FriedrichshafenAlles, was man von Tom Waits wissen muss [0]
Eine Biographie über den Musiker Tom Waits zu schreiben, ist ungefähr so einfach wie in einer uralten Legende nach Tatsachen zu stochern; man stößt nirgendwo auf festen Grund. Tom Waits – in Richard Nixons Heimatstadt Whittier, Kalifornien, geboren, so viel ist sicher – hat seine Biographie noch gründlicher vernebelt als Bob Dylan, und bestimmt hatte er dabei mehr Spaß als der Großmeister des Folk. Eine bezeichnende Anekdote erwähnt der Tom-Waits-Biograph Jay S. Jacobs in seinem Buch „Wild Years: The Music and Myth of Tom Waits“: „In der Pressemappe zu seinem Debütalbum ‚Closing Time' aus dem Jahr 1973 behauptete Waits tatsächlich, er sei in einem Taxi zur Welt gekommen, inklusive Dreitagebart.“ Wer das nicht lustig findet, kann wohl auch mit Waits' Überlieferung seiner eigenen Zeugung wenig anfangen. Ereignet hat sie sich „eines Nachts im April 1949 im Crossroads Motel in La Verne, Kalifornien, zwischen zerbrochenen Four-Roses-Flaschen, glimmenden Lucky Strikes, einem halben Thunfisch-Sandwich und Old Spice.“ Zugegeben, der Humor von Tom Waits ist von der hartgesottenen, verrotteten Sorte, aber er ist auch ziemlich einzigartig. Und dass man ihn nun in deutschen Sätzen wiedergeben kann, ist dem gebürtigen Friedrichshafener Daniel Knapp und seinem Kompagnon Tommi Brem zu verdanken. Die beiden haben sich nämlich die Mühe gemacht, die zitierte Tom Waits-Biographie von Jay S. Jacobs ins Deutsche zu übersetzen. Unter dem Titel „Tom Waits – Musik und Mythos“ kann sie ab sofort bestellt werden. Dass das Projekt zustande kam, ist der Musikversessenheit von Knapp und Brem zu verdanken, die zusammen die Produktionsfirma Stagecraft Entertainment betreiben. Sie haben schon zahlreiche Projekte auf den Weg gebracht, allen voran die Welturaufführung von Frank Zappas Musical „Thing-Fish“. Zappa hat sein Musical zwar auf Tonträger veröffentlicht, es aber nie auf die Bühne gebracht. Dies haben erst Knapp und Brem geschafft, und das mit dem Segen von Zappas Witwe. Die Uraufführung 2003 in London war ein gewaltiger Erfolg. Was Zappa mit Tom Waits verbindet, ist das Untergrund-Image. Egal, wer von beiden in den 70er Jahren nun auf Konzerttournee durch die Lande fuhr, Eltern holten vorsichtshalber ihre Kinder von der Straße. Heute ist Tom Waits noch immer das, was er bereits damals gewesen ist: Ein Unikum der amerikanischen Musik. Jahrelang adaptierte er die bei ihm stets abgerissen wirkende Coolness der Beat Generation, um dann aber in den früher 80ern eine Kehrtwende hinzulegen. Plötzlich klang seine bislang angejazzte Musik wie ein Klavier, das im fünften Stock eines Obdachlosenasyls aus dem Fenster fällt und aufs Pflaster knallt, und seine Stimme glich eher dem Fauchen eines rheumatischen Alligators in der Kanalisation als einem menschlichen Wesen. Jahrmarktmusik verschmolz nun mit der Dreigroschenoper, und die Fäden dieses skurril scheppernden Alptraums zog Tom Waits, ein dämonischer Clochard, der einem Fellini-Film entstiegen sein könnte, zumal die Frisur auf seinem Schädel einer aufgeplatzten Matratze glich, aus der Rosshaar quillt. Seine Skurrilität hat Waits immer noch steigern können: Das Album „Mule Variations“ von 1999 etwa nahm er inmitten eines Hühnerstalls auf, und schon in den 80ern machte er seine Musik buchstäblich mit Gerümpel – knarrendem Allerlei, das außer ihm allenfalls John Cage als Instrument bezeichnen würde. Klar, dass ein solcher Künstler eine ganze Menge Stoff zum Schreiben hergibt. „Wir haben dieses Projekt in Angriff genommen, weil wir der Überzeugung sind: Dies ist die beste verfügbare Tom Waits-Biographie“, erklären Knapp und Brem. Weil Daniel Knapp im Hauptberuf allerdings Produktionsleiter für den Bereich Opern bei den Bregenzer Festspielen ist und Tommi Brem als Konzeptionsleiter einer Marketingfirma in Stuttgart arbeitet, musste die Übersetzung in der raren Freizeit stattfinden: „Auf Pendelfahrten im Zug entstand die Rohübersetzung. Tagsüber wurde Geld verdient, unterwegs, an langen Abenden und in schlaflosen Nächten die Kapitel immer wieder überarbeitet. Der Trost: Genug Zeit, Tom Waits zu hören!“ Den Leseproben nach zu urteilen, lohnt der Griff in den Geldbeutel: Der Übersetzung fallen selbst die Doppeldeutigkeiten der vielen Wortspiele nicht zum Opfer, ohne die man an Tom Waits' Sprüchen und Texten nur halb so viel Spaß hätte. Harald Ruppert
Übersetzer Daniel Knapp
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