Ein Führungsamt in einem Verein zu übernehmen, bedeutet, sich mehr zu engagieren und vor allem Verantwortung zu tragen. Ein „Opfer“, das viele Vereinsmitglieder nicht aufbringen wollen, und vor einer Amtsübernahme zurückschrecken. Die Suche nach Schriftführern, Kassierern und Vorsitzenden wird oftmals zum Geduldsspiel.
Thomas Armann weiß als Vorsitzender des Schützenvereins Kluftern, wie viel Zeit ein solches Ehrenamt beansprucht. „Ich muss den Verein führen sowie repräsentieren. Vor allem bedeutet es für mich, Verantwortung zu übernehmen.“ Und die ist bei Armann größer als bei vielen anderen Vorsitzenden. Zwar ist der Schützenverein Kluftern mit 56 aktiven Mitgliedern einer der kleineren Vereine, doch dafür ist die Verantwortung umso gewaltiger: Der Verein muss sich mit einem der brisantesten Gesetze beschäftigen – dem Waffengesetz. Inbegriffen sind Auflagen, Richtlinien und bei Missachtung schwerwiegende Folgen für den Verantwortlichen.
Auch Armann hat sich vor seiner Wahl zum Vorsitzenden lange überlegt, ob er diese Verantwortung auf sich nehmen kann. Und er kann es – auch weil er die Unterstützung anderer Vereinsmitglieder hat.
Seine Schwester Marion Sulger ist Schriftführerin. Sie agiert als rechte Hand ihres Bruders und nimmt ihm einiges an Arbeit ab, bestätigt Thomas Armann. „Anders als in anderen Vereinen, bei denen Mitglieder lediglich durch eine Kündigung der Mitgliedschaft austreten, muss ich ausgetretene Mitglieder beim Landratsamt melden. Auch die gesetzlichen Vorschriften müssen erfüllt werden. So musste der Schützenverein zwei neue Tresore anschaffen, in denen die Gewehre sicher aufbewahrt werden. Verstößt der Verein gegen die gesetzlichen Vorgaben, wird in erster Linie der Vorsitzende zur Rechenschaft gezogen.
Trotz der großen Verantwortung nahm er die Wahl zum Vereinsvorsitzenden an. „Meine Motivation ist die Geschichte des Schützenvereins. Mein Vater Fritz war Gründungsmitglied. Ich weiß, wie viel Herzblut von meiner Familie in dem Verein steckt und was in den vergangenen 50 Jahren an Arbeit investiert wurde“, sagt Armann. „Ein Verein kann ohne Vorsitzenden nicht existieren und ich hätte niemals eine Auflösung akzeptieren können“, nennt er seine persönlichen Gründe. Erschwerend war der Zeitpunkt seiner Kandidatur: „Es war ziemlich genau ein Jahr nach dem Amoklauf in Winnenden, und das Ansehen von Sportschützen und Schützenvereinen hatte sehr gelitten. In einer solchen Zeit die Leitung dieses Vereins zu übernehmen, war keine leichte Entscheidung.“ Doch der 40-Jährige sieht sich an der Spitze eines intakten Vereins: „Ich weiß, dass alle Mitglieder hinter mir stehen.
Rechtsanwalt Klaus Schäfer aus Sigmaringen hat gleich doppelte Erfahrung als Vereinsvorsitzender. Vor 25 Jahren gründete er den Chor „Wir für euch“ in Sigmaringen und war fast durchgängig Vorsitzender, ehe ihm 2011 seine Stellvertreterin auf den Posten folgte. Seither konzentriert sich Schäfer neben weiteren ehrenamtlichen Aufgaben auf den Vorsitz des Sigmaringer Kreisverbands des Deutschen Kinderschutzbundes. „Den Chor habe ich aus dem Spaßfaktor heraus gemacht. Zum Kinderschutzbund bin ich gekommen, weil ich mich für die Anlaufstelle gegen sexuellen Missbrauch engagieren wollte“, erzählt er. Als dann personell eine neue Lösung nötig war, habe er sich bereit erklärt, den Posten als Vereinschef zu übernehmen.
Der Kinderschutzbund verlangt dem Anwalt viel Verantwortung ab, denn er ist dort nicht nur Vorsitzender, sondern auch Geschäftsführer. Er führt zwei Mitarbeiterinnen, die in Teilzeit angestellt sind, und hat mit sehr großen Geldbeträgen zu tun. Einen Stellvertreter und damit potenziellen Nachfolger gibt es zurzeit nicht und von eigentlich sieben Vorstandspositionen sind momentan nur vier besetzt.
Schäfers ehemaliger und der aktuelle Vorstandsposten könnten fast nicht unterschiedlicher sein, denn die rechtlichen Pflichten sehen völlig anders aus. Die Arbeit im Kinderschutzbund sei ohne seine Kenntnisse als Anwalt „schlichtweg nicht denkbar gewesen“, sagt Schäfer. Er befinde sich immer in einem Spannungsbereich und habe mit Polizei, Gerichten und der Schweigepflicht zu tun. Hinzu kommt ein sehr hoher Arbeitsaufwand. Schäfer beantwortet täglich E-Mails oder bekommt Anrufe.
Im Chor gab es lediglich zwei große Blöcke, die er rechtlich beachten musste – Gema und Urheberrecht. Die Mitglieder konnte er dort aber viel intensiver betreuen. Ingesamt sei die Arbeit einfacher strukturiert gewesen.
Rechtlich muss auch Thomas Lohner einiges bedenken, wenn er als Vorstandmitglied für Organisation in der Stadtkapelle Überlingen eine Veranstaltung plant. Wie bei Gesangsauftritten, spielt die Gema auch bei Musikvereinen eine große Rolle. Konzerte sind größtenteils über die Mitgliedschaft im Blasmusikverband abgedeckt, sodass der Verein nur eine Liste mit allen Liedern beim Verband abgeben muss, die dieser weiterleitet.
Das jährliche Gassenfest der Stadtkapelle ist dagegen eine Herausforderung für Lohner. „Wir müssen uns selbst um die Versicherung und die Konzession für den Ausschank kümmern.“ Hinzu kommen hohe Anforderungen durch den Jugendschutz. „Aber das kennen wir und wissen, was auf uns zukommt. Dieses Jahr hatten wir beim Gassenfest verschiedene Bändel für Jugendliche und Erwachsene.“
Das Ehrenamt erlebt inzwischen einen Wandel: Während immer weniger auf den Chefsessel wollen, nutzen die Vereine verstärkt die neue gesetzliche Möglichkeit, einen Geschäftsführer einzustellen. Oder der Vorsitzende wird gleichzeitig zum Teilzeitgeschäftsführer. So hat der Turnverein Überlingen zum Beispiel mit Benjamin Janisz einen bezahlten Teilzeit-Geschäftsführer. „Trotz meiner halben Stelle besteht meine Vereinsarbeit immer noch zu einem großen Teil aus ehrenamtlichen Tätigkeiten“, erklärt Janisz.
Ist das reine Ehrenamt noch ein zukunftstaugliches Modell für die Vereinsführung? Selten gibt es familiäre Bindungen wie im Fall der Armanns. Verantwortung und Arbeit wachsen, die meisten Menschen haben aber immer weniger Zeit. Ein Teufelskreis? Die Zukunft wird es zeigen. Einfach wird es für Vereine, diese wichtige Säule der Gesellschaft, aber sicher nicht.
In sieben Teilen beleuchtet der SÜDKURIER die Vereinslandschaft im Bodenseekreis und im Kreis Sigmaringen: Sind Vereine noch „in“? Wo kommen die Mitglieder her und was macht eine erfolgreiche Nachwuchsarbeit aus? Wer will noch auf den Chefsessel im Verein?
