Die Vielfalt der Musikrichtungen in der Popmusik ist fast beliebig,nutzt aber der Vermarktung
Ska, House, Electroswing, Britpop oder Grunge – die Kategorisierung populärer Musik ist Alltag und das schon seit Jahrzehnten. Einige Stile prägen die Identität einer Generation, andere verschwinden schneller in der Versenkung, als man ihren Namen aussprechen kann. Doch was steckt hinter Britpop oder Grunge, wer prägt diese Stile und warum haben sie sich etabliert? Die Künstler selbst interessiert es jedenfalls kaum, unter welcher Kategorie sie im Musikgeschäft eingeordnet werden.
Die junge Konstanzer Band Sonic Solitude spielt seit einem Jahr zusammen. Im Jugendzentrum proben Noel Ramsperger, Joachim Wilhelm, Mike Möller, Steffen Dittmar und Martin Gasser für ein Konzert im Konstanzer Szenelokal Contrast. Der Proberaum ist minimalistisch eingerichtet: zwei Sofas, ein Tisch und zahlreiche leere Bierflaschen. „Wir haben hier schon Pfand im Wert von 40 Euro rausgetragen“, erzählt der 23-jährige Noel.
An der gelb gestrichenen Wand hängt ein kleines Plakat:
Music for Contrast
. Sonic Solitude ist da aufgelistet neben den Newcomer Bands Better than Chocolate und Cold Hearted Sisters. Unter den Bands sind die jeweiligen Stilrichtungen genannt: Indie Rock, Acoustic Rock und Grunge Blues – „Schubladendenken“ nennt Schlagzeuger Joachim, genannt Jochi, diese Einteilung, die Band selbst möchte sich gar nicht einordnen lassen.
Diese Auffassung sei unter Musikern normal, bestätigt Udo Dahmen von der Popakademie Baden-Württemberg. „Musiker sind weit davon entfernt, sich einen Stempel aufdrücken zu lassen. Denn sie wissen, dass sie sich als Musiker verändern werden“, sagt der künstlerische Direktor der Mannheimer Hochschuleinrichtung. Für Musikfans sei Kategorisierung eine Vereinfachung, es bestehe aber immer die Gefahr der Vergröberung. „Zwischen den Stilen ist es schwer, Grenzen zu ziehen. Oft sind es nur winzige Merkmale, die für die Fans dann aber umso entscheidender sind.“
Der 60-jährige Professor weiß, wie die Musikbranche funktioniert. Er ist mit der Musik der Beatles und der Rolling Stones groß geworden, hat erlebt, wie sich neue Stilprägungen entwickelten, etablierten oder verschwanden. Schon immer sei es ein sozial verankertes Phänomen gewesen, jede neue Generation präge einen neuen Stil. Es ist das Bestreben, sich mit äußeren Merkmalen von anderen abzuheben, um eine eigene Identität zu entdecken. „Das ist evolutionär etwas ganz Normales. Individualismus war dabei schon immer der Kernpunkt.“ Geändert hat sich bis heute nur, dass es keine lokal begrenzten Gemeinschaften mehr sind, sondern globalisierte Communities in sozialen Netzwerken. „Dieses subkulturelle Phänomen wird dann von einer Person benannt, zum Beispiel einem Journalisten, und das Wort verbreitet sich dann wie ein Virus.“
S onic Solitude wird laut Plakat in das Genre Acoustic Rock eingeordnet. Eine Bezeichnung, die sie gemeinsam mit dem Veranstalter gewählt haben. Das würde schon passen, meint die Band relativ gleichgültig. Sie selbst orientieren sich an keinem Stil, wenn sie Songs schreiben. „Individualität ist unsere Stärke. Jeder von uns hat eine eigene Ausdrucksform und wir gehen nicht immer in dieselbe Richtung“, so Schlagzeuger Jochi. Die Jungs sagen aber auch, dass Kategorisierung ein notwendiges Übel sei, um Erfolg zu haben und Musik zu verkaufen. „Du willst ja auch ein Bild von deiner Musik vermitteln, Schubladen können da sehr hilfreich sein“, meint Sänger Mike.
Eine entscheidende Rolle bei der Vermarktung von Musik spielt Authentizität. Für Künstler kann es zur Gradwanderung werden, authentisch aufzutreten und dabei eine möglichst breite Masse zu erreichen. „Du musst zielgruppenspezifisch spielen und gleichzeitig deine eigene Musik lieben“, erklärt Gitarrist Noel. Besonders für junge Bands kann das zur Bewährungsprobe werden. Bis sie ein gewisses Niveau erreicht haben, müssten sie ihrem Stil treu bleiben, um Erfolg zu haben, erklärt Udo Dahmen, da sie es sich nicht leisten könnten, die wenigen Fans zu vertreiben. Echte Authentizität aber würde in der Medienbranche nicht funktionieren. „Bruce Springsteen zum Beispiel wirkt sehr authentisch. Doch wenn er zum 598. Mal
Born in the USA
singt, wie authentisch ist das dann noch? Dann spielt er auch nur noch die Rolle Springsteen“, so Dahmen.
Ist der Erfolg erst einmal da, kann es entscheidend sein, wandlungsfähig zu bleiben. „Niveau und Erfolg bringen die Möglichkeit, sich zu verändern, wie zum Beispiel Madonna oder Lady Gaga“, sagt der Pop-Professor. Der Stil geht aber nicht nur vom Künstler selbst aus, sondern kann auch Strategie des Management sein. „Ich sehe nicht, dass Musiker vom Markt gesteuert werden, aber es gibt natürlich Stile, die ganz gezielt vom Management ausgelöst werden, wie Motown oder Britpop. Einige bleiben verankert, andere wie der Hippiestil verschwinden wieder“, stellt Dahmen fest.
Der ehemalige Konstanzer und erfolgreiche Songschreiber Robin tom Rink betont aber auch, wie schwierig es sei, sich zu wandeln. Es gäbe nur wenige Künstler wie Sting oder Tom Waits, die sich auf gleichem Niveau ständig verändern und dabei erfolgreich bleiben. „Fans hören ja deine Musik, weil sie sich damit identifizieren. Wenn du jetzt deine Musik komplett veränderst, fragen die sich natürlich auch, kann ich mich darin noch wiederfinden.“ Robin tom Rink ist sich auf seinen zwei Alben bisher treu geblieben, aber auch er schließt nicht aus, dass sich sein Stil wandeln wird. „Das Leben prägt und verändert dich und deine Musik jeden Tag.“
Allgemein wird wahrgenommen, dass die Kategorisierung populärer Musik heutzutage sehr viel umfangreicher ist. Doch Udo Dahmen meint, dass der Schein trüge. „Schon in den 60er Jahren wollten Bands ganz klar unterschieden wissen, zu welcher Gruppe sie gehören.“ Grenzen der Kategorisierung gibt es dabei kaum. Jede neue Generation wird einen neuen Stil prägen, um sich von einer anderen abzugrenzen. Udo Dahmen: „Interessant ist dabei, dass neue Generationen Stilmerkmale älterer Generationen unbewusst aufgreifen und damit wieder neue Trends setzen.“ Die Stilvielfalt wird also munter weiterbestehen.
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