Ein Praktikum in München, dann eins in Hannover. Danach eine Stelle auf Zeit in Berlin. Festanstellung? Das war einmal. Die heutigen Hochschulabsolventen müssen vor allem flexibel sein.
Wer weiß, wo es sie als nächstes hin verschlägt. Kinder haben in dieser Lebensplanung lange keinen Platz - bis es bei manchen zu spät dafür ist. Den idealen Zeitpunkt, ein Kind zu bekommen, gibt es aber nicht.
Innerhalb der vergangenen 50 Jahre hat sich die Anzahl der Geburten in Deutschland um etwa die Hälfte reduziert. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden wurden im Jahr 2007 knapp mehr als 680 000 Geburten verzeichnet. 1957 waren es noch rund 1,2 Millionen. Nebenbei geht auch die Zahl der Eheschließungen zurück. Das durchschnittliche Heiratsalter von Frauen: 29,8 Jahre.
«Der Trend geht in allen europäischen Ländern zum Aufschub der Familiengründung», sagt Michaela Kreyenfeld vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock. «Diese Beobachtung zieht sich durch alle Bildungsgruppen.» Frauen bekommen Kinder also erst später - oder gar nicht mehr. Die Kinderlosigkeit sei vor allem unter Akademikern sehr verbreitet.
«Es wird vermutet, dass die Emanzipation der Frau und damit verbunden auch die beruflichen Möglichkeiten Auswirkungen auf diesen Prozess haben», sagt Kreyenfeld. Karriere machen fordert heutzutage mehr Flexibilität denn je. Arbeitslose Hochschulabsolventen sind längst keine Seltenheit mehr. Wann soll bei diesen unsicheren Verhältnissen Platz für ein Kind sein?
Die Karriereberaterin Jutta Bönig aus Überlingen am Bodensee glaubt: möglichst früh. Im Studium ein Kind zu bekommen habe den Vorteil, dass es bis zum richtigen Start der Karriere schon aus dem Gröbsten heraus ist. «Während der ersten Zeit nach der Geburt muss man am Ball bleiben. Das Ganze ist sicher nicht einfach und erfordert eine Menge Disziplin.»
Trotzdem sei die Flexibilität im Studium noch am größten. «Frauen schaffen zum Teil unglaubliche Spagate zwischen Beruf und Kind. Es funktioniert also», sagt Bönig. Wäre da nicht das Geld. Das Vorhaben Kind sei dadurch heute viel schwerer zu realisieren als noch vor einigen Jahren. «Die jungen Leute leben von Praktika mit wenig Geld und sehen ihren Partner nur noch am Bahnhof.»
Umstände, die auch auf Partnerschaften Auswirkungen haben. Michaela Kreyenfeld beobachtet, dass Beziehungen neu definiert werden. «Dadurch, dass viele Partnerschaften instabiler sind, wird auch die Familienplanung nach hinten verschoben.» Die Entscheidung, sich endgültig zu binden, werde immer wieder vertagt, bis der Kinderwunsch nicht mehr realisierbar ist.
Dabei sei es falsch, seine Wünsche zugunsten der Karriere zu opfern. Dagmar Terbeznik, Coach aus Berlin, ist sich sicher, dass beides geht: «Was man will, das schafft man auch. Man muss sich nur immer wieder klar machen, was man wirklich will.» Wer sich bewusst macht, dass es sich lohnt, lernt mit Stress positiver umzugehen. «Grundsätzlich ist es ja ein Gewinn, eine Familie zu gründen.»
Schwierigkeiten erwarten die werdenden Eltern nicht nur direkt nach dem Hochschulabschluss, sondern auch im Berufsleben. «Die meisten Unternehmen wollen, dass ihre Topleute immer vor Ort verfügbar sind», sagt Terbeznik. «Wer aus familiären Gründen mal früher gehen will, hat es oft schwer.» Da helfe nur das Gespräch mit dem Chef. Auch wenn das nicht immer zum gewünschten Ergebnis führt.
Auch der Partner muss die Entscheidung für das Kind mittragen. «Einige Paare kriegen das wunderbar hin. Manche führen sogar einen gemeinsamen Online-Kalender, um berufliche Termine und Kinderbetreuungszeiten einfacher abzustimmen», erzählt Terbeznik. Kinder kriegen heißt eben auch, kreativ zu werden.