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Bodenseekreis Armutsbericht des Bodenseekreises: Hohe Wohnkosten als Armutsrisiko

Sozialdezernent Ignaz Wetzel stellt den Armutsbericht im Ausschuss für Soziales und Gesundheit und im Jugendhilfeausschuss vor. Ein Großteil der Überschuldeten lebt allein. Rund vier Prozent der Bevölkerung sind betroffen.

Bodenseekreis – „Armut im Bodenseekreis – gibt es das überhaupt?", fragte Sozialdezernent Ignaz Wetzel – als Einstieg zum Armutsbericht, um den die SPD-Fraktion gebeten hatte und den das Sozialdezernat nun im Ausschuss für Soziales und Gesundheit und im Jugendhilfeausschuss vorstellte. Absolute Armut gebe es weder im Bodenseekreis noch irgendwo sonst in Deutschland – Grund dafür seien die wirkungsvollen Sozialsysteme, sagte Wetzel. „Hier sprechen wir von einer relativen Armut im Vergleich zum sozialen Umfeld“, machte der Sozialdezernent klar und fügte hinzu: „In Deutschland gilt als arm, wer am Umfeld gemessen weniger als 60 Prozent hat oder wer Hartz IV empfängt.“

Davon betroffen seien 8700 Menschen im Bodenseekreis, also rund vier Prozent der Gesamtbevölkerung. 5906 davon würden nach SGB II bewertet, sagte Maria Gérard vom Jobcenter, rund 33 Prozent seien Langzeitleistungsbezieher, das heißt, sie sind schon mindestens zwei Jahre ohne Arbeit und es sei sehr schwierig, sie dauerhaft auf dem Arbeitsmarkt zu integrieren. Mit einem Vorurteil räumte Gérard auf: „Man sagt ja immer, dass Kinder das Armutsrisiko Nummer eins sind, aber 65 Prozent der Leistungsberechtigten haben gar keine Kinder. Von den 35 Prozent mit Kindern sind 22 Prozent alleinerziehend." Als Gründe für finanzielle Schwierigkeiten nennt sie unter anderem die „sehr hohen Wohnkosten im Bodenseekreis. „Es ist sehr schwierig, aus dem Hartz-IV-Bezug zu kommen, wenn die Mieten so hoch sind“, machte sie deutlich. Ein Umzug ins Hinterland, wo die Mieten günstiger sind, sei auch keine Alternative, da dort die Anbindung an den Öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPNV) sehr schlecht sei und viele Leistungsbezieher sich kein Auto leisten können.

Im Hinterland seien die Menschen also quasi vom Arbeitsmarkt abgeschnitten. Weitere Gründe für Armut seien Trennung und Scheidung, Sucht und Migration.

Ulrich Müllerschön berichtete aus Sicht des Sozialamts: 1151 Menschen erhielten Grundsicherung im Alter, das seien 2,5 Prozent der Gesamtbevölkerung. Damit liege man etwas über dem Durchschnitt im Regierungsbezirk Tübingen von 2,1 Prozent. Außerdem erhalten 1289 Erwachsene bis zur Altersgrenze (ab der dann Grundsicherung im Alter greift) Grundsicherung bei Erwerbsminderung. Das ist ein Prozent der Gesamtbevölkerung und auch hier liege man um 0,3 Prozent über dem Durchschnitt im Regierungsbezirk, sagte Müllerschön. Man gehe davon aus, dass der höhere Schnitt ebenfalls an den hohen Wohnkosten liegt. Außerdem leben im Bodenseekreis 1269 Wohngeldempfänger unter 25 Jahren in 650 Haushalten.

Wer mit den Problemen einer Überschuldung ins Landratsamt kommt, erhalte schnell Hilfe: „Wir bieten sehr zeitnah, innerhalb von zwei bis vier Wochen Termine an“, sagt Müllerschön. 44 Prozent der Überschuldeten lebten alleine, auch Alleinerziehende seien mit zwölf Prozent überproportional oft in der Schuldnerberatung. Simone Schilling berichtete, dass Familien mit SGB-II-Bezug aufgrund ihrer oftmals schwierigen Situation 23 Mal häufiger eine lebensberatende Hilfe von außerhalb benötigen, als Familien ohne SGB II. Alleinerziehende benötigten 19 Mal häufiger Hilfe von außen und und Patchworkfamilien 54 Mal häufiger.

Als Fazit des Armutsberichts sagte Sozialdezernent Wetzel: „Die demografische Entwicklung macht intensivste Bemühungen um die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen zwingend notwendig.“ Das bedeute unter anderem, Ausbau und die Flexibilisierung von Betreuungsangeboten und Weiterentwicklung und Ausbau der frühen Hilfen. „Damit gehen der Ausbau und die konzeptionelle Weiterentwicklung der Familientreffs einher.“

Ziele des Sozialamts

  • Besonders die Situation von Kindern und Jugendlichen in den Fokus nehmen und hier unterstützend eingreifen.
  • Hilfesysteme transparenter machen und aktiv an die jeweiligen Zielgruppen herantragen. Zum Beispiel durch eine Inanspruchnahme der Leistungen des Bildungs- und Teilhabepakets.
  • Hilfen sollen künftig verstärkt aus einer Hand kommen, Informationen sollen gebündelt werden. Sozialdezernent Ignaz Wetzel: „Im Prinzip müssen wir noch mehr als bisher die klassische ‚Ämterdenke’ aufgeben". (emb)

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