Villingen-Schwenningen Mit Husarenhelm und Kettenhemd: Im Biwak erwecken 350 Teilnehmer die Geschichte zum Leben

Im Biwak des Historischen Grenadiercorps Villingen-Schwenningen werden die Ringanlagen für ein Wochenende in eine Zeitreise durch die Jahrhunderte. Ein etwas anderer Rundgang durch die Geschichte.

Rita Summa sitzt am Anfang der Geschichte. Sie trägt ein blaues Leinenkleid, einen üppigen Strohhut, die randlose Brille legt sie ab, wenn jemand sie fotografieren will – in der Mitte des 15. Jahrhunderts war ein solches Gestell doch eher unüblich. Wenn sie zur Handspindel greift, mit der sie Wolle spinnt, setzt sie die Brille wieder auf. Seit 17 Jahren legt sie für sechs bis acht Wochenenden im Jahr Jeans, T-Shirt und Brille ab und seit 2013 taucht sie mit der kleinen Handwerkertruppe D’Villinger in die Jahre 1460 bis 1480 ab. „Eine schöne Zeit“, sagt sie. „Es gab keine großen Kriege.“ Summa ist inzwischen in Rente, ihr Mann ist Finanzchef in einer Firma, es ist ein Ausgleich zum Beruf, sagt sie. Und es ist eine zweite Familie. „Man kennt sich, man hält zusammen. Und was man nicht kennt, das lernt man kennen.“

Das Biwak des historischen Grenadiercorps in den Ringanlagen ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Zeitreise. Es beginnt bei den Alemannen und endet im Zeitalter Napoleons im 17. Jahrhundert. Von Freitag bis Sonntagnachmittag haben dort rund 350 Teilnehmer in 140 Zelten das Leben, die Kriege und die Scharmützel ihrer jeweiligen Zeit nachgestellt.
Viele Gruppen zeigen das für ihre Zeit typische Handwerk im Biwak.
Viele Gruppen zeigen das für ihre Zeit typische Handwerk im Biwak. | Bild: Roland Sigwart
Über 3000 Besucher haben sich über die beiden Tage in die Geschichte gewagt, so Wolfgang Kunle, Vorsitzender des Grenadiercorps. "Wir hatten ein sehr interessiertes Publikum, es hat viel Spaß gemacht." 3,5 Ster Holz hatten sie im Vorfeld gesägt, 120 Ballen Stroh bestellt. Lagerfeuer und Matratzen für die Gäste.
Wolfgang Kunle, Vorsitzender des Grenadiercorps 1810 Villingen-Schwenningen (mitte) beim Aufmarsch der Gastgruppen am Samstagmittag.
Wolfgang Kunle, Vorsitzender des Grenadiercorps 1810 Villingen-Schwenningen (mitte) beim Aufmarsch der Gastgruppen am Samstagmittag. | Bild: Roland Sigwart

Am Ende der Geschichte, zur Zeit Napoleons, holt Leutnant Frank Wehrlin vom Großherzoglich Badischen Husaren Regiment, zweite Eskadron, den Tschako aus dem Zelt, wie der traditionelle Husarenhut genannt wird, und zuckt mit den Schultern: „Wir sind doch keine Schönwettersoldaten“, sagt er fast schon entsetzt ob der Frage, wie sie die Gewitter am Wochenende überstanden hätten. Die Zelte sind wasserdicht, Die Wolle der Uniform hält, einmal vollgesogen, warm, wer Holzschuhe trägt, friert auch Barfuß nicht. Das kleine Einmal Eins der mittelalterlichen Mode.





„Sehr schön“, findet er es hier. Auf dem Rost über dem Lagerfeuer liegt ein gusseisernes Waffeleisen. Es gibt noch einen Geburtstag zu feiern. „Die Lage unter den Bäumen ist perfekt“, sagt er. Schatten kann bei einer Uniform aus mehreren Lagen Wolle nicht hoch genug geschätzt werden. Zu zwölft sind sie angereist. Infanterie und Husaren. Normalerweise haben sie auch Pferde dabei, aber da hat ihnen die Stadt einen Strich durch die Rechnung gemacht. Zu eng sei es dafür im Biwak. Im zivilen Leben leitet Wehrlin ein kleines Autohaus in Iringen am Kaiserstuhl, Villingen ist sein drittes Zeltlager in diesem Jahr. Wenn er freitags in die Uniform steigt, zieht er sie bis Sonntag nicht mehr aus. „Die Zeit reizt mich, daraus ist das Land entstanden, wie wir es heute kennen.“

Gekocht wird im Biwak zeitgemäß über offenem Feuer. Meist Eintöpfe.
Gekocht wird im Biwak zeitgemäß über offenem Feuer. Meist Eintöpfe. | Bild: Roland Sigwart

Vom Lagerfeuer steigt Rauch auf, in den gusseisernen Töpfen köcheln Rindfleischeintopf oder Gemüsesuppe, auf den Zelten liegen Wollhemden und breite Baumwollunterhosen zum Trocknen, Speere, Fahnen, Schilde und Kanonen säumen den Weg, eine Laute erklingt, Metallbecher klirren und Holzschuhe klappern. Tim Hauser und Peter Schwarz vom Historischen Grenadiercorps 1810 Villingen-Schwenningen säubern ihre Waffen nach dem Gefecht, Dirk Meyer vom Opus Manuum Zabergäu knüpft Topflappen aus Metallringen. „Es muss ja nicht immer ein ganzes Hemd sein“, sagt er. Im Hintergrund fährt die Buslinie 39 in Richtung Villingen Nord und irgendwo wird eine Hecke geschnitten.

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