Eckard Settelmeyer, Direktor Erdbeobachtung und Wissenschaft und Standortleiter von Astrium in Friedrichshafen, macht keinen Hehl daraus, dass man ein großes Stück vom Kuchen künftiger Wissenschaftsmissionen der europäischen Raumfahrtagentur ESA an den Bodensee holen möchte. „Drei entscheidende Projekte für Friedrichshafen könnten im November beschlossen werden“, blickte Settelmeyer am gestrigen Mittwoch in Berlin voraus. Entschieden werden soll über die zweite Generation der Wettersatelliten der Metop-Reihe, über künftige Earth-Explorer-Missionen und die Fortschreibung des GMES-Programmes. Für alle drei Projekte beziffert sich der gesamte Budget-Vorschlag der ESA auf rund 2,8 Milliarden Euro. Sollten die Projekte beschlossen werden, würde bei dem ein oder anderen Zuschlag für Astrium die Auslastung des Standortes am See auf weitere Jahre gesichert sein.
Settelmeyer gibt sich zuversichtlich: Nicht zuletzt, weil unter Federführung von Astrium Friedrichshafen bereits mehrere der derzeit noch laufenden Vorgängerprojekte erfolgreich realisiert wurden. Der aktuelle Auftragsbestand decke die nächsten beiden Jahre ab, sagt Settelmeyer: „Damit kann man gut umgehen.“ Doch die spannende Frage lautet: Wie stark werden sich die europäischen Nachbarländer angesichts der Eurokrise künftig in der Raumfahrt engagieren wollen? Und: Wird das Gesamtbudget dann für alle großen Vorhaben der ESA reichen? „Die deutsche Seite puscht sehr stark alle drei Projekte“, ist Settelmeyer jedenfalls froh über die klaren Signale der Bundesregierung.
Noch haben die Experten am Bodensee aber genug zu tun: Zwölf Großprojekte werden in Friedrichshafen zurzeit abgearbeitet. Am Montag soll Metop-B von Baikonur aus ins All gestartet werden, im Oktober die nächsten beiden Galileo-Satelliten und im Frühjahr dann das Swarm-Trio zur Vermessung des Erdmagnetfeldes. Bei einem 110-Millionen-Euro-Anteil für Astrium sei letztere Mission eine „besonders spannende Sache“, befindet Settelmeyer. Analysiert wird nicht nur das lebenswichtige „Schutzschild“ der Erde, sondern – quasi nebenbei – etwa auch die Tiefenmeeresströmungen, die wiederum Rückschlüsse auf mögliche Klimaveränderungen geben können.
Rund 80 Prozent der Aufträge kommen derzeit noch von der ESA, mithin von der öffentlichen Hand. Das soll sich ändern, sind sich Settelmeyer und Vark Helfritz, Geschäftsführer der Astrium-Tochter Infoterra, einig. Infoterra vermarktet am Standort Friedrichshafen die Satellitendaten. Dieses Geschäft soll deutlich ausgebaut werden, sagt Helfritz: „Wir wollen Raumfahrt kommerzialisieren und kommerzielle Märkte aufbauen.“ Unabhängiger werden von den Wissenschaftsmissionen, die angesichts unsicherer konjunktureller Entwicklungen künftig stärker mit Fragezeichen versehen werden könnten, ist das Ziel. Mittlerweile, so Helfritz, trage sich das Infoterra-Geschäft selbst. 80 der rund 1250 Astrium-Mitarbeiter am Bodensee kümmern sich dort um die Daten-Vermarktung. Vor allem auch auf ziviler Seite sieht Helfritz noch Potenzial – Konzerne auf Rohstoffsuche, Unternehmen im Bereich der Bahn- oder Straßeninfrastruktur sind potenzielle, aber auch schon tatsächliche Kunden.
Ein wegweisendes Projekt, vor allem auch für künftige Raumfahrtvorhaben, präsentierte gestern in Berlin auch das Häfler Team von Astrium Space Transportation, der bemannten Raumfahrt: „E-Nose“, ein elektronischer Schnüffler, der ab 2013 auf der Internationalen Raumstation ISS die Belastung durch Bakterien und Pilze messen soll. „Die elektronische Nase soll dem Missionsteam am Boden in Echtzeit übermitteln, ob eine biologische Gefährdungssituation für die Crew vorliegt“, erläutert Astrium-Projektleiter Thomas Hummel das vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) geförderte Messsystem, für das der Standort Friedrichshafen als Hauptauftragnehmer die Ingenieurleistung bereitgestellt hatte.
Zuletzt steht am heutigen Donnerstag in Berlin auch eine Vertragsunterzeichnung an: Dabei geht es um die geplante Satellitenmission „Deos“ (wir berichten morgen darüber).
