In 18 Tagen auf Schusters Rappen 600 Kilometer bergauf und bergab, über Gletscher und abgründige Alpen-Klettersteige, bei Hitze und bei Regen und 17 Kilo Gepäck auf dem Buckel. Das hat mit dem in einem alten Volkslied beschriebenen „Wandern ist des Müllers Lust“ nur insofern noch etwas zu tun, als der, der den Gewaltmarsch von Frickingen nach Venedig zu seinem Urlaubsvergnügen gemacht hat, Müller heißt. Martin Müller, 21 Jahre, Maschinenbaustudent.
„Nein, mit beschaulichem Dahinwandern hat das nichts tun, ich bin da schon ziemlich am Limit gegangen“, gibt der unternehmungslustige junge Mann zu. Aber die Strapazen der 17 Wandertage – einen Tag hat er sich eine Pause gegönnt – sieht man Martin Müller nicht an. Er ist schließlich durchtrainiert, steht locker auch Halbmarathons durch. Und dennoch, die 10 000 Höhenmeter in häufig alpinem Gelände gingen auch ihm in die Knochen. Aber Spaß hat es ihm trotzdem gemacht, und er würde jederzeit wieder so etwas unternehmen.
Ursprünglich stand gar kein solcher Fußmarsch auf seinem Urlaubsplan. „Ich wollte mit meinem Freund Mario Regenscheit eine Europa-Tour mit dem Zug machen“, erzählt Müller. Doch die beiden stellten fest, dass die Ticket-Preise für Studentengeldbeutel recht happig sind. Deshalb beschlossen sie, zu Fuß etwas zu unternehmen. „Dann sparen wir uns die Reisekosten“, haben die beiden Freunde gerechnet. Von der Haustür zum Meer – das war ihr Ziel. Dumm, dass sich Mario Regenscheit am Tag vor dem Aufbruch einen Zeh verletzte. Die ersten zwei Tage bis Lindau ging er noch mit. Weiter schaffte er es einfach nicht. Und so zog Martin Müller dann mit dem Zwei-Mann-Zelt, Schlafsack und anderen Habseligkeiten auf dem Rücken alleine weiter.
Quer durch den Bregenzer Wald, über den Arlberg – im Tagesdurchschnitt 35 Kilometer. Durch beschauliche Dörfer, aber auch durch menschenleere Alpenregionen. Zehn Stunden am Tag, kaum Pausen. „Da war ich abends ziemlich fertig“, gesteht der Wandergeselle. Sein Nachtlager, sprich Zelt, hat er meist auf Bauernhöfen aufgeschlagen. Abgewiesen worden ist er nirgends. „An den meisten Tagen bin ich auch noch zum Abendessen in den Familien eingeladen worden und mitunter sogar noch zum Frühstück“, ist Martin Müller von der Gastfreundschaft, die er bei den Österreichern und den Italienern gleichermaßen erfahren hat, beeindruckt. Manchmal bekam er von der Herbergsfamilie sogar noch Marschproviant für den nächsten Tag in den Rucksack gesteckt.
Nach 18 Tagen war Martin Müllers Studentenreisekasse um nicht einmal 200 Euro leichter. Für unterwegs gab er mal ein bisschen Kleingeld für Verpflegung mit Wandererklassikern wie Landjäger oder Kaminwurzen aus, seinen Durst stillte er an Brunnen, klaren Alpenbächen oder fragte einmal, wenn jemand in einem Dorf gerade im Garten arbeitete, ob er seine Wasserflasche auffüllen könnte. Die von zu Hause gewöhnte Dusche ersetzte meist ein Sprung in einen Bach oder einen eiskalten Gebirgssee. „Da kann man abends gut einschlafen und morgens ist man taufrisch“, sagt Martin Müller und hat das natürliche Bad schätzen gelernt, ebenso wie die nahezu von Menschen unberührten Naturlandschaften, die er durchwandert hat. „Ich habe vielleicht nicht den einfachsten Weg über die Alpen nach Venedig gewählt, aber einen der schönsten“, belegt er mit seinen zahlreichen Fotos.
Zuhause bangte indessen Mutter Helga Müller 18 Tage lang um ihren abenteuerlustigen Sohn. „Ja, ich bin mitunter auch ein bisschen Risiko gegangen“, erzählt Martin von einer tiefen Schlucht, die er durchquerte, von einem Gletscher, der ihn zum Überqueren reizte und von einem Autotunnel, das er einmal als Abkürzung für eine beschwerliche Bergüberquerung wählte. Nicht in Frage kamen für Martin Müller indessen Mitfahrangebote von Autofahrern. „Ich wollte jeden Meter von meiner Haustür bis nach Venedig zu Fuß machen. Wenn schon, denn schon.“
Zurück nach Hause ging's bequemer – im Auto. In Venedig, auf dem Markusplatz, überraschten ihn nämlich seine Eltern. Mit ihnen hatte er per Handy ständigen Kontakt. „Ich musste mich bei meiner Mutter täglich mit einer SMS melden, und wenn das mal wegen fehlender Vernetzung nicht möglich war, dann hatte ich gleich ein halbes Dutzend Anrufe aus Frickingen auf meiner Mailbox“, erzählt Martin Müller, der jetzt wieder in Mutterns geordneter Obhut ist. Wer weiß, wie lange. Martin Müller hat nicht erst in diesem Jahr die Unternehmungslust gepackt. Im vergangenen Jahr schlug er sich bereits vier Monate lang mit wenig Geld durch Kanada, als er nach Abitur und Wehrdienst ein halbes Jahr Zeit bis zum Beginn des Studiums hatte.
