Chantal Siggelkow und Marc Schefold sitzen vor den Bildschirmen der Schulcomputer im Unterricht, der 14-Jährige lacht über den Witz eines Mitschülers, neben ihm tippt Chantal eher gelangweilt Suchbegriffe ein. Die beiden haben die Uhr im Blick. Gleich ist die Schule aus, sie freuen sich schon – wie ganz normale Jugendliche eben.
Doch die beiden Schüler und ihre 15 Klassenkameraden der 8. Klasse am Spohn-Gymnasium in Ravensburg sind nicht „ganz normal“. Sie zählen zu einer Minderheit von zwei Prozent der Bevölkerung, die einen Intelligenzquotienten von über 130 haben – sie sind hochbegabt. Chantal und Marc besuchen deshalb den Hochbegabtenzug (HBZ) des Ravensburger Gymnasiums. In der Grundschule flogen den beiden die guten Noten zu. „Ich musste nichts lernen und habe einfach so Einser geschrieben“, erzählt die 13-Jährige gelassen. Der Kontakt zu den Mitschülern sei aber immer unproblematisch gewesen. „Ich hatte ganz normal Freunde“, sagt Chantal und zuckt mit den Schultern, als fände sie diese Feststellung nicht außergewöhnlich. Überflieger ja, Außenseiter, nein. Nach der Grundschule kam das Mädchen in die 5. Klasse am Ravensburger Welfen-Gymnasium, doch auch dort fühlte sie sich unterfordert. Der nächste Schritt war eine Befreiung für die junge Ravensburgerin, er führte sie in den HBZ des Spohn-Gymnasiums: „Das war toll, mir war endlich nicht mehr langweilig und ich hatte wieder Spaß an der Schule.“
Klassenkamerad Marc hat ähnliche Erfahrungen. In der Grundschule war er in allen Bereichen mühelos der Beste. „Außer in Schrift und Gestaltung“, witzelt er. Eine Grundschullehrerin machte seinen Eltern den Vorschlag, Marc auf Hochbegabung testen zu lassen und am HBZ anzumelden.
Heute, in der 8. Klasse, bemerkt Marc, dass ihm trotz seines hohen IQ nicht immer alles zufliegt: „Ich muss schon mehr lernen und hab nicht immer Lust“, gibt der 14-Jährige zu. Besonnen stellt er fest: „Die meisten Noten sind noch im guten Bereich, aber nicht mehr außergewöhnlich.“ Das Prahlen mit seiner Schlauheit kommt für Marc nicht in Frage: „Wenn mich jemand darauf anspricht, erzähle ich, dass ich hochbegabt bin. Aber ich erzähle es nicht von mir aus, das kommt so angeberisch rüber“, findet er.
Dem Klischee, Hochbegabte fühlen sich als etwas Besseres, treten ebenso HBZ-Koordinator Helmut Berninger und der stellvertretende Schulleiter des Spohn-Gymnasiums, Wolfgang Bechler, entgegen. „Es geht darum, der Begabung der Kinder besser gerecht zu werden und ihnen passende Rahmenbedingungen zu stellen, nicht etwa, eine Eliteförderung“, erklärt Berninger.
Doch verstärkt die Separierung der hochbegabten Kinder nicht den sozialen Abstand zu ihren normalbegabten Mitschülern? Das Gegenteil sei der Fall, stellten die beiden Lehrer fest, denn so harmonisch wie für Chantal und Marc läuft es häufig nicht: „Viele Hochbegabte sind an der Grundschule sehr einsam, weil sie merken, dass die Gleichaltrigen ihre Interessen nicht teilen“, sagt Helmut Berninger. „Unter ihresgleichen“ fühlten sich die Hochbegabten aufgehoben, fänden schnell Freunde und lernten dadurch den Umgang mit anderen Kindern. Außerdem haben die HBZ-Schüler und der beiden parallelen Regelklassen zusammen Sportund Religionsunterricht, ab der 8. Klasse kommt das gemeinsame Lernen im Profilfach dazu. Konrektor Bechler betont: „Wir legen Wert darauf, dass die hochbegabten Kinder in der Schulgemeinschaft eingebunden werden.“
Gefordert werden auch die Lehrkräfte: „Ein Lehrer muss akzeptieren können, dass er in den Klassen des HBZ nicht der Schlauste im Raum ist“, weiß Helmut Berninger aus Erfahrung. Schlau sein heiße allerdings nicht, dass Hochbegabten kein Wissen vermittelt werden kann. „Sie wissen ja nicht alles, sie können nur schneller denken und lernen“, ergänzt Kollege Bechler. Über all die Begabung hinweg dürfe eines nicht vergessen werden: „Hochbegabte sind auch ganz normale Kinder, die kindliche Bedürfnisse haben.“
Förderung schon ab der Grundschule Bislang begann für Kinder aus dem Bodenseekreis die Förderung spezifisch Begabter erst am Gymnasium, wie in Ravensburg. Seit diesem Schuljahr gibt die Hector-Kinderakademie an der Grundschule Friedrichshafen-Ailingen die Möglichkeit, talentierten und interessierten Kindern zusätzlich zum Bildungsplan geistiges Futter zu bieten.
Dabei hebt der Rektor der Ailinger Grundschule, Paul Baudler, hervor, dass die Workshops an der Kinderakademie nicht nur für Hochbegabte gedacht sind. „Begabt und motiviert“ formuliert er die Eigenschaften der Schüler, die nachmittags bei Angeboten wie „Faszination Fliegen“, „Malen wie Miró“ oder „Grundlagen der Elektrotechnik“ ihrer Neugier freien Lauf lassen. Wer sich für die Kinderakademie anmelden darf, entscheiden die Grundschullehrer. „Das erste Halbjahr lief sehr gut, aus dem gesamten Bodenseekreis wurden über 100 Schüler angemeldet“, erzählt Rektor Baudler. Die Resonanz zeigt, dass begabte und hochbegabte Kinder Zusatzangebote brauchen. Chantal und Marc plagte vier Grundschuljahre die Langeweile, wie sie es selbst ausdrücken. „Endlich gefordert“ zu werden schätzen sie am Hochbegabtenzug. Unterforderung dagegen wäre für die beiden Hochbegabten geistiges Gift.
Beratung und Informationen zum Thema Hochbegabung im Bodenseekreis gibt das Staatliche Schulamt in Markdorf, per Telefon 0 75 44/5 09 71 80 oder im Internet:
www.schulamt-markdorf.de