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15.02.2013  |  von  |  8 Kommentare

Bodenseekreis Bewährungsstrafe: Ekelhafte Zustände in Metzgerei

Bodenseekreis -  Mäuseburg mit palisadenartiger Umrandung aus Wursthäuten: Ein Metzgermeister aus dem westlichen Bodenseekreis wurde zu vier Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Den Zuhörern im Gerichtssaal stockte bei der Verlesung der Mängel in der Metzgerei schier der Atem.

Blick auf eine Wursttheke. (Symbolbild)  Bild: dpa



Mäusenester, verdreckte Ventilatoren, Werkzeuge und vieles mehr: Mehrmals Luft holen musste Oberstaatsanwalt Ulrich Gerlach im Amtsgericht Überlingen, bis er die 59 Mängel in einer Metzgerei in einer Stadt im westlichen Bodenseekreis verlesen hatte. Der Wirtschaftskontrolldienst (WKD) hatte die Mängel dort erstmals vor Jahresfrist bei einer Routinekontrolle beanstandet. Den Zuhörern im Gerichtssaal stockte schier der Atem. Weil der Metzgermeister die „ekelerregenden Zustände“ wiederholt nicht beseitigt hatte, entwickelte sich aus dem anfangs verhängten Bußgeld ein Strafbefehl und der Angeklagte musste sich letztendlich vor Gericht verantworten, wo er fast alles zugab.
 

Schimmel, Schmutz, Gespinste und Staub

Mehrmals kontrollierte der WKD, ob der 51-jährige Angeklagte den Auflagen nachgekommen war. Doch Fehlanzeige. Nur einmal füllten die Mängel lediglich eine DIN-A-4 Seite.

Es wurde Schimmel in der Steckdose und andernorts entdeckt, verschmutzte Wände, Böden, Reinigungsgeräte, Lamellen und Gewürzbehältnisse, der Personalumkleidebereich war stark verschmutzt, ebenso wie der Fleischwolf, die Heißtheke über dem Leberkäse war nur 45 statt vorgeschriebener 65 Grad warm, am Waschbecken fehlte heißes Wasser, es gab Gespinste, verstaubt waren Hängeschränke und Ventilatoren, ungewaschenes Gemüse wurde gefunden, beschädigte Geräte und Dichtungen, Fett- und Dampfablagerungen, offenes Mauerwerk sowie Mäusebefall inklusive skelettierter Maus in einer Truhenbank mit Mäusekot und -urin.

Mäuse haben es sich in der Metzgerei gemütlich gemacht

Auch im Gewürz- und Wurstdarmlagerraum hatten es sich die Nager gemütlich gemacht: „Das war eine Mäuseburg mit palisadenartiger Umrandung aus Wursthäuten“, beschrieb der Amtstierarzt die „erhebliche Militanz im Tun“ der Tiere, die auch eine Wand durchgenagt, Gewürzpackungen angefressen und an den Nudeln geknuspert hatten. Seien Mäuse mit dem Hantavirus infiziert, können Menschen an den über Speichel, Kot oder Urin eingeatmeten Viren erkranken, bis hin zum Nierenversagen.

Er habe vom Angeklagten einen Schädlingsbekämpfer eingefordert, sagte der Veterinär, der angesichts der Herstellung hochsensibler Lebensmittel von einer „erstaunlichen Gelassenheit und weit von jeglicher Betroffenheit“ des 51-Jährigen sprach, „als würde ihn das alles nur peripher tangieren“.
 

Richter und Staatsanwalt raten zur Geschäftsaufgabe

„War Ihnen das alles Wurst?“, fragte der Richter den Metzger, was dieser verneinte. „80 Prozent der Mängel sind wahr“, gab er zu, und dass er sich gedanklich bereits mit der Schließung seines Geschäfts befasst habe. Doch zunächst wolle er noch abwarten, was die Zwangsversteigerung seines Hauses erbringe und ob eine eventuelle Pacht der Metzgerei möglich ist. „Wir verdienen nichts mehr. Seit es die vielen Supermärkte gibt, ist der Umsatz auf die Hälfte gesunken. Ich war nervlich unter Druck und so am Ende“, erklärte er seine Untätigkeit. Gebe er den Druck an seine drei Angestellten weiter, habe er bald kein Personal mehr. Nie seien Lebensmittel zurückgebracht worden, er habe von der Qualität her einen sehr guten Ruf, meinte er, und: „Der WKD wird immer was finden.“

Als Metzger habe er eine große Verantwortung, dass die Produkte einwandfrei seien, mahnte ihn Richter Harald Gürtler. Die Behörden seien dazu da, dass alles nach Recht und Gesetz erfolge, so der Staatsanwalt, der ihn auf die jüngste Kontrolle am 5. Februar verwies, die wieder unzureichend ausgefallen war. „Wenn ich mir so die Bilder anschaue, oh, da wird's einem schon anders.“ Beide rieten ihm, sein Geschäft aufzugeben und sich anzustellen lassen, auch vor dem Hintergrund, dass er nur die Hälfte dessen verdiene, was er seinem Gesellen zahle und er seit zehn Jahren keinen Urlaub gehabt habe.
 

Richter: 51-Jähriger soll Auflagen endlich nachkommen

Gab es noch Meinungsverschiedenheiten zum „frisch pulverbeschichten Fleischwolf“, der nicht mit dem Fleisch in Berührung gekommen sei, so war dies für den Staatsanwalt unerheblich. Er habe durchaus Hochachtung für den fleißigen Angeklagten, der seine Mitarbeiter regelmäßig bezahle, geständig und überfordert sei: Die Bank setze dem Metzger das Messer auf die Brust, das Geschäft werfe nicht genug ab. Unerlässlich sei jedoch eine Freiheitsstrafe von vier Monaten als Druck, damit er den wiederholten Auflagen endlich nachkomme.

Der Angeklagte wünschte sich nur eine Geldstrafe, doch daraus wurde nichts. Der Richter verurteilte ihn zu den vier Monaten mit zwei Jahren Bewährung und macht ihm nochmals eindringlich klar, dass man das Urvertrauen, dass Kunden gegenüber Menschen haben, die Lebensmittel verkaufen, sehr groß sei, und das man dieses rechtfertigen müsse. Er werde ja nur zu dem verpflichtet, was seine Pflicht sei.

Korrektur-Hinweis Korrektur-Hinweis melden Korrektur-Hinweis
Mehrmals kontrollierte der WKD...
...stellte die Mängel fest-
und hat den Laden nicht zugemacht! mehr ...
Pfui Teufel
Von jedem Menschen im technischen Bereich wird eine 100%zentige Qualität verlangt. mehr ...
Schimmel auf Fleisch
Ich muss nochmals bemerken,wir sollten besser aufpassen.Gerade bei privaten Metzgern. mehr ...
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