel, die Großmutter des hierzulande geläufigen Tamburins, ohne Schellen.
Die Finger der linken Hand blieben am Rand, die der rechten Hand zauberten mit allen erdenklichen Berührungspunkten die unterschiedlichsten Töne, Geräusche, Sounds. Donnernd und beschleunigend mit der Handfläche, wirbelnd mit den Fingerspitzen im Pianissimo, während die linken Finger mit solcher Härte eingesetzt wurden, dass fast metallische Klänge entstanden.
Schon jetzt begab sich ein erstes Grüppchen Frauen in die „Arena“, hielt sich noch scheu am Rand. Mortazawi reagierte sofort, indem er das Tempo zurücknahm. Mehr Mädels gesellten sich dazu und für längere Zeit war ein hopsender Mann der einzige Vertreter seines Geschlechts. Doch mehr Jungs schlichen sich „unauffällig“ dazu.
Mortazawi produziert klatschende Geräusche, endlich schüttelt er die Trommel, ein Rasseln entsteht. Jetzt wird er martialisch, zunehmend lauter – es sind bereits vier Männer auf der Tanzfläche. Der Musiker fordert sie heraus. Rasches Crescendo. Abbruch. Manche Tänzer erschrecken, doch gleich geht es in voller Lautstärke weiter, wird leiser und es tönt wie eine Holzblocktrommel, aber Mortazawi benutzt wirklich nur die Hände. Die zweite Hälfte bestritt er mit der pokalförmigen Tombak: Klopfen, Blubbern, Raspeln, wie akzentuierendes Zungenschnalzen, Klatschen. Ob sie nun anmutig aussahen oder nicht – die Tänzer gerieten in Euphorie; das ist die Hauptsache.
Seit mehr als 20 Jahren bietet das älteste und schönste Zeltfestival in der Bodenseeregion im Friedrichshafener Uferpark ein Kultur- und Aktivprogramm für alle Altersstufen. Tausende Besucher zieht es Jahr um Jahr auf die Kulturmeile, wo Musik, Theater, Kabarett und mehr Programm sind.
Übersicht | Alle Bildergalerien vom Kulturufer | Alle Artikel zum Thema Kulturufer
