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31.03.2012  |  von  |  0 Kommentare

Bodenseekreis Generationenwechsel sorgt für frischen Schwung in Kleingärten

Bodenseekreis -  Junge Familien wollen nicht nur Gartenarbeit machen, sondern auch feiern. Vor allem Deutsche aus Russland setzen die Tradition der Schrebergärten fort.

Dominic mit Vater Peter Gänßler in der Kleingartenanlage „Kitzenwiese“. Dem Fünfjährigen und seinen fünf Geschwistern bietet der Kleingarten viele Möglichkeiten.  Bild: ambrosius

Der Vorsitzende des Kleingartenvereins Hinteresch, Erwin Marezki, schafft gerne mit Stellvertreter Bernhard Eichwald und Walter Rein, der aus Kirgisistan an den Bodensee kam (von links).  Bild: Schnurr



Dominic mit Vater Peter Gänßler in der Kleingartenanlage „Kitzenwiese“. Dem Fünfjährigen und seinen fünf Geschwistern bietet der Kleingarten viele Möglichkeiten.

„Ich bin ein Deutscher aus Russland und darauf bin ich stolz!“ Mit leuchtenden Augen und einem breiten Lachen nimmt Bernhard Eichwald seine landsmannschaftliche Ortsbestimmung vor. Erst dann spricht er über seine zweite Leidenschaft: die 300 Quadratmeter große Parzelle in der Kleingartenanlage „Hinteresch“ in Friedrichshafen. Seit 1995 bestellt der Mann mit dem urdeutschen Namen dieses Fleckchen Erde am Bodensee und verbringt jede freie Minute mit seiner Familie im Schrebergarten. „Ich bin ein Vereinsmensch, habe Freude an der Natur, da reicht eine Mietwohnung mit Balkon nicht“, erklärt er. In Sibirien, hinter dem Ural geboren, zog er mit seinen Eltern nach Kasachstan. „Wir hatten dort immer ein Haus mit Garten, mit Feldfrüchten und Vieh.“ Das habe ihn geprägt und deshalb sei er auch bald, nachdem er einen Job in Friedrichshafen gefunden hatte, auf Gartensuche gegangen.

Der Mann gehört zu der Gruppe von Kleingärtnern am Bodensee, die von ihren in Deutschland geborenen Landsleuten gerne kurz und bündig „Russlanddeutsche“ genannt werden. Ihre Mitgliederzahl in den Kleingartenanlagen in der Region wächst. Das bestätigen auch Bruno Münz, Vorsitzender der Kleingärtner in Pfullendorf, und Bruno Guggemos, der die Kleingärtner in Meßkirch anführt. Die Deutschen aus Russland scheinen exakt in die angeblich von strengem Reglement bestimmten Kleingartenkolonien zu passen. Doch entspricht dies genauso wenig der Realität, wie es heute stimmt, dass sich in Schrebergärten die pedantische Ordnungsliebe der Kleinbürger manifestiert. Deutsche aus Russland finden sich aber offensichtlich einfacher in der Welt der Kleingärten zurecht, als es junge in Deutschland geborene Familien tun. Vielleicht deshalb, weil ihr Leben in Kasachstan und anderswo in Eurasien durch Selbstversorgergärten geprägt war, was der ursächlichen geschichtlichen Bestimmung entspricht, aus der heraus Kleingartenanlagen einst im Deutschland der Industrialisierung entstanden.

Andererseits aber passen sie nur bedingt in die engen Vereinsstrukturen, die sie lieber durch familiäre Bindungen ersetzen. Für sie wie für junge Familien gilt, sie verbringen gerne auch ihre Freizeit in den Kleingärten. Wenn das aber Überhand nimmt, stoßen vor allem junge Familien an die Grenzen der Gründergenerationen der Kleingartenanlagen. Zu ihr gehört Herbert Lutz, seit 16 Jahren Vorsitzender in der Kleingartenanlage „Seeblick Manzell“. So wie früher, als der Verein noch regelmäßig große Feste feierte und sich die Kleingärtner auch unaufgefordert zum Hock am Vereinsheim zusammenfanden, gehe es heute nicht mehr zu, erzählt er. „Die jungen Leute wollen nur ihre Freizeit genießen, aber keine Verantwortung übernehmen“, und „die Russlanddeutschen machen zwar bei den Festen mit, aber ansonsten bleiben sie unter sich.“

Andere Kleingartenvereine in Friedrichshafen zeigen sich flexibler und beklagen sich nicht: Peter Gänßler, stellvertretender Vorsitzender der Gartenfreunde Kitzenwiese: „Wir haben es geschafft, dass neue Mitglieder – gerade auch die Deutschen aus Russland – bei uns keine Nebenrolle spielen, sondern mittendrin sind im Verein.“ Seine Erfahrung: „Wir müssen den Anstoß geben, es liegt an uns selbst.“ Das bestätigt auch Wolfgang Ott, Vorsitzender der Gartenfreunde Rotachbogen. Bei ihnen gebe es keinen Rückzug auf die Parzelle. Im Verein habe es geheißen: „Jetzt müssen die Jüngeren ran.“ Beide Vorstandsmitglieder berichten über zahlreiche Aktivitäten, die frischen Schwung in den Verein gebracht hätten. Peter Gänßler erzählt beispielhaft vom Wintergrillen, mit dem der Verein die kalten Monate überbrückt. Frischer Schwung im Kleingarten lohnt sich. Der Verein „Hinteresch“ wie auch die Vereine „Kitzenwiese“ und „Rotachbogen“ können immer häufiger junge Familien als neue Pächter der Parzellen begrüßen. Und: „Diese neuen Mitglieder übernehmen auch Verantwortung“, freuen sich die Vorstandsmitglieder. Erwin Marezki, seit 1993 Vorsitzender des Vereins „Hinteresch“, weiß, dass sich Kleingärtner flexibel zeigen müssen, wollen sie den Verein am Leben erhalten: „Bei den Erwartungen an neue Mitglieder haben wir schon um einiges zurückstecken müssen“, erklärt er. Früher, in der Gründerzeit, sei der Verein von der Stadt noch ziemlich mit engen Vorschriften drangsaliert worden. Heute werde das bei der Flächennutzung als Hackland wie bei baulichen Veränderungen nicht mehr so eng gesehen. „Es darf natürlich nicht übertrieben werden“, so der 65-Jährige. „Ein klein bisschen Zucht und Ordnung muss aber schon sein“, bezieht Bruno Guggemos aus Meßkirch Stellung.

Die Kleingärtner haben sich auf den Weg gemacht. Das Miteinander der Gründergenerationen in den Kleingärten mit Menschen, die in anderen Kulturkreisen aufwuchsen oder jünger sind, fordert alle heraus, auch untereinander: „Bei den Deutschen aus Russland sind sich auch nicht alle grün“, meint Bruno Münz aus Pfullendorf. „Neu erfinden müssen sich die Kleingärten deshalb aber nicht“, meint Erwin Marezki.

Der Vorsitzende des Kleingartenvereins Hinteresch, Erwin Marezki, schafft gerne mit Stellvertreter Bernhard Eichwald und Walter Rein, der aus Kirgisistan an den Bodensee kam (von links).
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