Friedrichshafen Kriminalhauptkommissarin Kerstin Volk beim G20-Gipfel im Einsatz: "Ich will so etwas nie wieder erleben!"

Die 49-jährige Kerstin Volk lebt in Überlingen und gehört der Kriminalpolizeidirektion in Friedrichshafen an. Als eine von zwölf Polizeibeamten aus der Region war sie beim G20-Gipfel in Hamburg im Einsatz. Ihr Fazit: "Ich will so etwas nie wieder erleben!"

Wann haben Sie von Ihrem Einsatz beim G20-Gipfel erfahren und wie sah die Vorbereitung dazu aus?

Der Gipfel war ja schon lang in Planung und eigentlich habe ich schon Anfang des Jahres damit gerechnet, dass Anfragen aus Hamburg zur Unterstützung kommen. Bei uns im Polizeipräsidium Konstanz, konkret in der Kriminalpolizeidirektion, hat man Ende Mai um freiwillige Unterstützungskräfte in den unterschiedlichen Bereichen gebeten. Ich selbst hatte bereits Einsatzerfahrung beim G8-Gipfel in Heiligendamm 2007 sammeln können.

Sie waren schwerpunktmäßig in der Gefangenensammelstelle im Stadtteil Harburg im Einsatz – wie sah Ihr Tagesablauf dort aus?

Wir haben von Anfang an im Zwölf-Stunden-Schichtsystem gearbeitet. Da wir außerhalb Hamburgs untergebracht waren, haben wir uns morgens um 4 Uhr zu einem kurzen gemeinsamen Frühstück getroffen. Gegen 4.45 Uhr wurden wir mit Bussen zur Gefangenensammelstelle gebracht. Zu Schichtbeginn wurde uns immer ein Sachstand zu den Ereignissen der letzten zwölf Stunden gegeben. Weiterhin wurden wir über die geplanten Aktionen des Tages informiert. Um 18 Uhr ging es dann in einer etwa einstündigen Fahrt wieder zurück ins Hotel.

Wie anstrengend war die Arbeit dort für Sie?

Es war physisch und psychisch eine Herausforderung. Gerade zum Schluss waren wir froh, wenn die Schicht rum war. Die Beine taten weh und so langsam sehnte man sich auch wieder nach einem ganz normalen Tagesablauf.

Wie war die Stimmung unter den Kollegen, besonders nach den massiven Angriffen der militanten Demonstranten auf Polizeibeamte, Autos, Häuser? 500 Ihrer Kollegen wurden verletzt.

Ich glaube, für viele sprechen zu können, wenn ich sage, dass ich so ein brutales Vorgehen gegen Polizeibeamte und Sachgüter noch nie erlebt haben. Nicht einmal 2007 in Rostock hat es so heftige Angriffe gegeben. Wenn Kollegen verletzt werden oder in gefährlichen Situationen sind, fühlt man immer mit, als wäre man selbst dabei. Man möchte am liebsten auch losgehen, um zu helfen. Wir waren alle sehr betroffen und hofften stündlich, dass es bald vorbei ist. Teilweise staute sich auch Wut auf, jedoch haben wir uns im Griff gehabt. Wir wollten in der Gefangenensammelstelle unbedingt, dass uns keine Verfahrensfehler unterlaufen, die am Ende noch zu Einstellungen von Verfahren der in Gewahrsam Genommenen oder Festgenommenen führt. Jeder Gefangene wurde rechtsstaatlich behandelt, auch wenn es manchmal sehr schwerfiel.

Können Sie Ihr eindrücklichstes Erlebnis der Hamburger Tage schildern, positiv oder negativ?

Ich sehe immer noch die dunklen Rauchschwaden über Hamburg und habe das Sirenengeheul sowie den dumpfen Klang der Hubschrauber im Ohr. Ich hatte große Angst um die vielen Kollegen, die im Einsatz waren. Da ich an der Stelle der Gefangenensammelstelle eingesetzt war, wo die Gefangenen zugeführt wurden, habe ich die fertigen Gesichter der Kollegen gesehen. Ich habe sogar mitgeholfen, kleine Wunden zu versorgen, und den Kollegen Wasserflaschen in die Fahrzeuge gereicht. Man brauchte nicht zu wissen, was "da draußen" los war, man konnte es ihnen ansehen. Das war für mich furchtbar und ich will so etwas nie wieder erleben!

Ich bin total überwältigt worden von der Zusammenarbeit untereinander. Wir haben völlig durchmischte Teams gehabt. Kollegen von der Schutz- und Kriminalpolizei, vom mittleren und gehobenen Dienst und aus allen Bundesländern haben 14 Tage zusammen gearbeitet. Es hat super funktioniert. Das habe ich in meiner 20-jährigen Polizeizugehörigkeit in der Form noch nie erlebt. Es ist ein schönes Gefühl gewesen, nach dem Motto: Wenn es darauf ankommt, halten wir zusammen.

Würden Sie so einen Großeinsatz noch einmal mitmachen?

Kann ich jetzt noch nicht sagen. Die Ereignisse sind noch sehr frisch, ich will das auch erst mal alles verarbeiten und mir noch einige Dokumentationen und Auswertungen des Einsatzes ansehen. Vielleicht, vielleicht auch nicht...

Fragen: Susanne Hogl

Zur Person

Kerstin Volk, 49-jährige Kriminalhauptkommissarin aus Überlingen, war eine von zwölf Polizeibeamten aus der Region, die beim G20-Gipfel im Einsatz waren. Sie gehört der Polizeidirektion Friedrichshafen an, ist verheiratet und hat zwei Töchter. Kerstin Volk ist seit 20 Jahren bei der Polizei und hat bereits etliche Großeinsätze miterlebt. Insgesamt waren in Hamburg rund 20 000 Polizisten im Einsatz, 500 erlitten Verletzungen.
 

Die 49-jährige Kriminlahauptkommissarin Kerstin Volk gehört der Kriminalpolizeidirektion Friedrichshafen an und war beim G20-Gipfel im Hamburg im Einsatz.
Die 49-jährige Kriminlahauptkommissarin Kerstin Volk gehört der Kriminalpolizeidirektion Friedrichshafen an und war beim G20-Gipfel im Hamburg im Einsatz. | Bild: privat

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