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Bodenseekreis/Kreis Konstanz Frauen in der Geschichte: Die Bodmaner Busenwand

Aus der Ahnenreihe der sogenannten Bodmaner Busenwand lässt sich eine mögliche Gesellschaftsform herauslesen. In den 1990er-Jahren bargen Unterwasserarchäologen des Landesamts für Denkmalpflege Hemmenhofen rund 2000 Fragmente der Ahnentafel aus dem Überlinger See bei Ludwigshafen-Seehalde und setzten sie in mühseliger 20-jähriger Forschungsarbeit wieder zusammen.

Bodman-Ludwigshafen, 3860 vor Christus: Endlich ist es geschafft, die Ahnentafel des Dorfs ist fertig. Lange haben die Dorfbewohner gewerkelt, um den Urmüttern eine Gedenkstätte zu errichten. Jetzt wird das sieben Meter lange Werk auf der Innenwand des eigens für das Kunstwerk errichteten Pfahlhauses angebracht. Ob das Haus und die Ahnentafel das Dorf und seine Nachfahren beschützen und für gute Erträge bei Ernte und Fischfang sorgen sollten? Wissenschaftler glauben, dass das Gebäude auf jeden Fall einen speziellen rituellen Zweck erfüllen sollte. Doch die Ahnentafel hätte selbst etwas Schutz vertragen können: Vor fast 6000 Jahren brannte das Haus nieder und die Ahnentafel der Urmütter versank samt Pfahlbauhaus im Bodensee.

In den 1990er Jahren bargen Unterwasserarchäologen des Landesamts für Denkmalpflege Hemmenhofen rund 2000 Fragmente der Ahnentafel aus dem Überlinger See bei Ludwigshafen-Seehalde und setzten sie in mühseliger 20-jähriger Forschungsarbeit wieder zusammen. Heraus kam das meterlange Wandbild mit sieben stilisierten Frauengestalten. Sie haben runde, sonnenförmige Köpfe und recken ihre Hände nach oben in Richtung Himmel oder Sonne – so genau lässt sich das nicht rekonstruieren. Einzigartig ist der künstlerische Ausdruck, mit dem die Frauen geformt wurden. Neben fast lebensgroßen Lehmbrüsten, die dem Objekt den Namen „Busenwand vom Bodensee“ einbrachten, wurden zahlreiche kleinere Lehmstücke mit Verzierungen aus weißer Kalkfarbe gefunden. Das Besondere: Die Brüste der Frauen sind plastisch hervorgehoben und mit Brandkalk punktförmig bemalt, zudem trägt jede Frau einen gemalten Gürtel unterschiedlicher Machart.

Helmut Schlichtherle vom Landesamt für Denkmalpflege Hemmenhofen vermutet, so schreibt er dieser Zeitung, dass es sich bei den nach oben gereckten Armen um einen Ritus handle. Er geht sogar so weit, aus der Ahnenreihe eine mögliche Gesellschaftsform herauszulesen. Für ihn sind da keine hierarchischen Strukturen zu erkennen. Alle dargestellten Urmütter seien gleich groß, es gebe nicht die eine überragende Göttin. Für Schlichtherle stellt sich hier eine egalitäre Gesellschaft dar. Zumindest eine Gesellschaft, die Frauen einen gewichtigen Platz in ihrer Mitte einräumt. Für diese Interpretation sprechen die schematisch gezeichneten Bäume zwischen den Frauen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass es sich dabei um eine vereinfachte Zeichnung von übereinandergestapelten Menschen handelt, erklärt Archäologe Helmut Schlichtherle. Durch Vergleiche mit anderen Keramikfunden aus dem gleichen Zeitalter, auf denen ebenfalls solche menschenähnlichen Zeichnungen zu sehen sind, kann auf eine Art Stammbaum geschlossen werden. Das Wandbild kann künftig als Ansatz für neue, weitere Interpretationsmöglichkeiten bei Funden aus dieser Zeit dienen, weil sich erstmals Hinweise auf Rituale und Traditionen zeigen. Dadurch kommen Experten jetzt in die Lage, Funde zuzuordnen, die bisher nicht eingeordnet werden konnten.

Bei der „Busenwand“ handelt es sich um die ältesten figuralen Wandmalereien nördlich der Alpen und sie gibt neue Denkanstöße bei der Frage nach der Rolle der Frau. Würde man Frauen nicht geschätzt haben, hätte man ihnen sicherlich nicht ein solch aufwendiges Kunstwerk gewidmet.

Meist sind es Jagdszenen, die vor vielen tausend Jahren auf Felswände gemalt wurden und uns Menschen in der heutigen Zeit einen Eindruck vom Leben der Menschen der damaligen Zeit geben. Man weiß heute sehr gut was sie aßen, was sie für Kleidung trugen oder auch wie sie ihre Häuser bauten. Aber was für Rituale sie zelebrierten und welche Traditionen von ihnen gepflegt wurden, war bis vor Kurzem gänzlich unbekannt. Die „Busenwand“, die Tausende von Jahren lang im Bodensee verschollen war, gibt einen neuen, einen ungewöhnlichen Einblick in die Jungsteinzeit.

Die Wand kann derzeit nicht besichtigt werden. Sie war zuletzt auf der Großen Landesausstellung „4000 Jahre Pfahlbauten“ in Bad Schussenried zu sehen. Wann sie wieder für die Öffentlichkeit zugänglich sein wird, ist noch offen.


Das Magazin

Bild: Bast Medien
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