Eriskirch Gefräßiger Asylant im Gartenteich
Sie ist 30 Zentimeter lang, hat lange Krallen und seit sie im Gartenteich der Familie Cuko ein neues Zuhause gefunden hat, nimmt die Zahl der Goldfische beständig ab. Bild: Cuko
Sohnemann ist gelegentlich zu Scherzen aufgelegt. „Mama, in unserem Gartenteich ist eine Schildkröte“, erzählte er und Mama grinste. Doch das war kein Scherz! Gut 30 Zentimeter lang ist „Schild-Werner“, wie der Zwölfjährige ihn (oder sie?) schon getauft hatte. Das Tier hat riesige Krallen, an den Vorderpfoten Schwimmhäute dazwischen und seitlich am Kopf einen roten und einige gelbe Streifen. Nun: Goldfische, eine tiefschwarze Ringelnatter, blaue Libellen und grüne Frösche tummeln sich gern in unserem Teich. Bloß woher kommt plötzlich diese amerikanische Rotwangenschildkröte, als die sie sich nach der Google-Recherche geoutet hatte?
Ausgebüxt? Wohl eher nicht, denn „Schild-Werner“ ist eine Wasserschildkröte, die sich viel lieber schwimmend denn laufend fortbewegt. An Land ist sie eher behäbig, stellte Nachbar Ronny fest, der den Mut hatte, das Tierchen kurzerhand aus dem Wasser zu heben, um sich den Asylanten in unserem Gartenteich näher anzuschauen. Hätte ja auch eine gemeine Schnappschildkröte sein können … Mit Menschen hat sie es offensichtlich nicht so gern, denn erst kroch sie in ihren Panzer und dann in bedächtigen Tapsern zurück ins Wasser. Plumps, weg war sie.
Also hat uns „Schild-Werner“ irgendjemand untergejubelt! Zugegeben, das neue „Heim“ ist ideal: ein ruhiges Gewässer mit weichem, schlammigem Boden, üppiger Vegetation und mehreren Plätzchen zum Sonnenbaden. In unbeobachteten Momenten streckt sie hier tatsächlich ihre Füße aus. Aber was unsere Goldfische vom neuen „Chef“ im Teich halten? Irgendwie werden es immer weniger …
Doch wohin mit der Wasserschildkröte? Das Tierheim nimmt sie nicht, weil sie keine Möglichkeit haben, sie artgerecht unterzubringen – genau wie das Reptilienhaus Unteruhldingen, wie Herr Schöllhammer am Telefon wirklich bedauert. Auch Herr Koch im Veterinäramt des Landratsamtes Bodenseekreis, seines Zeichens ebenso für Artenschutz zuständig, ist schlichtweg überfragt. Eine „offizielle Abgabestelle“ für – wie auch immer – zugelaufene Schildkröten gebe es nicht. Vielleicht mal im Reptilienhaus Scheidegg anfragen?
Das war der Tipp schlechthin! Udo Hagen hat in seiner Anlage zwar auch keinen Platz mehr, aber er weiß zumindest, wer den haben könnte. Er empfiehlt den privaten Schildkröten- und Reptilienzoo in Neu-Ulm. Bloß wie kriege ich das Reptil dahin, geschweige denn aus dem Teich raus? „Schild-Werner“ ist regelmäßig auf Tauchstation und im wuchernden Teichgrün schlichtweg nicht zu sehen – genau wie die hellorangenen Goldfische. Apropos: „Von denen bleibt wahrscheinlich keiner über“, nimmt Udo Hagen in Bezug auf „Schild-Werner“ Essgewohnheiten kein Blatt vor den Mund. Na toll!
Doch wie das mit ungebetenen Gästen manchmal eben so ist: Unser Asylant darf den Sommer über trotzdem erstmal bleiben, hat der Familienrat beschlossen. Obwohl das männliche Familienoberhaupt schon mit der Ringelnatter so seine Akzeptanzprobleme hat.
Überwintern kann die Schildkröte jedenfalls nicht bei uns. Der Teich friert regelmäßig zu, und im Wohnzimmer-Aquarium stände das Tier bestimmt schnell mit allen Barschen auf Kriegsfuß. „Schild-Werner“ wird wohl nach Ulm auswandern müssen…
